Kunsthochschulen - Halle / Leipzig

Friedliche Koexistenz

In Halle und Leipzig begehen die Kunsthochschulen derzeit ihre runden Geburtstage außerhalb der Akademiegemäuer. So feiert die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ihr jugendliches Alter von 100 Jahren mit einer Melange aus Absolventen und internationalen Kollegen in den legendären Franckeschen Stiftungen. Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wiederum hat einen Schauplatz ihres 250-jährigen Jubiläums ins Grassi Museum für Angewandte Kunst verlegt. Gestern und heute werden mutig kontrastiert.

Von der Decke hängen zwei ausgestopfte Krokodile. Die Pietistenbrüder haben sie von ihren Missionsreisen, vermutlich irgendwann im 18. Jahrhundert mit an die Saale gebracht. Darunter steht der Apothekentisch, er ist das älteste Möbel in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckschen Stiftungen zu Halle.

Man kann den schweren Deckel nur zu zweit öffnen. Ist das gelungen, so blickt man auf ein Raster kleiner Fächer, in denen dereinst pharmazeutische Substanzen aufbewahrt wurden. Heute hat die junge Künstlerin Nina Viktoria Naußed dort winzige Objekte deponiert, die wohl jeder von uns ständig in Hosen- oder Jackentaschen findet – körpernahes Strandgut wie Münzen, Knöpfe, Fussel, Steinchen, Scherben, Muscheln, kaputte Schmuckstücke und vieles mehr. In dieses intime Erinnerungsarchiv hat Naußed eigene Artefakte aus Porzellan und Keramik eingeschmuggelt, die unser Staunen über das Wimmelbild aus ärmlichen Materialien noch erhöhen. Naußed studierte in Halle, später in Göteborg Design und steht damit für das weite Spektrum der kreativen Ausbildung in Halle, wo neben Freier Kunst auch Schmuck-, Industrie- und Modedesign oder Innenarchitektur gelehrt werden. Dieser Schulterschluss mit angewandter Kunst ist das Markenzeichen der "Burg", wie die Ausbildungsstätte im Volksmund genannt wird. Für die Jubiläumsausstellung im Kuriositätenkabinett erweist sich der weite Bogen als ideal, hat es doch in jenen frühmusealen Sammlungen nie Berührungsängste zwischen Kunst und Kunsthandwerk gegeben.

Update Wunderkammer

Insofern hielten sich die Ausstellungsmacher um Hochschulkuratorin Nike Bätzner denn auch an die überlieferte Gliederung solcher historischen Konvolute. Neben Artificilia, den eigentlichen Kunstgegenständen, waren dort auch Memorabilia, meist Mitbringsel aus aller Welt sowie Naturalia und Scientifica vertreten. Als auf den Fersen der großen Entdeckungsreisen und im Orbit wissenschaftlicher Pioniertaten außergewöhnliche Gegenstände aller Coleur gemeinsam inszeniert wurden, setzte man auf das schiere Staunen angesichts solcher Zusammenschauen. Mit diesem surrealen Effekt operiert auch die Hallenser Schau "Assoziationsraum Wunderkammer" und vereint phantastische Kostüme wie jene von Pia Fischer oder exotischen Schmuck von Silvia Weidenbach, beide Absolventinnen der Burg mit konzeptuellen Arbeiten wie etwa dem multimedialen Klappschrank von Ginan Seidl.

Ein besonderer Höhepunkt der Schau besteht darin, dass sich die sozusagen einheimischen Akteure internationale Kollegen als Reisegefährten auf ihrer ästhetischen, geographischen und intellektuellen Trip erwählten. In subtilen Tandemsituationen finden sich so hervorragende Kommentare etwa von Alighiero Boetti, Ulrike Grossarth, Thomas Huber, aber auch von Filmemachern wie Lars von Trier oder David Lynch. Dabei bespielen die 34 Künstler (bis auf ein paar zarte Eingriffe in der historischen Sammlung mit ihren reich verzierten Kunstkammervitrinen) eine Folge von eher nüchtern gehaltenen Sonderausstellungsräumen.

Beherzter Kontakt mit der Vergangenheit

Weitaus opulenter geht es naturgemäß in Leipzig zur Sache, wo die gesamte kunsthandwerkliche Dauerausstellung des Grassi Museums zur Bühne wird. Unter dem, an Allen Ginsberg angelehnten Titel "Object is Meditation and Poetry" schmuggelten die beiden Kuratorinnen Alba d’Urbano und Olga Vostretsova allerhand Objekte, Installationen und Videos in den Parcours durch die Jahrhunderte und Kontinente menschlichen Gestaltungsfurors. Diese Kollision ist insofern beherzt, als dass ja an der Leipziger Hochschule, ganz anders als in Halle Kunsthandwerk oder Design keinen erheblichen Stellenwert einnimmt. Fast wirkt das Projekt wie ein erfrischender Versuch, dem Elfenbeinturm zu entfliehen und zwischen Möbeln und Vasen, Uhren und Textilien, "back to the roots", nach den zunächst zweckgebundenen Ursprüngen des Formens zu suchen. Für eine derartige Standortbestimmung von meist autonomer Kunst als ein verhältnismäßig junges Phänomen eignet sich ein runder Geburtstag natürlich vortrefflich und auf den letzten Metern des Jubiläumsjahrs hat Leipzig hier auch (endlich) ein sehenswertes Zeichen gesetzt.

