Olafur Eliasson

Wasserfälle New York

"Hier kommt das Genie"
Presseansturm auf Olafur Eliassons Wasserfälle. art-Korrespondentin Claudia Bodin war auf einem der ersten Boote, mit denen man die Wasserkaskaden aus der Nähe sehen kann. Das Wetter schloss sich Eliasson an – Regenschirme waren Pflicht (Foto: Claudia Bodin)

"HIER KOMMT DAS GENIE"

2 Jahre Zeit, 15 Millionen Dollar und ein 200-Mann-Team waren nötig um die vier Wasserfälle des dänischen Künstlers Olafur Eliasson im New Yorker East River zu realisieren. Nun werden minütlich 150 000 Liter Wasser in beachtliche Höhen gepumpt und fallen dann wieder auf den Fluß hinab. Damit sollen Touristen aus aller Welt nach New York gelockt werden – mindestens 55 Millionen Euro soll das Spektakel einspielen.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Es war Olafur Eliassons großer Tag. Doch der Veranstaltungsort für die Pressekonferenz, zu der Journalisten aus aller Welt kamen, präsentierte Amerika von seiner hässlichen Seite: im dritten Stock eines Touristenbunkers zwischen üblen Fastfood-Restaurants und New-York-Nippes am Pier 17 am East River. Dass nur schlappe Bagels serviert wurden und Eliasson und Bürgermeister Michael Bloomberg die Presse eine halbe Stunde warten ließen, drückte auf die Stimmung.

Die Wasserfälle seien nichts weiter als ein Touristenspektakel, meckerte ein Korrespondent. "Wenn Eliasson ein New Yorker sein will, sollte er uns mehr Respekt zeigen", stellte ein heimischer Schreiber genervt klar. Es war ein schwüler Tag, der Himmel trübe. Regen hing in der Luft. Und Eliassons Wasserfälle, die man von der Terrasse sehen könnte, waren in all dem Dunst auf zauberhafte Weise unscheinbar. Sie schienen mit dem grauen Wasser, dem matten Himmel, den Hochhaustürmen und Brücken zu verschmelzen. Kein Kunstlicht, das sie in kitschigen Farben beleuchtete. Keine musikalische Untermalung. Sie waren einfach nur da und rauschten in ihrer gewaltigen Größe beruhigend vor sich hin. Als ob jemand vergessen hatte, den Wasserhahn der Millionenstadt abzudrehen.

"Ein Künstler, der Unmögliches möglich macht"

Als der sonst in Berlin lebende Künstler schließlich auflief, ging es so staatstragend wie beim Besuch eines hohen Politikers zu. Mit seinem zitronengelben Oberhemd schien Eliasson ein Zeichen an diesem düsteren New Yorker Tag setzen zu wollen. Bloomberg, der zugab, dass er dem Projekt zunächst so gar nichts hatte abgewinnen können, spielte gekonnt die Big-Apple-Klaviatur. Eliasson sei ein "Künstler, der Unmögliches möglich macht", deshalb würde er so gut zur Stadt passen. Die Niagara-Fälle hätten ernst zu nehmende Konkurrenz bekommen. Das mit Windenergie betriebene Öko-Werk solle die New Yorker zu mehr Umweltbewusstsein anregen. Susan Freeman vom Public Art Fund, der das Projekt realisiert hat, gab sich noch weniger bescheiden. Sie befand, dass es sich um das größte Kunstereignis der Welt handelt, und kündigte ihren Künstler als "Genie" an. Als die Veranstaltung endlich beendet war und 200 Journalisten das Schiff bestiegen, das sie zu den Wasserfällen bringen sollte, regnete es in Strömen.

