Kunst im öffentlichen Raum - Essay

Wo das Leben tobt

Ob absurde Stadtrundgänge, Gesänge zu Kirchenglocken oder Videos auf Häuserfassaden – eine neue Künstlergeneration spielt mit dem, was der urbane Raum bietet. Doch hinter dem bunten Treiben steckt mehr als nur ein Spiel: Es geht um das Moment der Freiheit im stark strukturierten, kontrollierten und überwachten Raum.
Wo das Leben tobt:Kunst im öffentlichen Raum

Nasan Tur: "Backpacks", 2006-2008, Demonstrations-Rucksack bei der Frankfurter Ausstellung "Playing the City"

Alles fing mit den Reiterstandbildern an: Oft stehen sie seit mehr als hundert Jahren monumental auf ihren Sockeln. In Herrschermanier thronen sie über den Köpfen der Betrachter – stolz, mit erhobenem Haupt, die Zügel ihres Pferdes fest in der Hand. Diese Ikonen sind für die Ewigkeit gemacht.

Der Gedanke, eine Kunst für jedermann zu schaffen, ist alt. Sollten einst die Denkmäler von den Großtaten der dargestellten Personen berichten, so ist der informative Charakter der Kunst im öffentlichen Raum dem Aspekt der Zeitlichkeit gewichen. Heute machen Künstler die Stadt zur Bühne. Sie erobern den städtischen Raum, hinterlassen überall ihre Spuren. Sie spielen mit dem was sich anbietet: singen Lieder synchron zu läutenden Kirchenglocken, errichten verlassene Cafes, projizieren Videos auf Häuserfassaden oder führen absurde Stadtrundgänge. In der letzten Zeit gab es eine rege Auseinandersetzung mit der Bespielung der Stadt: Das Hamburger Theater Kampnagel veranstaltete ein interdisziplinäres Symposium, die Schirnkunsthalle Frankfurt organisierte eine große Ausstellung im Freien, und immer mehr Künstler nehmen sich in ihren Arbeiten der Stadt an.

Kunst im öffentlichen Raum ist vielfältig und dynamisch, im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich diese Kunstform verändert und entwickelt. Nach dem Aufgriff des antiken Vorbilds der Reiterstandbilder kamen ab den fünfziger Jahren die ersten Plastiken in die Städte. Der Höhepunkt dieser Bewegung wurde mit der Diskussion um die Nanas von Niki de Saint-Phalle in den siebziger Jahren in Hannover erreicht. Doch nicht nur das Aufstellen von Statuen ist unter dem Begriff Kunst im öffentlichen Raum zu verstehen, es sind vor allem auch Formen, die konkret in bestehende Materialien der Stadt eingreifen und meist aus dem legalen Rahmen ausbrechen, bereits seit den siebziger Jahren bekannt. So intervenierte der US-amerikansche Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark in den siebziger Jahren in Architektur, indem er leer stehende Häuser spaltete und ganze Teile von Mauern heraussägte, sein Eingreifen in das Bestehende war seine Reaktion auf konservative Architektur, die dem Experiment kaum Raum gegeben hatte. Modernere Formen des Eingreifens in die Stadt sind weitläufig unter dem Namen Street Art bekannt. Gemeint ist hiermit meist das Sprayen, Malen oder Plakatieren, aber auch das Aufstellen von Figuren an den Leinwänden der Stadt, wie Fassaden, Ampeln, Telefonzellen oder Bänken.

Doch das momentane Hauptinteresse der künstlerischen Interventionen scheint nicht mehr das Agieren mit bestehenden Materialien zu sein und Spuren durch konkrete Veränderungen hinterlassen zu wollen. Vielmehr wird die Stadt als Gesamtraum bespielt, die Permanenz weicht der Temporalität. Das starre Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter ist aufgehoben. Als Vorreiter dieser aktuellen Projekte können die kurzlebigen Kunstformen gesehen werden, die aus der dadaistischen Bewegung und der frühen Avantgarde entsprungen sind, wie der Fluxus und das Happening.

Diese Kunst reagiert auf das Leben, wo es passiert

"Wenn man Menschen dazu bringt, an Kunst mitzumachen, dann kann das in einer Freiheit münden, die zumindest als Horizont beziehungsweise als Möglichkeitssinn vorhanden ist", erzählt Matthias Ullrich, Kurator der Schirnkunsthalle in Frankfurt. Dieser Mann mit intellektuellem Auftreten – Vollbart, Hornbrille, schwarzes Hemd unter schwarzem Samtsakko und Turnschuhe – muss es wissen. Ulrich hat letztes Jahr die groß angelegte Ausstellung "Playing the City" kuratiert, die zwei Wochen lang das Frankfurter Stadtgeschehen in künstlerische Aktivitäten involvierte. Den Takt der Stadt verändern, in Rhythmen eingreifen, private Handlungen offen legen, mit Irritation spielen, Absurditäten des Lebens aufzeigen – das sind Themen, für die sich die Künstler, die sich mit der Bespielung der Stadt beschäftigen, interessieren.

