David LaChapelle - Hannover

Barock-Idylle mit Handy und Popcorn

Die Hannoveraner Kestnergesellschaft zeigt die erste deutsche Museum-Einzelausstellung des amerikanischen Exzentrikers David LaChapelle – der mit Anleihen beim Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei überrascht.

Irgendwie passt das zum Image des Exzentrikers: David LaChapelles Alter wird mal mit Jahrgang 1963 angegeben (Internet Movie Data base), mal mit 1969 (Who is Who), mal 1968 (Designboom.com) oder gar nicht (LaChapelles eigene Homepage). Berühmt wurde der amerikanische Fotograf mit schrillen, total überzeichneten Porträts von Celebritys wie Popsängerin Madonna, Baywatch-Busenwunder Pamela Anderson, Rapperin Lil’ Kim oder Sangeskünstlern wie Elton John, Michael Jackson und Christina Aguilera.

Es sind knallbunte, brutal ausgeleuchtete, mit Accessoires vollgepackte collageartige Kompositionen, denen ein Statement der Hannoveraner Kestnergesellschaft "Angst vor der Leere, Vorliebe für schlechten Geschmack, Schönheit, die ins Hässliche kippt" attestiert. Als prominentester Promi posiert auch schon mal Jesus mit einer Fangemeinde vor einem Montage aus dem Arc de Triomphe und den Colonnaden des Petersdoms oder zwischen einer Prostituierten und zwei Polizisten

Die Kestnergesellschaft zeigt jetzt die erste Einzelausstellung in einem öffentlichen Institut in Deutschland. Neben den allseits bekannten Celebrity-Fotografien überrascht eine Serie von Großformaten, die nicht mehr das exaltierte Bild des Menschen zum Inhalt haben. Vielmehr sind Früchte, Blumen und goldglänzende Gefäße die Protagonisten. LaChapelles bis zu zwei Meter hohen Fotos wirken wie gigantisch aufgeblasene Stillleben aus dem Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei. Granatäpfel, Weintrauben, Chrysanthemen, Tulpen, Lilien oder Flieder wirken, obwohl schon leicht verwelkt, verführerisch wie in den gemalten Ensembles der Barockzeit. Die Behandlung des Lichts, die Komposition – alles stimmt.

Bis auf verstörende Details, die den Betrachter gnadenlos ins 21. Jahrhundert katapultieren. Denn in die barocke Idylle mischt LaChapelle Zutaten wie Pappbecher, Getränkedosen, Popcornbeutel, Handys, Cocktailwürstchen, ausrangierte Karnevalsmasken – der ganze Zivilisationsschrott übersetzt die Vanitas-Symbolik des Barock, damals repräsentiert durch Totenschädel, Sanduhr, verlöschende Kerzen, welkende Blumen oder zerbrochenes Glas, in die Gegenwart.

David LaChapelle: Earth Laughs in Flowers

Termin: bis 8. Mai in der Kestnergesellschaft Hannover; Katalog im Verlag Gestalten, 38 Euro
http://www.kestnergesellschaft.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de