Nicolas Bourriaud - Tate-Triennale

Die Moderne im Rückspiegel

In der Londoner Tate Britain beginnt heute mit der Tate-Triennale ein neues Zeitalter: die "Altermoderne". Der französische Theoretiker und Kurator Nicolas Bourriaud, Gründer des Pariser Palais de Tokyo, erschafft eine Phantasiewelt, in der die Ausstellung ein Archipel ist und Künstler zu Handlungsreisenden werden. Im exklusiven art-Interview erläutert Bourriaud sein Konzept für eine neue künstlerische Epoche.

Herr Bourriaud, als Philosoph und Kurator gilt Ihr Interesse den Bedingungen zur Produktion von zeitgenössischer Kunst. Was charakterisiert Gegenwart und Gegenwartskunst?

Nicolas Bourriaud: Wir leben in einer "hetero-chronischen Ära". Zum ersten Mal in der menschlichen Entwicklungsgeschichte ist der Planet Erde geographisch vollkommen erforscht, doch die Zeit dieser Entwicklung gibt noch Rätsel auf. Die Erforschung des Tempos unseres Wandels ersetzt die Auseinandersetzung mit den räumlichen Elementen. Man könnte sagen, dass Zeit und Raum gegenseitig ihre Eigenschaften austauschen. Das beobachte ich vor allem bei Künstlern, die Zeit als Raum behandeln und sich darin wie auf einer Reise bewegen. Die Definition dessen, was zeitgenössisch ist, kann so eigentlich nicht mehr stattfinden. Es muss jetzt vielmehr darum gehen, verschiedene Ebenen und Vorstellungen von Zeit parallel existieren zu lassen.

Aber lässt sich Ihre Vision einer "Altermoderne" wirklich in zeitgenössischen Kunstproduktionen finden?

Für Künstler sehe ich derzeit eine Notwendigkeit, sich mit ihrem eigenen Zeit- und Raumverständnis auseinanderzusetzen. Sie wollen ihre Arbeiten ja in einer Realität verankern, die aber paradoxerweise im Zeitalter der Globalisierung von der Loslösung räumlicher Verbindungen spricht. Die Idee des Multikulturellen war für mich das zentrale Thema der Postmoderne. Ich denke, dass es jetzt durch die Vorstellungen einer globalen Kultur als Ausgangspunkt für künstlerisches Schaffen ersetzt wird.

Stehen Sie der Globalisierung gar nicht kritisch gegenüber? Würde ein solch spezifischer Identitätsverlust, wie Sie ihn beschreiben, nicht auch die Gefahr der Neutralisierung jeglicher Kultur und Kunst mit sich bringen?

Identitätsverlust ist nicht unbedingt negativ zu bewerten, wenn man Identität vor allem als Absicherung unserer eigenen Wurzeln versteht, die jegliche weitere Bedingungen und Formen unserer Existenz vergisst. Für Kultur ist "altermodern" das Gegenstück dessen, was in der Politik als "andere Globalisierung" verstanden wird. Letztere kennzeichnet einen Umgang mit politischen Problemen, der nicht vereinheitlichen oder totalisieren will. Als Metapher hierfür nenne ich gerne ein Archipel, eine Vorstellung die im Übrigen auch für die Ausstellung sehr charakteristisch ist. Ein Archipel setzt sich aus vielen singulären Elementen zusammen, die zwar gruppiert, aber nicht vereinheitlicht werden können, was symbolisch für die neue, alternative Moderne steht.

Teilen die Künstler Ihrer Ausstellung diese Meinung?

Ja, ich denke schon, dass die Künstler an dieser Thematik sehr interessiert sind, jedoch mit ihren Arbeiten ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage nach Zeit im Raum finden. Und genau dafür ist die Ausstellung ein gutes Beispiel. Es gibt gemeinsame Strukturen und Muster, die mir jetzt immer bewusster werden – sowohl zwischen meinen Gedanken und den Arbeiten der Künstler, als auch zwischen den Werken untereinander. Da ist zunächst einmal diese Idee der "Bewegung von Formen": Die Strategien der Künstler basieren auf der Idee von Bewegung und Veränderung. Zum Beispiel denke ich da an Simon Starling, dessen Arbeit wie eine "Stille Post" funktioniert. Walead Besthy produziert räumliche und zeitliche Verlagerungen, und Katie Paterson Arbeiten postulieren Zeit anstatt Raum als Art und Weise, um den Kosmos zu erforschen. Wie ein roter Faden zieht sich die Idee der Dynamik, eine Dynamisierung als Struktur und Thematik, durch alle künstlerischen Arbeiten.

Warum brauchen wir jetzt eine "Altermoderne"?

