Turner-Preis 2009 - Nominierungen

Die Rückkehr der Handwerker

Die vier nominierten Künstler für den diesjährigen Turner-Preis stehen fest – und überraschen. Videokunst fehlt diemal völlig, aber dafür rückt das Zeichnen wieder in den Mittelpunkt.
Rückkehr der Handwerker:Überraschende Nominierungen für den Turner-Preis

Die Überraschung der vier Nominierten ist der in Italien geborene Enrico David. Hier: "Ultra Paste", 2007, Installationsansicht, ICA, London. Noch bis zum 3. Mai in der Ausstellung "How Do You Love Dzzzzt by Mammy?" im Museum für Gegenwartskunst in Basel zu sehen

Keine Videos oder Filme, keine aus Gegenständen der Wegwerfgesellschaft bestehenden Installationen, keine eingemachten Tiere oder ungemachte Betten – die diesjährige Shortlist des mit 25 000 Pfund dotierten Turner Preises der Tate ist einmal anders. Für drei der vier nominierten Künstler steht das Zeichnen im Mittelpunkt, der vierte im Bunde arbeitet meist mit Chemikalien. Alle legen Wert auf das Handwerkliche bei der Entstehung ihrer Kunst.

Roger Hiorns, 34, ist "ein moderner Alchimist". So nennt ihn jedenfalls Jurymitglied Andrea Schlieker. Er arbeitet mit sich schnell verflüchtigenden Substanzen wie Spülmittelschaum oder Parfüm. Im vergangenen Herbst verwandelte er eine leerstehende Südlondoner Sozialbauwohnung in eine magische Grotte. Er übergoss sie mit einer Kupfersulfatlösung und wartete, bis sich nach Abkühlung Kristalle bildeten und Wände, Decken und Fussböden in ein atemberaubendes Blau tauchten. Besucher mussten wegen der Giftigkeit der Chemikalie Überschuhe und Gummihandschuhe tragen, die Kristalle knirschten unter den Sohlen der Schuhe. "Seizure" nannte der Künstler seine Installation und sprach von ihrer "aggressiven Natur".

Lucy Skaer, 34, ist die einzige Frau auf der Liste. Die in Glasgow und London arbeitende Künstlerin begann als reine Zeichnerin, hat sich in letzter Zeit verstärkt aber auch der Plastik zugewandt. Ihre Installation "The Siege" (2008) verknüpfte Zeichnung und Skulptur, mit direkten Anspielungen an Arbeiten von Leonardo da Vinci und des Bildhauers Constantin Brâncuşi. Ihre Arbeiten können von großer, delikater Schönheit sein, sind aber oft sperrig und schwer zu durchdringen.

Jonathan Jones wünscht sich "einen aufregenden Turner-Preis"

Richard Wright, 49, der älteste der Gruppe und ebenfalls in Glasgow ansässig, sieht sich noch ausschließlicher als Lucy Skaer als Zeichner, allerdings im Großformat. Als "zeitgenössischen Freskomaler" bezeichnet ihn Jurymitglied Jonathan Jones, Kunstkritiker des Guardian. Seine Wandzeichnungen und –gemälde, die normalerweise nach der Schau übermalt werden, haben oft den Raum, in dem sie entstehen, zum Thema. Bei den Internationalen Festspielen von Edinburgh vor zwei Jahren bemalte er Wände und Decke eines Hauses aus dem 18. Jahrhundert mit einem komplizierten Muster, das in seiner endlosen Wiederholung an arabische Kalligraphie erinnerte.

Die Überraschung der vier Nominierten ist der in Italien geborene Enrico David, 43, mit seinen surrealistisch angehauchten Gemälden und Skulpturen. Seit Anfang der Neunzigerjahre und nach einem Studium an der Saint Martin’s School of Art lebt und arbeitet der figurative Maler in London. Die italienische Commedia dell'Arte ist ihm oft Inspiration, sein Werk ist voll von abgründigem Humor, seine verzerrten und mutierten Körper beunruhigen aber auch.

Als er in die Jury berufen wurde, wünschte sich der "Guardian"-Kunstkritiker Jonathan Jones "einen aufregenden Turner-Preis". Man wird sehen, wie aufregend die Auswahl wirklich ist, wenn am 6. Oktober die Ausstellung der vier Nominierten aufmacht. Dass sie als einzelne Künstler und als Gruppe so anders sind als in vergangenen Jahren, ist ein gutes Omen. Am 7. Dezember wird dann der Gewinner bekanntgegeben, wie üblich live im Fernsehen.

"Turner-Preis 2009"

Termin: 6. Oktober 2009 bis 16. Januar 2010, Tate Britain, London
http://www.tate.org.uk/britain/turnerprize/

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