Zwei Jahre hat Eliasson an dem 15-Millionen-Dollar-Projekt gearbeitet. Er hielt ein Team von 200 Ingenieuren, Designern, Umweltexperten, Tauchern, Elektrikern, Bauarbeitern und Projektmanagern, die all die Genehmigungen einholen mussten, auf Trab. Nebenbei organisierte er seine große Ausstellung "Take Your Time" in zwei Teilen am Museum of Modern Art und dessen jungen Ableger P.S.1 in Queens. Keine Frage, der Däne regiert diesen Sommer den New Yorker Kunstkosmos. Bis zum 13. Oktober werden Boote die Besucher zu den Wasserfällen schippern. Bloomberg persönlich soll einen großen Teil des Geldes zum Projekt beigesteuert haben. Der Bürgermeister erwartet, dass die Wasserfälle wie Christos und Jeanne-Claudes Gates vor drei Jahren die Touristen in die Stadt locken und die Wirtschaft ankurbeln. Es werden Mehreinnahmen von 55 Millionen Dollar erwartet – Christo und Jeanne-Claude bescherten der Stadt 254 Millionen. Natürlich werden jetzt schon kräftig Vergleiche angestellt. Ob Eliassons Projekt mit den Gates mithalten kann, fragten viele. Dabei ist der Künstler niemals angetreten, um es mit seinen Kollegen aufzunehmen.

Wasser als wichtiges Lebenselement

"Ich habe keine Angst vor einem Spektakel", versicherte Eliasson, der in seiner künstlerischen Laufbahn Flüsse einfärbte und in der Londoner Tate Gallery die Sonne aufgehen ließ. In New York will er mit dem fallenden Wasser ein Gefühl für Größe geben. Sein Wasser-Experiment soll einen neuen Blick auf die Betonburg von Manhattan vermitteln. Schließlich haben die New Yorker ihre dreckigen Flüsse und Ufer in der Vergangenheit verkommen lassen. Doch zumindest an der West Side von Manhattan, wo sich vor gar nicht langer Zeit noch Sexclubs und Stundenhotels befanden, entstehen nach und nach Parkanlagen und teure Luxusapartments. Gerade weil es nicht viel Natur in New Yorks Betonwüste gibt, ist das die Insel umspülende Wasser ein wichtiges Lebenselement.

Um daran zu erinnern, werden pro Minute 150 000 Liter Wasser in beachtliche Höhen gepumpt – die größte der vier Anlagen ist 37 Meter hoch. An vier Orten am East River stürzen die Wassermassen jeden Tag bis zehn Uhr abends in die Tiefe: an der berühmten Brooklyn Bridge, vor Governors Island, am Pier 35 von Lower Manhattan und an den Brooklyn Piers. Um die besten Bilder zu kriegen, schubsten sich die Kameraleute und Fotografen über das Deck des Presseschiffes. Die Fernsehmoderatoren versteckten sich unter Regenschirmen, damit ihre Kamera-Outfits nicht nass wurden. Die meisten waren derart damit beschäftigt, Bilder von Eliasson einzufangen und ihre Textchen aufzusagen, dass ihnen keine Zeit blieb, die Wasserfälle in ihrer kolossalen Einfachheit und Schönheit auf sich wirken zu lassen. Als sich die Fahrt dem Ende zuneigte, hörte auch der Regen auf. "Es geht hier nicht um mich, sondern um die Wasserfälle. Um die Beziehung zwischen Mensch und Stadt", erklärte der Künstler immer wieder. "Diese Arbeiten gehören den Menschen und New York."

Olafur Eliasson – The New York City Waterfalls

Termin: bis 13. Oktober 2008, täglich 7 – 22 Uhr, Dienstag und Donnerstag 9 – 22 Uhr, East River, New York. Außerdem die Ausstellung: "Take Your Time: Olafur Eliasson" bis zum 30. Juni im Museum of Modern Art und P.S.1, New York, täglich 10.30 – 17.30 Uhr.

