11. September - Doppelkritik

”Wer betet am lautesten? Wer lacht zuletzt?”

Wie gelungen sind die Ausstellungen zum 11. September? Die art-Autorinnen Claudia Bodin und Ute Thon haben sich in Berlin und New York umgesehen. Eine Doppelkritik.
Kunst und Terror:die wichtigsten Ausstellungen zum 11. September

Der Grimassen schneidende George W. Bush, der sich für die offizielle Verkündung des Irak-Kriegs warm grinst – ein Video von Gianni Motti: "Shock and Awe", 2003, aus den KunstWerken

Während am Ground Zero die Gedenkstätte eingeweiht wurde, Präsident Barack Obama und sein Vorgänger George Bush in New York anreisten und Ausstellungen zum Gedenken an die Ereignisse des 11. Septembers eröffneten, waren die meisten New Yorker ganz einfach erleichtert, als der Jubiläums-Trubel zum zehnten Jahrestag endlich vorbei war.

Eine Ausstellung allerdings, die in aller Stille im MoMA-Ableger PS1 in Queens startete, zeigt, dass man den Schrecken von damals nicht nur dokumentieren kann. Kunst vermag, Schmerz auszudrücken und eine Tragödie wie diese fühlbar festzuhalten. Dabei entstanden rund zwei Drittel der 70 Arbeiten von 41 Künstlern aus der Ausstellung vor dem 11. September. Und nur wenige, die im Anschluss an die Terroranschläge gefertigt wurden, beziehen sich direkt darauf.

Die Präsenz der Twin Towers ist immer noch zu spüren. Sei es in Form von zwei Bäumen, die schemenhaft in einem Gemälde von Alex Katz zu erkennen sind, oder in der Art und Weise, wie sich unsere Kultur als Reaktion auf die Terror-Attacken verändert hat, so PS1-Kurator Peter Eleey, der die Ausstellung organisierte: "Die Schreine auf den Straßen und die spontanen Gedenkstätten, die nach 9/11 in der Stadt entstanden, bleiben für mich mit ihrer erinnernden Kraft unerreicht. Ich hoffe, dass diese Ausstellung eine andere Art bietet, über die Geschehnisse nachzudenken und die andauernde Präsenz der Ereignisse in unserem Leben reflektiert."

Eleey erreicht die Ausstellungsbesucher, indem er Arbeiten von unterschiedlichen Künstlern fließend zusammen oder gegenüberstellt. “September 11“ beginnt mit George Segals Skulptur einer Frau auf einer pechschwarzen Parkbank ("Woman on a Park Bench” von 1998), die schweigend auf den zu Staub verarbeiteten Motor einer Passagiermaschine blickt, den der britische Künstler Roger Hiorns zu einer zarten Landschaft verarbeitet hat. Christos verschnürtes Paket "Red Package" von 1968 sieht unter der Flagge von Barbara Kruger wie ein Leichensack aus. Kruger hat bei ihrer Arbeit von 1991 Stars and Stripes mit Fragen ersetzt: ”Wer salutiert am längsten?” fragt die Künstlerin. ”Wer betet am lautesten? Wer stirbt zuerst? Wer lacht zuletzt?”

Cady Noland, deren Thema schon immer die falschen Versprechungen des amerikanischen Traumes waren, hängte in ”American Trip” von 1988 einen Blindenstock neben eine Piratenflagge und die schlaff von einem Zaun hängende amerikanische Fahne. Im selben Raum befindet sich eine Arbeit der Malerin Maureen Gallace, die ein Einfamilienhaus im Grünen zeigt, das ohne Fenster und Türen nicht mehr als eine beängstigend glatte Fassade ist. Der in Kopenhagen lebende Jens Haaning spielt in ”Arabic Joke“ von 2006 mit der Angst vor Bedrohung, vor dem Islam und vor einer Kultur, die man nicht versteht, indem er einen arabischen Text auf ein Poster mit eindringlichen Farben druckte. Was wie ein Aufruf zum nächsten Terroranschlag wirken soll, ist die Niederschrift eines harmlosen Witzes. Ein Film, den der New Yorker Jem Cohen 1991 drehte, als mit Paraden in Downtown Manhattan das Ende des Golfkrieges gefeiert wurde und die New Yorker eifrig mit Flaggen wedelten, erinnert mit all dem Papiermüll, der anschließend auf den Straßen lag, auf gespenstische Weise an den Schutt, den die Towers hinterließen.

Jeremy Deller, der das berüchtigte Spruchband ”Mission Accomplished“, das George Bush für eine TV-Ansprache zum Irak-Krieg aufhängen ließ, nachproduzierte, teilt sich einen Raum mit Yoko Onos and John Lennons berühmten "War is Over! (if you want it)"-Plakat. Janet Cardiff lässt wie damals bei der Ausstellung im PS1 im September 2001 mit ihrer Soundinstallation einen Chor wie zum Trauergesang anstimmen. Der New Yorker John Pilson zeigt Bilder aus der Zeit von 1998 bis 2000, als er in einer Investmentbank nahe dem World Financial Center jobbte, und die anonymen, sterilen Büroräume fotografierte, die erst durch kleine Details wie die zusammengeflickte Schreibtischauflage menschlich werden. Den wohl emotionalsten Bezug zu der Tragödie stellt Stephen Vitiello her. Wer im feuchten Keller des PS1 Platz nimmt, lauscht den unheimlichen Geräuschen eines Sturmes und eines ächzenden Gebäudes. Der Sound-Künstler war 1999 Teilnehmer eines Programms, bei dem sich Künstler im World Trade Center einquartierten. Er installierte ein Mikrofon an einem der Fenster im 91. Stock des North Towers – und wollte damals nicht mehr als einen über die Stadt rasenden Hurrikan einfangen.

