Willem de Kooning - New York

“Die alten, gottverdammten Sachen“

Der Namensgeber der Rotterdamer Willem de Kooning Academie kam in den zwanziger Jahren nach New York, um dort dem Expressionismus neuen Ausdruck zu verleihen. Kurator John Elderfield verfolgt mit der Ausstellung im MoMA die ehrgeizige Mission, das Spätwerk von de Kooning neu zu entdecken.
Große Retrospektive:siebe Jahrzehnten

Es ist eine der teuersten Ausstellungen in der Geschichte des Museum of Modern Art: Auf mehr als vier Milliarden Dollar schätzen Experten den Wert der 200 Werke von Willem de Kooning, die im Rahmen einer großen Retrospektive aufzeigen, wie der von Zweifeln getriebene, unter Alkoholismus leidende und in den letzten Jahres seines Lebens schwer kranke Maler sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bewegte.

Wie er neben seinem Saufkumpanen und späteren Rivalen Jackson Pollock als bedeutendster Vertreter des Abstrakten Expressionismus seine Bildsprache immer weiter radikalisierte. Wie er im Laufe seiner langen Karriere, die ihn 1926 aus seiner Heimat, den Niederlanden, als blinder Passagier nach New York führte, mit den Frauen auf seinen Bildern kämpfte und als einer der Hauptprotagonisten des Action Paintings, bei der die Gefühle roh auf die Leinwand befördert werden, in der Nachkriegszeit den Beginn der New Yorker Avantgarde einläutete.

Erst im Alter von 43 Jahren hatte de Kooning seine erste Solo-Ausstellung in New York. Nicht viel später folgte 1950 mit der Teilnahme an der Biennale von Venedig der internationale Durchbruch. Längst erzielen de Koonings Arbeiten bei den Auktionen Höchstpreise. Was 2006 davon gekrönt wurde, dass Hedgefonds-Manager Steven Cohen "Woman III" von 1952/53, das einzige Werk aus de Koonings "Woman"-Serie, das sich noch in privater Hand befand, für 137,5 Millionen Dollar erstand. Weil es sich bei einem Großteil der Werke für die MoMA-Ausstellung um Leihgaben handelt, wurden Unsummen für Transport und Versicherungen ausgegeben. MoMA-Kurator John Elderfield arbeitete sechs Jahre daran, die Ausstellung, die sich über 70 Jahre erstreckt, zusammenzustellen. De Kooning nimmt ein komplettes Stockwerk im Museum ein, und einige New Yorker Kritiker, wie Peter Schjeldahl vom New Yorker, beklagen immer noch, dass die Ausstellung zu klein ist.

Es beginnt mit zwei frühen Arbeiten. Ein Stillleben mit Kaffeekanne und Tasse von 1916/17, das de Kooning im Alter von zwölf oder 13 Jahren fertigte, als er bereits als Praktikant bei einer kommerziellen Designfirma in seiner Heimatstadt Rotterdam arbeitete. Und ein weiteres Stillleben von 1921, an dem der Meisterschüler der heutigen Willem de Kooning Academie ein Jahr lang gesessen haben soll. In den dreißiger Jahren hatte sich der Künstler von der klassischen Malerei verabschiedet. Er arbeitete abstrakter mit klaren, hartkantigen Formspielen, in denen sich Figuren andeutungsweise wieder finden. In New York lernte de Kooning Künstler wie den Maler Franz Kline oder Arshile Gorky kennen, der ihn mit seiner surrealistischen Bildsprache beeinflusste und in dem er einen engen Freund und Mentoren fand. Beeindruckend sind die Porträt-Studien, in die de Kooning teilweise Selbstporträts einfließen ließ. In “Seated Man“ von 1939 scheint sich der nackte Oberkörper eines gelangweilt oder ängstlich blickenden Mannes aufzulösen, so dass nur noch die Anzughose über scharfe Konturen verfügt. Auf einer Zeichnung von 1940/41 verewigte der Künstler seine spätere Ehefrau, die Künstlerin Elaine de Kooning, deren gemeinsames Leben von Affären, Streitereien, Alkoholexzessen und Trennungen bestimmt war – und die den an Alzheimer leidenden de Kooning bis zu dessen Tod 1997 pflegte.