http://www.nycwaterfalls.org

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2 Leserkommentare vorhanden

Werner Hahn

20:30

27 / 06 / 08 // 

ELIASSONs-KOMMERZ-Spektakel, BABEL-Hybris und das MONSTRÖSE

ART meldet: Die einen sagen, ELIASSONS Wasserfälle seien „nichts weiter als ein Touristenspektakel“, andere glauben, es handele sich um „das größte Kunstereignis der Welt“ und kündigten ihren Künstler als "Genie" an. In New York hat O. ELIASSON riesige 40m hohe künstliche Wasserfälle installiert; siehe ein Video unter www.ard.de - „nachtmagazin“; 27.06.08. Das 10-Mill.-Euro-Projekt soll der Stadt Zusatzeinnahmen aus dem Tourismus in Höhe von rund 34 Mill. Euro bringen. In „Die lange BABYLON-Nacht“ informierte das ZDF über die Berliner Groß-Ausstellung „BABYLON - Mythos und Wahrheit". BABYLON ist nicht BABEL. Berichtet wurde über den BABEL-Turm (Tower quadratisch-stufenförmig, 91 m hoch mit Innentreppen), den „ersten Wolkenkratzer der Menschheitsgeschichte“, dessen Spitze ein Tempel krönte. NEBUKADNEZAR & BABEL-Hybris wurden zum Vorbild größenwahnsinniger Gestalten: des „Künstlers“ & KUNST-Feindes A. HITLER, des Diktators CEAUSESCU oder des Despoten S. HUSSEIN. BABYLON & BABEL wurden zu einem SINNbild für die Sucht nach triumphaler Herrschaft. Die Welt bewundert die NIAGARAfälle: 50 m hohe, 800 m breite Klippen (American Falls und Horseshoe Falls). Das feuchte ELIASSON-KOMMERZ-Spektakel ist dagegen ein erbärmliches NICHT-Kunstwerk - East-River-„Gestell“-Verunstaltung als Folge eines „Dubai-Syndroms“ (FAZ)?! Der Mensch schätzt schon lange (vor ELIASSON) das Grosse, das Teuerste, das MONSTRÖSE – eben Superlative des Übermaßes; vgl. den „Turmbau zu Babel“ (1. Buch Mose, „Genesis“ 11, 1-9). Das symbolische BRUEGHEL-Gemälde „Großer Turmbau" (1563) ist kein RIESENSCHINKEN. Monströse „Kunst“ entstand in so manchen Maler- und Bildhauerwerkstätten.

Werner Hahn

16:27

28 / 06 / 08 // 

„Kunst“-KOMMERZ-Event mit Mängeln an SCHÖNHEIT

ELIASSONs „KUNST“-KOMMERZ-Spektakel wird als „Kunst“-Genuss & ökologische Bewusstseins-Erweiterung verkauft. Kritische Stimmen mehren sich, seit ELIASSON für Louis Vuitton Schaufenster mit einer Riesenpupille bestückte und für BMW einen tiefgefrorenen Rennwagen namens „Art Car“ entwarf. (So die NZZ am 28.06.). Der Verdacht wachse, dass „die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz in seiner manischen Manufaktur zunehmend fließen“. Die Reinszenierung natürlicher Phänomene geschieht in den Wasserfällen derart, dass die Konstruktion immer sichtbar bleibt. In ELIASSONs INGENIEURkunst-als-„Kunst“ soll SCHÖNHEIT als etwas technisch Gemachtes ausgestellt werden. Die Aluminium-Gerüste bleiben durch den Wasservorhang stets sichtbar. Es ist mit der SCHÖNHEIT wie mit der Magie – „wenn man weiß, wie sie funktioniert, ist sie verloren“ (NZZ). Auch die ökologische Botschaft dieses Projektes, das uns erklärtermaßen auf die kostbare Ressource Wasser und seine Nutzung & Verschmutzung aufmerksam machen will, komme „nicht recht rüber“, schreibt Andrea KÖHLER (NZZ). Trotz Schutzvorrichtungen für Fische bleibe der „ökologische Mehrwert“ dieser Konstruktionen, „eher fragwürdig“. Wohl dem, der die SCHÖNHEIT der NIAGARAFÄLLE erleben kann!

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