Berliner Impressionen: Der Terror der unscharfen Bilder

Man wollte es eigentlich gar nicht mehr sehen. Schon seit Wochen rollt die 9/11-Erinnerungsmaschinerie: Aus Anlass des 10. Jahrestages werden in Fernsehbeiträgen, Zeitungsberichten, Magazinserien und Leitartikeln wieder die altbekannten Bilder von den Terroranschlägen auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington abgespult. Auch auf dem Berliner Kunstwochenende konnte man ihnen nicht entkommen. Um so erstaunlicher, dass diesmal Künstlern und Kuratoren interessantere Fragestellungen einfielen als den Politikredakteuren.

Eine pointierte Analyse unserer Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten liefert die Fotosammlung Arthur Ganay mit der Gegenüberstellung von zwei Bildern von Thomas Ruff. Der französische Sammler, der seit fünf Jahren einen Showroom in Kreuzberg betreibt, zeigt Ruffs aus dem Internet kopiertes, stark verpixeltes Großbild vom Einsturz der Twin Towers neben einer "Nacht"-Arbeit von 1995, bei der der Künstler harmlose Stadtansichten mit Nachtsichtgerät fotografierte und so die grünlich-leuchtende Bildästhetik des ferngesteuerten ersten Golfkriegs imitierte. Dazu stellt Ganay schwarz-weiße Ruinenbilder vom ausgebombten Berlin nach 1945 von Arwed Messmer. Die konzentrierte Auswahl erzeugt ein Spannungsfeld, in dem Fragen zur Ästhetisierung des Krieges und der Diskrepanz zwischen realen Horror und geglätteten Bildern aufscheinen.

Einen diffuseren Beitrag zum selben Thema liefert die Ausstellung "Seeing is Believing" in den KunstWerken mit Arbeiten von 22 Künstlern, darunter angesagte Namen wie Adel Abdessemed, Paul Chan und Taryn Simon, aber auch alte Hasen wie der amerikanische Experimentalfilmer Kenneth Anger. Die Schau zieht sich über alle vier KW-Stockwerke und changiert zwischen knallhartem Politkunst-Diskurs und hintergründigeren Anspielungen. Es gibt ein Wiedersehem mit Inigo Manglano-Ovalles gespenstischen "Phantom Truck", der auf der letzten Documenta zu sehen war. Das in völliger Dunkelheit präsentierte Gefährt, mit dem Saddam Hussein angeblich Giftgas produzierte, steht heute als Symbol für die Skrupelosigkeit, mit der die US-Regierung seinerzeit kriegsentscheidende Fakten fälschte. Dazu passt auch der Grimassen schneidende George W. Bush, der sich für die offizielle Verkündung des Irak-Kriegs warm grinst – ein Video von Gianni Motti. Es gibt aber auch stillere Beiträge wie die abstrakte Fotoarbeit der als "embedded journalists" in Afganistan arbeitenden Künstler Adam Broomberg & Oliver Chanarin. Sie verweigerten sich der bildpolitischen Konvention der Kriegsberichterstattung und ließen stattdessen Fotopapier einfach nur von der Sonne belichten – eine exemplarische Übung zur Unmöglichkeit, wahre Bilder zu schaffen.

Die beste Ausstellung liefert C/O Berlin. Das ambitionierte Fotomuseum im Postfuhramt bürstet die konfektionierte Bilderflut zum Thema Terrorismus und 9/11 radikal gegen den Strich. Dabei werden provozierende Fragen zur Autorenschaft und Verfremdung ebenso gestellt wie zur Mittäterschaft des Betrachters. Darf man aus einem dramatischen Ground-Zero-Foto mit rauchenden Ruinen ein riesiges Puzzle machen? Ist das Zeigen unzensierter Bilder von zerstückelten Kriegsopfern ein Akt der Sensibilisierung oder Ausbeutung? Was passiert, wenn die bekannten Bilder der Zerstörung zum Takt eines Discosongs flimmern? Die Schau "Unheimlich vertraut" beschäftigt sich damit, wie sich Krieg und Terror im kollektiven Bildgedächtnis einschreiben und unsere Wahrnehmung trüben. Dazu hat Kurator Felix Hoffmann den Zeitrahmen aufgezogen und nimmt auch Bezug zu früheren medialen Terrorbildern: dem Geiseldrama bei den Olympischen Spielen 1972, Fahndungsfotos der RAF, die Schleyer-Entführung. Neben Arbeiten von rund 30 Künstlern, darunter Thomas Hirschhorn, Thomas Ruff, Walid Raad und Raymond Depardon, werden auch 200 Fotos aus dem Bildarchiv des "Spiegel" gezeigt. Der Gesamteindruck: vehemente Überforderung – wie im Krieg eben. Bemerkenswert auch, dass diese unbequeme Ausstellung mit Philip Morris einen Sponsor gefunden hat, dem es mal nicht darum zu gehen scheint, sich am Vernissageabend vor dekorativen Bildern selbstgefällig zuzuprosten.

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