Realität und Fiktion - Potsdam

Schwindelgefühle am Wannsee

Zum Verhältnis von "Realität und Fiktion" findet eine gleichnamige Ausstellung in Potsdam - von Demand bis Walid Raad - allerhand Illusionistisches in der zeitgenössischen Kunst

Dies ist die Waffe, die perfekt zu dem Stoff über die moralisch verrohte Gesellschaft in einem postzivilisatorischen Science-Fiction-Thriller passen würde. "ID Sniper" heißt das höllische Gewehr, mit dem man einem Versprechen des Produzenten zufolge suspekten Individuen ein GPS-Chip unter die Haut jagen kann. Derart markiert soll sich der Verdächtige dann jederzeit wieder aufspüren lassen.

Das Gute, denn absolut Beruhigende an dieser perfiden Vorstellung von einer weltweit lückenlosen Überwachung unliebsamer Individuen: sie beruht auf dem reinen Phantasma des dänischen Künstlers Jakob Boeskov. Immerhin war Boeskov mit seinem bis ins Detail getürkten Waffenkonzept so erfolgreich, dass eine chinesische Firma ihm 2002 bei einer Pekinger Waffenmesse ein Joint Venture anbot. Das völlig funktionslose Fake des Implantiergewehrs aus Aluminium und Stahl wird nun feierlich in einer Glasvitrine in der Villa Schöningen zur Schau gestellt. "ID Sniper" ist eine der zentralen Arbeiten in der dortigen Sommerausstellung "Realität und Fiktion".

Kurator Friedrich von Borries untersucht mit dieser Gruppenshow die generell instabile und gerade heute immer verschwommener werdenden Grenze zwischen konstruierter Wirklichkeit und pseudorealistisch dargestellter Simulation: "Vor dem Hintergrund einer anwachsenden Fiktionalisierung aller Lebensbereiche stellt sich die Frage: Wie wird die Realität hergestellt, in der wir zu leben und agieren meinen?" Borries meint damit nicht nur die längst von Infotainment und Doku-Fiktionen unterwanderte Glaubwürdigkeit des vorgegeben Objektiven in den Medien, sondern auch unsere allgemeine politisch-ökonomische Situation: "Wie real ist ein kapitalistisches System, das auf materiellen Werten wie Derivaten und Optionen beruht, die keine Entsprechung in fassbarer Materie haben?" Konzeptuelle Künstler wie Beate Gütschow, Christoph Keller und Walid Raad untermauern bildmächtig die These eines fortschreitenden Verfalls jener Koordinaten, die unsere Vorstellung von einer fassbaren Wirklichkeit bislang entscheidend mit determiniert haben. Und natürlich gehört auch Thomas Demand dank seiner in Papier nachgebauten Modelle von massenmedialen Bildern zu den Protagonisten der halluzinativen Spirale von Realitätsvorgaukelung. Eines seiner jüngeren Fotos zeigt die Überreste von Whitney Houstons letztem Mahl, ehe der Popstar in einem Hotel verschied: Ein tristes, unpersönliches, denkbar banales Szenarium aus grüner Tischdecke, Bierdosen und Blumendekor, in das Demand zudem einige, wenige Lügendetails einbaute. Wem nach Ansicht der diversen Verschiebungen von Wirklichkeit und Fiktion noch nicht schwindelig geworden ist, der kann sich sein persönliches "Vertigo"-Gefühl durch das längere Betrachten einer aus schwarzweißen Op-Art-Wirbeln zusammengesetzte Tapete abholen. Den scheinbar rotierenden, ornamentalen Fond im Interieur der Villa hat der Künstler Mikael Mikael in Zusammenarbeit mit der Tapetenfirma Rasch entwickelt.

Dass Mikael Mikael ein reiner Künstlername ist, dürfte unschwer zu erkennen sein. Damit nicht genug: Man wird Mikaels Identität ebenso wenig habhaft wie jener von Nat Tate oder Dirk Dietrich Hennig, weil deren Biografien größtenteils fiktionale Züge tragen oder durch Rollenwechsel gekennzeichnet sind. So gelang es Dirk Dietrich Hennig tatsächlich einmal, unter dem gewitzten Doppelnamen George Cup & Steve Elliot der Londoner Tate ein gefälschtes Meisterwerk der Minimal Art unterzujubeln. Auch Connaisseure in den Weltmuseen können sich bekanntlich mit etwas Aufwand täuschen lassen.

Keineswegs zufällig ist übrigens diese Themenschau in der Villa Schöningen gelandet. Ina Grätz, General Managerin in dem Ausstellungshaus, erläutert den guten Grund: "Man muss sich klarmachen, dass das wunderschöne Bild des heutigen Potsdams nur wenig über die Geschichte der Stadt aussagt …. Da unser Haus direkt am Grenzübergang stand, lag es auch im sogenannten 'Todesstreife' hinter der Mauer." Stimmt schon, irgendwie ist man hier gerade im Spätfrühling wie benebelt von der entrückten Idylle der nahezu bukolischen Wannseelandschaft. Ein idealpreußisches Postkartenmotiv, das die dunkelsten DDR-Kapitel vergessen macht. Auch insofern lohnt sich die Feinüberprüfung von Illusion und Geschichtsträchtigkeit vor Ort. Die Ausstellung in der Villa Schöningen lässt an Verstrickungskraft jedenfalls wenig zu wünschen übrig. Nahezu jede künstlerische Arbeit erzählt für sich einen kleinen Roman über ferngesteuerte Suggestion und freiwillige Vorspiegelungen. Nur hätte man sich zu Jeremy Dellers immer noch fabelhaftem Film "Battle of Orgreave" von 2001 eine größere Projektionsfläche als diesen läppischen Monitor gewünscht. In seinem Re-enactment des wie eine historische Schlacht inszenierten Kampfes zwischen streikenden Bergarbeitern und teils berittener Polizei vermischt sich die erinnerte historische Wahrheit von 1984 mit den nachgestellten Eigenmächtigkeiten zu einem dichten Gewebe. Dellers aus dem britischen Alltag gegriffene Akteure und Komparsen rücken einem allerdings erst richtig in voller Lebensgröße und nicht derart verniedlicht auf den Pelz.

Realität und Fiktion

Villa Schöningen, Potsdam, bis 1. September 2013
Zur Ausstellung ist eine Zeitschrift erschienen



http://www.villa-schoeningen.org/ausstellungen/sonderausstellung/