In den vierziger Jahren hatte sich der Künstler mit Bildern wie dem traumartigen Gemälde “Night“ oder “Secretary“ von 1948, das von Frauen, die nach dem Krieg in die Berufswelt vorstießen, beeinflusst war, weiterbewegt. In den Bildern sind wiederkehrende Figuren wie Fenster oder auch Fragmente von Gesichtern zu erkennen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen bekannte Meisterwerke wie “Pink Angles“ von 1945, auf dem de Koonings Figuren zu explodieren seinen. Oder das berühmte Werk “Excavation“ von 1950, das de Kooning wieder und wieder bearbeitet hatte und zur Biennale nach Venedig schickte. Wo es neben Arbeiten von Jackson Pollock und Arshile Gorky eine neue Ära einleitete, in der New York Paris als Zentrum für die Kunst ablöste.

De Kooning hätte sich damals bequem mit seinem Stil einrichten können. Doch stattdessen lieferte er seine Frauenbilder mit ihren höhnischen Fratzen und ihren drallen, fleischigen, verformten Körpern. De Koonings Frauen, darunter “Women III“ aus Cohens Sammlung, bilden das Zentrum der Ausstellung. Mit den Bildern hatte der Künstler bei seiner Soloshow in der Sidney Janis Gallery in New York 1953 einen Skandal ausgelöst. Nicht nur, weil die als vulgär empfundenen Weibsbilder das prüde Amerika schockierten, sondern, weil der einflussreiche Kritiker Clement Greenberg, der de Kooning auf den Thron gehoben hatte, in den figurativen Elementen einen Verrat sah. “Bill, du hast die Sache betrogen“, sagte auch sein Freund Jackson Pollock. “Du machst Figuren. Du machst immer noch die alten, gottverdammten Sachen.“ De Kooning galt damals in der Kunstwelt als abgeschrieben, und die Malerei wurde letztlich für tot erklärt.

Natürlich machte de Kooning weiter. Mit lauten, chaotischen, aggressiv wirkenden Arbeiten mit dick aufgetragener Farbe wie “Gotham News“ oder "Police Gazette”, das Sammler David Geffen 2006 für stolze 63,5 Millionen Dollar verkauft hat. Bis sich der Künstler auf das Land in die Springs von Long Island zurückzog, wo er für eine Weile abstrakte Landschaftsmalereien mit ruhiger Farbgebung fertigte, sich wieder wie in “Clam Diggers“ seinen Frauen widmete, erste Bronzeskulpturen fertigte und sich schließlich auf wenige Farben und einfache geschwungene Linien reduzierte wie in “The Cat’s Meow“ von 1987, das zu den spätesten Werken der Ausstellung zählt. De Koonings geistiger Zustand war zu dieser Zeit bereits nicht mehr gut, er wurde von Assistenten unterstützt. So dass den Arbeiten von manchen der künstlerische Wert abgesprochen wird. John Elderfield hat mit der Ausstellung die ehrgeizige Mission, das Spätwerk von de Kooning erneut zu entdecken. Es ist ihm gelungen. "Das Fleisch ist der Grund, warum die Ölmalerei erfunden wurde", lautet de Koonings berühmter Auspruch. Einige Arbeiten wirken in den lichtdurchfluteten Galerien des MoMA tatsächlich so, als ob die Farbe noch nass wäre.

de Kooning: A Retrospective

bis 9.Januar 2012. Katalog: John Elderfield: "de Kooning: A Retrospective"
http://moma.org/visit/calendar/exhibitions/1149