Ich denke, wir springen von einem Zeitalter ins andere, von einer geschichtlichen Epoche zur nächsten. Dabei werden die Abstände immer kleiner. Für das Ende der Postmoderne gibt es jede Menge Anzeichen: Die Postmoderne fand ihren Anfang zum Ende der siebziger Jahre. Nach der Ölkrise 1973 hat die westliche Welt ihr Vertrauen in die natürlichen Ressourcen verloren und sich in ihren Wirtschaften mehr und mehr auf den Kapitalmarkt konzentriert. Diese Loslösung von der Natur fiel mit der Verabschiedung von gewissen Narrativen und Utopien zusammen, die die Moderne einmal als richtungsweisend vorgeschlagen hatte: so zum Beispiel die gesellschaftliche Vorstellung der Erfüllung der Gemeinschaft im Kommunismus oder in der Kunst das so oft postulierte Ende der Malerei. Diese Prinzipien wurden im Laufe der Zeit zu Ritualen, denn sie konnten nicht mehr gelebt werden. In der Krise der siebziger Jahre verabschiedete man sich von ihnen, was das Zeitalter der Postmoderne einläutete. Heute lassen sich interessante Parallelen zwischen 1973 und 2008 ziehen, wo der Finanzmarkt auf Grund seiner immateriellen und blasenartigen Form explodierte und wir uns wieder von vielen Versprechungen verabschieden müssen, und zwar von denen der Postmoderne. Die aktuelle Finanzkrise bildet einen interessanten Kontext für die Ausstellung.

Nicolas Bourriaud über die Schlüsselbegriffe der Moderne

Welche Werte und Ideale der klassischen Moderne bleiben denn erhalten?

Die zwei wichtigen Schlüsselbegriffe der Moderne sind für mich Exodus und Experiment. Für die Moderne war der Weg oft wichtiger als das Ziel, denn nur in der ständigen Bewegung, Veränderung und Erneuerung lag die Möglichkeit zum Fortschritt. Damit geht der Mut zum Experiment einher, zur Ungewissheit des Weges, zum Vergessen alter Definitionen und zum Ausprobieren neuer Formen und Strukturen. Ich denke eher an ein gemeinsames Verständnis von Geschichte, deren Erfahrungen und Ergebnisse immer als relativ zu betrachten sind. Es ist wichtig, auf die Geschichte zurückzublicken, doch darf man sich nicht an ihr festbeißen. Sie sollt eher als eine Art Themenvorrat, als Potenzial für Dialoge gelten.

Die Documenta 12 hat sich ebenfalls intensiv mit der Moderne auseinandergesetzt – und wurde für ihr theoretisches und auch didaktisches Konzept heftig kritisiert. Wie haben sie die Documenta 12 wahrgenommen? Und finden sich vielleicht sogar Parallelen in Roger Buergel und Ruth Noacks Verständnis der Moderne?

Wir teilen unser Interesse an der Frage "Ist die Moderne unsere Antike?", denn es ist sehr wichtig anzuerkennen, dass man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann – doch nicht nur. Es ist wichtig Vorbilder zu identifizieren um dann über Weiterentwicklung und Veränderung nachdenken zu können. Ich glaube aber, dass die Documenta 12 auf diesem Wege nicht weit genug gegangen ist.

Wie es scheint, will die Triennale nicht nur Werke zeigen, sondern auch Werte und Ideale vermitteln. Leidet die individuelle Sprache der Künstler denn gar nicht unter der Last der Altermoderne?

Es verhält sich wie bei einem Schiffbau. Ein stählerner Rahmen trägt das ganze Bauvorhaben. Das Schiff muss leicht und ausgewogen sein, um schwimmen zu können. Ich glaube nicht an Ausstellungen, die bloß eine Idee umsetzen wollen und in denen die Werke jene illustrieren sollen. Vielmehr konfrontiere ich meine Gedanken, die mich zur Auswahl der Künstler inspiriert haben, nun mehr mit den Gedanken der Künstler, die sie in ihren Werken ausdrücken. Ich möchte für den Besucher eine möglichst mehrstimmige Erfahrung schaffen. Und diese wird hoffentlich überwältigen, und nicht so einfach auf nur eine Sichtweise herunter zu brechen sein. Ich hoffe sehr, dass es durch die Konfrontation der Werke im Ausstellungsraum zu einer viel komplexeren und komplizierteren Auseinandersetzung kommen kann, als es ein Buch herbeiführen könnte. Deshalb setze ich mein Konzept der Altermoderne in eine Ausstellung um und schreibe nicht nur in einem Buch darüber.

Was erwarten Sie also vom Besucher?

Ich erwarte, dass der Besucher genauso wie ich nach Formen und Mustern in den Werken sucht, um die Bedeutung des Ausstellungskonzepts zu begreifen – wie bei einem Arcimboldo-Gemälde.

"Altermodern: Tate Triennale"

Termin: bis 26. April, Tate Britain, London
http://www.tate.org.uk/britain/exhibitions/altermodern/

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