So auch das in Frankfurt ansässige Künstlerduo Wiebke Grösch und Frank Metzger: Es ist laut, alles scheint im gewohnten Rhythmus zu passieren. Stimmgewirr, schnelle und langsame Schritte, Musik aus verschiedenen Richtungen, Autolärm, Straßenbahngeräusche: Der Takt der Großstadt ist spürbar. Viel Beachtung bekommen die Männer in den neongelben Westen nicht, die mit einem Stapel Zeitungen im Arm an den Verkehrskreuzungen entlang schlendern. Der Anblick dieser Verkäufer ist zu gewohnt, immerhin werden tagtäglich tausende Zeitungen auf diese Weise an die Konsumenten gebracht. Sie gehören genauso zu dem Stadtbild, wie die symbolträchtigen Wirtschaftstower. Auch der Umstand, dass die Verkäufer heute die aktuelle Zeitung aus Sri Lanka anbieten und ihre Westen die Aufschrift "News from Home" ziert, scheint niemanden aufzufallen. "Dieses spezielle Bild der Zeitungsverkäufer aufzugreifen und zu adaptieren, um die prekären Arbeitsbedingungen zu thematisieren und auf dezente Weise den Job noch sinnloser zu machen: Da steht jemand, dessen Zeitung ich nicht lesen kann", darum ging es Wiebke Grösch und Frank Metzger in ihrem Projekt, das ebenfalls ein Part der Schirnausstellung war. Sie wollten "die Verbindungen herstellen, wo Leute herkommen, und das aktuelle Weltwissen in gedruckter Form zusammen bringen."

"Botschaften subtil bemerkbar machen"

Diese Kunst reagiert dort auf das Leben, wo es passiert: auf der Straße. Doch kann Kunst eine moralische Institution darstellen? Die Schweizer Künstlerin Clarina Bezzola, die bei dem diesjährigen "Playing the City II" (September 2010) ein Projekt mit einbringen wird, hat diese Frage in einer ihrer früheren Performances aufgegriffen. "Judgement Day" beruht auf dem permanenten Drang vieler Menschen über alles zu urteilen. Bezzola hat eine Frau, ausgestattet mit zwei riesigen großen Fingern in Art von Boxerhandschuhen, einen Tag lang durch eine Stadt laufen lassen, um alles zu kommentieren was ihr begegnet, und sie dabei gefilmt. Hiermit stellt sie die Kunst als moralische Institution in doppelter Hinsicht in Frage: zum einen durch den künstlerischen Rahmen, indem sie in das Alltagsgeschehen interveniert und die Zuschauerrolle dadurch auflöst, dass das Kunstwerk als solches erst durch die zufällige Begegnung und die Reaktion der Passanten stattfindet. Zum anderen durch die inhaltliche Ebene des symbolischen Charakters der moralischen Zeigefinger, welche die Strukturen unser Gesellschaft in Frage stellen.

Die Zufälligkeit der Begegnung des Künstlers mit dem Publikum und die Zeit in der sie stattfindet sind wichtige Elemente zur Realisierung der Stadtperformances. Die Wirkung beim Betrachter kann man nicht immer einschätzen. Grösch und Metzger wissen, dass "Botschaften sich subtil bemerkbar machen". Ulrich sieht die mögliche nachhaltige Wirkung ähnlich: "Kunst im öffentlichen Raum kann andere Atmosphären schaffen, die gewohnten Kleinigkeiten des Alltags umstellen und Ideen weiter tragen. Es sind die sozialen Kräfte, die bei den Interventionen das Verständnis der Themen auslösen."