Die Leipziger teilen sich ihren Jahrestag mit der Dresdner Kunsthochschule als deren Ausgründung sie einst entstanden. Es fällt auf, wie sehr – Halle inklusive – sich die Ausbildungsstätten des 21. Jahrhunderts an Tradition orientieren. So als wollten sie sich ihrer Daseinsberechtigung aufs Neue versichern, in einer radikal veränderten Phase von Bild- und Wissensproduktion. Dieser Blick zurück ist erstaunlich unterhaltsam und erhellend, wie bereits Mark Dions Dresdner Rundumschlag "Die Akademie der Dinge" in Hochschulräumen, dem Albertinum und dem Grünen Gewölbe 2014 bewies. Nun also Leipzig in einem ähnlichen Gestus, doch nicht weniger geglückt. Dabei verzichtet die Schau weitgehend auf Malerei und damit auf das schwer erkämpfte, nichtsdestotrotz vielstrapazierte Alleinstellungsmerkmal der dortigen (Kunst)Schule. Das mag einerseits dem "Austragungsort" Kunstgewerbemuseum geschuldet sein, könnte aber andererseits auch damit zusammenhängen, dass Alba d’Urbanos eigene Aktivitäten als Professorin einer Medienklasse sich viele Jahre eher unfreiwillig im Schatten des Pinselbooms zutrugen. Doch das intensive, unaufgeregte Arbeiten abseits des Hypes hatte Vorteile, wie viele der hier vorgestellten, insgesamt 70 Positionen aus dem Umfeld der HGB Leipzig beweisen.

Politische Akzente zwischen Porzellan und Brokat

Fast magisch kommt so die Gegenüberstellung einer Bomberjacke aus mongolischer Seide von Andreas Ullrich mit einem reliefartigen Kaminbehang von 1571 und der samtgebundenen Eidbibel des Leipziger Rats daher. Allerlei Assoziationen zum Umgang mit dem Fremden zwischen Faszination und Abwehr, besonders im Sachsen des Jahres 2015 drängen sich auf. Immer wieder gelingen derlei alltagsrelevante Kontraste zwischen einst und jetzt, die nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich funktionieren. Das gilt auch für die Aufführung der Videoarbeit von Sven Johne inmitten eines aufwändig geschnitzten italienischen Chorgestühls: Der Künstler filmte 2014 seine "Umrundung der Insel Lampedusa", bei der die völlige Abwesenheit menschlichen Lebens umso eindringlicher an die ständige Anwesenheit von Bootsflüchtlingen in dieser Region gemahnt. Oder Maya Schweizers Film von 2003, der nichts an Aktualität eingebüsst hat – sie begleitet einen muslimischen Taxifahrer im Senegal, an dessen Rückspiegel als Glücksbringer chinesische Lampen baumeln. Als wären das noch nicht genug Verweise auf die komplizierte Welt der sich ständig verschiebenden Grenzen, wurde dieser Beitrag auch noch in die Porzellanabteilung des Museums eingebaut. Dort erinnert nicht nur eine exotisierende Türkenbüste daran, wie unbefangen einst mit dem Fremden und der Idee eines globalen Dorfs hantiert wurde. Zu vielfältig sind die gelungenen kreativen Störungen in dem großen abendländischen Narrativ von Kunstfertigkeit, als dass man im einzelnen darauf eingehen könnte.

In jedem Raum lauern sinnreiche, manchmal nur unterhaltsame Störungen, die Kunstausbildung im besten Sinne in einen historischen wie aktuellen Erfahrungsraum einbetten. Zu erwähnen wäre noch der poetische Audioguide von Angelika Waniek sowie die angenehm theoriefernen Objekttexte von Studierenden des Leipziger Literaturinstituts. "Object is Meditation und Poetry" ist weit mehr als Objekte, Poesie und eine Einladung zur Meditation. Und hinter den Kulissen beeindruckt das schiere Zustandekommen dieser Ausstellung, die eine hochetablierte Sammlung gewitzt aufmischen darf und dabei nie den Respekt vor dem Alteingesessenen verliert. In diesem Sinne beinhaltet das Kompliment an die Künstler und Macher auch ein Kompliment an die mutigen Gastgeber des ehrwürdigen Museums.

Assoziationsraum Wunderkammer / 2.5.0 Object is Meditation and Poetry

Assoziationsraum Wunderkammer

Zeitgenössische Künste zur Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle. Ein Kooperationsprojekt der Franckeschen Stiftungen zu Halle und der BURG anlässlich des 100. Jubiläums der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle, bis zum 16. August



2.5.0 Object is Meditation and Poetry:

Eine Ausstellung zum 250-jährigen Jubiläum der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig, bis zum 28. Juni 2015


http://www.francke-halle.de/assoziationsraum-wunderkammer/angebote-v-231.html
http://www.grassimuseum.de/ausstellungen/aktuell/hgb.html