Clemens von Wedemeyer - Braunschweig

Dr. Zwirners Versuche

Documenta-Künstler Clemens von Wedemeyer schafft für den Kunstverein Braunschweig ein begehbares Hörspiel zwischen Dokumentation und Science Fiction. Eine eindringliche Inszenierung zum Machtinstrument Sprache – unsere Autorin ist begeistert.

Eigentlich ist Clemens von Wedemeyer ja Filmkünstler. Auf der letzten Documenta setzte er die düstere Geschichte des einstigen Benedektiner-Klosters Breitenau bei Kassel neu in Szene. Und als er letztes Jahr Stipendiat in der römischen Villa Massimo war, nahm er mit der Röntgenkamera das überbordende Skulpturenlager der Filmstudios von Cinecittà ins Visier. Mit Kamerafahrten, Lichteffekten und Filmzitaten betont Wedemeyer dabei gerne das "Making of" des Films und rührt somit auch an Kinokniffe aus der Vergangenheit. Spielfilm und Dokumentation greifen dabei stets ineinander – doch eines fällt immer auf: Das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Dass das, was die Kamera aufzeichnet, unterwandert wurde. Von einer zweiten Geschichte. Ob fiktiv oder real, ist nicht so einfach festzumachen.

Wedemeyers Filme tragen eine Art Eigenleben in sich, einen Unterton, der immer wieder souffliert: Stimmt das? Kann man dem trauen, was man sieht? Wie viel Spiel steckt im Spielfilm, und wie viel Wahrheit birgt die Dokumentation? An solchen Fragen manifestiert sich Wedemeyers Rolle: als Künstler zu arbeiten, nicht als Regisseur.

Im Kunstverein Braunschweig ist nun etwas entstanden, das auf den ersten Blick so gar nichts mit Film zu tun hat. Wedemeyer hat die klassizistische Villa Salve Hospes in eine Art begehbares Hörspiel verwandelt. Vermittelt über Lautsprecher und Kopfhörer, begleitet von Diagrammen, Projektionen einzelner Sätze oder dem Röntgenfilm eines sprechenden Kopfes, entfaltet sich ein Parcours von einem fast magischen Minimalismus. Dabei ist das Hörspiel im eigentlichen Sinne gar keines. Wedemeyer hat sich bei den Materialien des Deutschen Spracharchivs bedient, das von 1939 bis 1945 in der Villa Salve Hospes untergebracht war. Sein Gründer war 1928 Dr. Eberhard Zwirner, der Vater des berühmten Galeristen Rudolf Zwirner. Er stellte Forschungen zu Sprachstörungen und Mundarten an und unterschied zwischen psychischen und physischen, genealogischen und genetischen Faktoren – was nicht ganz unberührt war von den eugenischen Gesetzen der Nazis.

"In der Ausstellung wird die Frage von gesunder und kranker Sprache verhandelt" tönt es daher gleich in der Eingangsrotunde als digitale Stimme von einer der römisch anmutenden Götterstatuen, denen ovale Spiegelflächen wie Robotermasken vors Antlitz gesetzt sind: Die reflexive Ebene wird zur Startrampe der Schau. Im Haus tastet man sich daraufhin durch ein reduziertes Science-Fiction-Setting, wobei man nicht genau weiß, was nun Wissenschaft ist und was Fiktion. Kleine Lautsprecher sitzen auf runden, kupferspiegelnden Acrylscheiben, die im Raum schweben und bei jedem Toneinsatz wie eine Klangskulptur sanft zu schwingen beginnen. Flache runde Boxen mit langen Kabeln am Boden erinnern an fremde Wesen mit Tentakeln, und die Wellen der Tonvisualisierungen auf Papier sehen aus wie kosmische Messungen – der gesamten Installation im Haus haftet etwas Planetarisches an, zumal hier ja auch eine Zeitreise stattfindet: Man lauscht historischen Sprachtests oder den Dialogen einer Patientin mit ihrem Arzt vor und nach einer Gehirnoperation am Sprachzentrum – und merkt, wie sich daran Machtverhältnisse ablesen lassen, wenn der Arzt etwa fragt, warum sie die Wände mit Exkrementen beschmiert hat und wie bei einem Verhör mehrmals wiederholt: "Hm? Warum machen Sie das?"

Selten wurde Sprache so elegant und enigmatisch inszeniert

Nach der Leukotomie wirkt die Patientin klarer, stellt selbst Fragen, etwa nach dem Operationsverfahren – doch der Arzt verweigert die Antwort, weil er einer Laiin nichts erklären will. Einen Raum weiter läuft dazu ein neuer Film, der zeigt, wie eine Linguistin und eine Psychologin das Gespräch analysieren, anhand von Grafiken wie "Kognition und Gedanken" und "Gesamtemotionsindex" auf Gefühle und Gedanken der Gesprächspartner schließen. Eine weitere Verhörsituation entwirft Wedemeyer mit einem dadesken Gespräch zwischen den Büsten in der oberen Rotunde, wobei diesmal ein Arzt der Angeklagte ist; ein alter Holztisch im Nebenraum spiegelt die Gegenüber-Situation als schlichtes Ready-Made. Keine Frage: Selten wurde das Thema Sprache Machtinstrument und Identitätsstifterin, als Quelle von Konfusion und Präzision so elegant und enigmatisch inszeniert wie hier, und am Ende wirkt die Ausstellung wie ein einziger filmischer Raum, den man behutsam tastend abschreitet, ohne je auf Anfang oder Ende zu stoßen.

Ein Hauch von Sci-Fi lag bereits in den Vorbereitungen zur Ausstellung: Als Wedemeyer das inzwischen in Mannheim ansässige Archiv aufsuchte, wo heute Phonetiker, Linguisten und Historiker forschen, stieß er auf alte Metallmatrizen von 1932. Niemand wusste, was darauf war, also wurden sie digitalisiert: Heraus kamen Patientengespräche mit Aphasikern – Menschen, die nicht singen können. Die Versuche, "Ich hatte einen Kameraden" oder "Der Mai ist gekommen" zu intonieren, kann man nun im Obergeschoss hören – auf einer selbst zu bedienenden Schallplatte, an der Wand die originalen Kupfermatrizen, vor den Augen der Garten der Villa und der Park dahinter, was plötzlich wie ein Freiraum wirkt.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", hat Ludwig Wittgenstein einmal gesagt. Dr. Zwirners Versuche, dahinter Gesetzlichkeiten aufzudecken, hat Wedemeyer nun als Found Footage genutzt, wie er es auch in seinen Filmen tut. Dass er dabei nicht didaktisch oder betulich wird, sondern das Möglichkeitspotenzial in historischem Material durch eine klangskulpturale Raumkomposition aufdeckt, unterscheidet ihn von anderen Künstlern, die die Geschichte als Steinbruch verwenden, um dann mit eher angestrengt ausgedachten Gesten in die Folklore-Falle zu tappen, wie es auf der letzten Berlin Biennale stellenweise passiert ist. Dagegen steckt hinter Wedemeyers Arbeit vor allem ein Gedanke: Grenzen und Gesetze möglichst weit zu dehnen. So weit, dass darin ein ganz eigener Klang ertönt.

Clemens von Wedemeyer – Every Word You Say

Termin: bis 16. November 2014 im Kunstverein Braunschweig
http://www.kunstverein-bs.de/