Maurizio Cattelan - Kunsthaus Bregenz

Grosses Pathos für eine grosse Saga

Krieg, Familie, Tod und Trauma – mit Nebensächlichkeiten hat sich Maurizio Cattelan noch nie aufgehalten. In seiner neuen Ausstellung im Kunsthaus Bregenz erzählt er mit großem Pathos und großer Geste eine große Saga, die niemanden kalt lassen kann. Zu existenziell sind die Situationen, die er für uns inszeniert. Unübersehbar, mitten in den eleganten weiten Hallen des ikonischen Peter-Zumthor-Monolithen.

Als Auftakt irritieren in der ganzen Stadt schon die wüsten Plakate, die einen auch im Erdgeschoss des Kunsthauses empfangen: Einst ließen die Nazis das Sujet entwerfen, um London vor der Bombardierung zu demoralisieren. Cattelan hat diese Vorlage umgestalten lassen, so dass der mächtige Daumen jetzt abwärts auf die brennende Skyline von Bregenz weist.

Im ersten Geschoss dann das Gegenbild zum brutalen Schrecken, ein ganz labiles Konstrukt: Zwei sanfte Labradorhunde bewachen aufmerksam ein dottergelbes Küken. Täuschend lebensecht wirkt das Grüppchen ausgestopfter Tiere, das verloren, wie ausgesetzt in Mitten der ersten seegrauen Halle platziert wurde. Ein surreales Erlebnis.

Die kaum vermeidbare Rührung wird im nächsten Stock noch getoppt, von neun in der Mittelachse aufgebahrter Leichen, die mit weißen Tüchern bedeckt am Boden zu liegen scheinen. Wieder ein Trompe-l'oeuil, die verhüllten Körper entpuppen sich als eiskalte Marmorskulpturen. Doch der Fluchtweg vor dieser makabren Schönheit ist versperrt: Im langen, schluchtartigen Treppenhaus zur dritten Etage erwischt Cattelan den Besucher alptraumhaft. 39 Stufen über dem erstarrten Betrachter hängt eine junge Frau mit den Händen an einem Türrahmen, das Antlitz ist ihr wie dem Gekreuzigten auf die linke Schulter gesunken, die Füße schweben mehr, als dass sie hängen. Stanley Kubrick hätte diese Horrorszene nicht schauriger aus unserem Unbewussten schälen können.

Überhaupt wirken die vier eindringlich klaren, extrem emotionalisierenden Standbilder der Bregenzer Cattelan-Schau wie das Grundgerüst eines Films, den wir dann mit unseren jeweils eigenen Lebensgeschichten auffüllen können. Nur das Ende bleibt offen: Das oberste Geschoss des Kunsthauses, das sich hinter dem hängenden Mädchen erstreckt, bleibt geschlossen. Sie bewacht, was hinter all dem hier meisterhaft zelebrierten Pathos steckt: die große Sehnsucht nach der großen Erzählung.

"Maurizio Cattelan"

Termin: bis 24. März, Kunsthaus Bregenz.
http://www.kunsthaus-bregenz.at/