Künstlerische Strategien der Aneignung von urbanem Raum

Die Entwicklung zum gegenwärtigen Interesse der temporären Aufführungen im öffentlichen Raum vollzieht sich nicht leise, sondern findet laut in Diskussionen statt. Es ist nicht neu, dass sich weitaus mehr Disziplinen als nur die Kunst mit künstlerischen Interventionen außerhalb von institutionalisierten Räumen auseinandersetzen, und die Kunst zur Eventisierung und Kommerzialisierung von Stadt nutzen. Neu ist, dass das Interesse sich nicht nur auf die Ästhetik der Darstellung beschränkt, sondern einen Gedanken der gemeinsamen sozialen Verantwortung der immer schneller werdenden Metropolen aufgreift. Auf dem Hamburger Kampnagel fand jüngst ein öffentliches Symposium statt, das es sich zum Ziel gemacht hatte, künstlerische Strategien der Aneignung von urbanem Raum und daraus resultierende Formen der Partizipation und Stadtentwicklung zu untersuchen. Hierbei saßen Stadtplaner, Künstler, Kuratoren, Theatermacher, Soziologen und Kriminologen an einem Tisch und diskutierten über den Sinn und Unsinn von urbanen Möglichkeitsräumen, Praktiken städtischer Innovationen und neuen interdisziplinären Schnittstellen. Eine Stimmung des Aufbruchs ist zu spüren: Doch welche Richtung er einschlägt, ist noch nicht klar zu erkennen.

"Kunst an sich kann nicht viel"

Vielleicht müssen die neuen Entwicklungen sich erst einmal vollziehen, vielleicht müssen die verschiedenen Disziplinen erst zusammen finden, um sich dann wieder von einander zu isolieren und zu definieren. Doch die Frage bleibt, welches Interesse sich hinter der Aufmerksamkeit für die Kunst im öffentlichen Raum verbirgt. Es scheinen nicht nur die Möglichkeiten zu sein, seine jeweils eigene Disziplin weiterzudenken und interdisziplinär zu arbeiten, sondern auch der Reiz, ganz neue Räume zu schaffen, indem der Raum des Gebäudes sich in den Stadtraum erweitert und somit die Intimität des zugedachten Raums in eine Kunst für alle transformiert. Jedenfalls wird dieser Anschein erweckt, wenn man sich Ausstellungen in der Art von "Playing the City" ansieht: die Kunst aus dem Museum hinaus und somit zum Betrachter zu bringen, eine ganze Stadt mit den verschiedensten Aktionen zu bespielen, das könnte auch der öffentliche Todesstoß des Museums als Ort an sich bedeuten. Doch Schirnkurator Matthias Ulrich sieht das Heraustragen der Kunst keineswegs als Resignation des Ortes, sondern als Expansion des Museumsraums. Er versichert, dass so eine Veränderung auch immer ein Potenzial birgt, welches sich erst entfalten muss. "Die Kreativität ist ein weites Feld und wirft eine Frage auf, die sich der gesamtgesellschaftlichen Situation schuldet: Inwiefern kann man sich als Mensch, Bürger, Teilnehmer in den laufenden Diskurs mit einbringen? Diese Frage kann man mit und durch Kunst sehr gut simulieren." Die Qualität der Kunst im öffentlichen Raum besteht in der Möglichkeit, politische und gesellschaftliche Themen subtil darzustellen und die Rolle des Zuschauers als ein Teil der Realisierung des Projekts mit einzubeziehen und somit ein gemeinschaftliches Gefühl der Verantwortung zu erzeugen.

Doch was kann Kunst im öffentlichen Raum? "Kunst an sich kann nicht viel", sagt Ulrich, "Es ist nicht Sache der Kunst, den Stadtraum zum Event zu machen oder zu verschönern. Vielmehr geht es darum Räume zu schaffen, in denen gemacht werden kann, was die Künstler wollen." Die Möglichkeiten, die momentan neu gedacht werden, sind ein Ausdruck der verschiedenen Disziplinen, verantwortlich zu handeln, Missstände aufzuzeigen und sein Umfeld mitzubestimmen. Diesen Wunsch kann auch ein Museum mit verhandeln, wie Ulrich mit der Beantwortung der Frage nach der Wichtigkeit einer Kunst im öffentlichen Raum verdeutlicht: "Das Moment der Freiheit, das was sich im stark strukturierten, kontrollierten und überwachten Raum noch ergeben kann: genau dafür muss man kämpfen und nicht für weitere Denkmäler und Kunstwerke im öffentlichen Raum." Es bleibt also noch ein wenig Spiel mit der Illegalität. Das Anliegen besteht darin, die Strukturen der Stadt zu unterwandern und kreativ auf diese zu reagieren, auch wenn es nun unter dem legalen Deckmantel der Öffentlichkeit stattfindet.

"Playing The City II"

Termin: 9. September bis 26. September 2010, Schirn Kunsthalle, Frankfurt
http://www.schirn-kunsthalle.de/index.php?do=exhibitions_detail&id=103