Carsten Höller - Wien

Luxus-Leben

Bei Carsten Höller wird der Besucher Teil der Kunst, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary zeigt ihn jetzt groß in Wien.

Die Wiener scheinen begeistert: endlich Kunst zum Erleben, eine Ausstellung, in der Vögel zwitschern, in der man Träumen, Baden, sogar Zähneputzen darf.

Das ist einmal etwas anderes als der theorielastige Zugang, dem in der Wiener Szene sonst gerne gehuldigt wird. Carsten Höller heißt der Magier, der in Francesca Habsburgs idyllischer Augarten-Enklave sein Unterhaltungsprogramm abfackelt. Immerhin mit einigen sperrigen Rätseln versehen wie der "Halben Uhr", einem ästhetisch völlig unentschlüsselbaren Neonobjekt in Limettengrün, Türkis und Pink, das durch angestrengt-kompliziertes Blinken unsere Vorstellung vom Ablauf der Zeit verändern soll. Vielleicht bei dem, der die Anleitung dazu versteht. Vielleicht bei dem, der nicht an Mathe-Schwäche krankt...

Für alle anderen ist die Anspielung mit den höchst dekorativen Giftpilz-Skulpturen im Park vor dem Eingang in die Ausstellungshalle lesbarer: Auch im Fliegenpilz-Delirium verliert man ja angeblich seinen Zeitbegriff, man hofft, es niemals ausprobieren zu müssen. Ums Ausprobieren aber geht es wesentlich hier im "Leben", so der Titel von Höllers Schau. Was an sich schon skeptisch stimmt, denn mit dem banalen Leben will man in der Kunst ja auch wieder nicht abgespeist werden. Genau das passiert allerdings, betrachtet man diese neue Höllersche Versuchsanordnung, zusammengesetzt aus älteren und neueren Arbeiten. Im alles dominierenden Zentrum allerdings steht der Hotel-Gedanke – und der ist nun einmal schon ein alter. Auf einer in dreieinhalb Meter Höhe hochschraubbaren Betten-Insel kann man übernachten, so wie man 2010 schon im Hamburger Bahnhof übernachten konnte. Da tummelten sich rund um einen aber zumindest halluzinierende Rentiere. In Wien tummelt sich gar nichts rundherum. Das exklusive Erlebnis ist eine Nacht im Museum sozusagen, mittlerweile eine fixe Größe im Kinderprogramm vieler Institutionen. Jetzt also auch im Augarten. Zum Wiener Luxushotel-Preis noch dazu, 390 bis 490 Euro soll einem dieser arty Sleep-Over wert sein, Frühstück inklusive. Und eine "trauminduzierende" Zahnpaste inklusive, die Höller mit einem Parfümeur entwickelt hat. Da liegt man dann in einem Bett in einem Ausstellungsraum und träumt hoffentlich aufregende Sachen.

Denn alles andere, was man hier nächtens kann, ist untertags ebenfalls erhältlich. Und zwar bei freiem Eintritt. Ein Bad etwa in einem ebenfalls erhöhten Salzwasserbecken, Floating nennt man das und ist seit Jahren im Wellness-Bereich bekannt. Wer sich das unter Tags traut und wem vor dem öffentlichen Becken nicht graut, dem sei hier allerdings gratuliert. Eine Dusche steht zwar davor – aber wer weiß schon...

Die zwei Vögel in den zwei Käfigen, die eine eintrainierte Melodie pfeifen, wenn sie pfeifen, sind ebenfalls 24 Stunden zu erleben. Und auch der Reiz, das Video mit der Konversation der Zwillinge gerade um Mitternacht belauschen zu können, erschließt sich nicht unbedingt – noch dazu, wo man an dieser ewig um Besucher ringenden, abgelegenen Location damit rechnen kann, ohnehin in der Regel alleine hier durch die Räume zu wandeln. Die Videoinstallation "Vienna Twins" ist allerdings noch das Unterhaltsamste: Zwei ident aussehende Mädchen sprechen miteinander auf zwei Schirmen: "I always say the same of what you say", sagt die eine. "I always say the opposite of what you say", die andere. Woraus die erste logischer Weise mit "I alw ys say the opposite of what you say", antwortet. Und die zweite dem natürlich widerspricht und so fort. Das hat Witz und Tiefgang und ist immerhin extra für und in Wien entstanden. Es erinnert an märchenhafte, surreale Endlosschleifen, die einen in Alices Wunderland führen könnten. Hinter dem Eingang aber wartet nur ein schnödes, sauteures Hotelzimmer mit Wellness-Zone, das sich angeblich nur dem erschließt, der dafür ordentlich blecht. Hier wird diese Versuchsanordnung "Leben" zynischer als sie gedacht ist: Denn dieses Leben muss man sich erst einmal leisten können.

Carsten Höller: LEBEN

Thyssen-Bornemisza Art Contemporary
bis 23. 11.

Limitierte Nächtigungs-Termine um den Sonderpreis von 120 Euro werden übrigens auf Facebook bekannnt gegeben.
http://www.tba21.org/augarten?locale=de

Mehr zum Thema auf art-magazin.de