Rohkunstbau 2010 - Schloss Marquardt

Am Thema verhoben

Zum 17. Mal findet in der brandenburgischen Peripherie das Sommerfestival "Rohkunstbau" statt. Zehn jüngere Künstler sollen auf Kuratorengeheiß ihre zeitgemäße Interpretation zu dem Mythos um das untergegangene Atlantis vorlegen. Ein elastisch dehnbares Thema, das nicht alle Künstler zur Höchstform auflaufen lässt.

Die Rosenkreuzer hatten bekanntlich einen Sinn für malerisch verwunschene Refugien. In dem bei Potsdam gelegenen Schloss Marquardt hielt der Geheimorden Ende des 18. Jahrhunderts spiritistische Sitzungen ab. Neben Schlossbesitzer und General Johann Rudolf von Bischoffwerder war auch König Friedrich Wilhelm II. höchstpersönlich mit von der Partie. An einem historisch derart aufgeladenen Ort zeitgenössische Kunst präsentieren zu können, ist natürlich eine wunderbare Herausforderung.

Atlantis lässt grüßen

Zum zweiten Mal ist das in gemächlicher Renovierung begriffene Schloss Marquardt nun die sommerliche Spielstätte für das Festival "Rohkunstbau". Und man nutzt das Mysteriumumwölkte des Schlosses als Aufhänger für esoterische Kunst-Etüden. Wie bereits letztes Jahr kreist die Ausstellung um den Mythos des untergegangen Atlantis. In das dubiose Atlantis-Thema lässt sich naturgemäß alles mögliche Kryptische hineinlegen, angefangen von der Frage nach dem Idealstaat bis hin zu dem utopischen Potential zeitgenössischer Kunst mitten in der brandenburgischen Provinz. Nachdem sich Kurator Mark Gisbourne letztes Jahr schon etwas an dem Thema "demos" – Begriff für das egalitäre Staatssystem – verhoben hat, macht er sich inhaltlich elastisch nun über die elitäre Staaatsform "aristos" her. Mit Verlaub, dieser philosophische Diskurs ist mindestens zwei Metaebenen zu hoch gegriffen, zumal einige Werke der zehn beteiligten Künstler ästhetisch eher mageren sind.

Gleich in der Eingangshalle baut sich als Kontrast zur dunklen Holzvertäfelung ein oktogonaler weißer Turm mit abwaschbarer Oberfläche auf. Wer die Tür zum glatten Achteck von Johanna Smiatek findet und in den verspiegelten Pavillon eintritt, sieht nach einer Weile die Fata Morgana einer exotischen Stadt auftauchen und wieder verschwinden. Atlantis lässt grüßen. Und was für ein installativer Aufwand! Mit ähnlich effekthascherischem Kirmesklimbim lockt auch das Papp-Karussell von Wafae Ahalouch El Keriasti und die aus gotischen Fensterattrappen alias LED-Bildschirmen sprechende Kapelle von Stefan Roloff. Wie bereits letztes Jahr fügen sich die eilig hingefetzten Minimal-Malereien des polnischen Malerstars Wilhelm Sasnal vortrefflich in jeden Gruppenkontext ein. Dass die Bilder direkt auf den antiquierten Holzvertäfelungen angebracht sind, erhöht den Reiz des gekonnt Beiläufigen. Dafür muss der Londoner Maler Sean Dason mit einer brutal in den Raum gesetzten Stellwand Vorlieb nehmen. Auch in dessen formalistische Farbschleifen und pseudobarocke Spiegelfechtereien lässt sich alles mögliche "Atlantische" hineindeuten. Oder auch nicht!

Ritter, Tod und Teufel kämpfen gegeneinander

Trotzdem lohnt der Berlin-Abstecher nach Schloss Marquardt. Einmal abgesehen von der besonderen Location, die sich durch den angrenzenden See und Landschaftspark von Peter Joseph Lenné selbst bei Hitzewellen empfiehlt, sind auch auf dieser "Rohkunstbau"-Ausstellung etliche Entdeckungen zu machen. So die wunderbar versponnenen Wandreliefs der Britin Cathy de Monchaux. Sie lässt in ihren mit weißen Pigmenten überschütteten, minutiösen Materialassemblagen Ritter, Tod, Teufel und Eros kriegerisch gegeneinander antreten. Medienkünstler Mat Collishaw verbannt sein untergegangenes Atlantis hinter einen barock gerahmten Bildschirm, der die Tiefe eines Ozean samt poetisch darin flottierendem Getier vortäuscht.

Eine gezielte filmische Produktion wagte Niklas Goldbach. Er mietete für zwei Nächte die sündhaft teure, durchgestylte Suite des Berliner Luxushotels "The Mandala", um dort König von Atlantis in einem antiseptischen Universum zu spielen. Weil der Mythos von insgesamt zehn Atlantis-Königen erzählt, hat er sich in dem Video digital geklont. Nun sieht man seinen Platzhalter in zehnfacher Ausführung dabei zu, wie er à la Barack Obama in lässigen Machtposen auf dem Designermobiliar die Langweile totschlägt.

"Die absolut perfekte Welt bedarf keiner Kommunikation mehr", erklärt Arvid Boellert, Erfinder des Festivals. Überhaupt würde man sich wünschen, dass er wie in den früheren Jahren wieder mehr kuratorisch die Regie übernähme. Obschon Augenarzt im eigentlichen Metier, stellte Boellert die 17. Ausgabe von "Rohkunstbau" beim ersten Rundgang zumindest verbal auf ein präzises Fundament. Seinem wenig eitlen Engagement ist das nachhaltige Gelingen des Projekts zu verdanken. Schließlich müssen jedes Jahr rund 100 000 Euro zusammengebracht werden. Planungssicherheit haben die Organisatoren nicht.

"XVII Rohkunstbau: Atlantis II"

Termin: bis 12. September, Schloss Marquardt, Potsdam.
http://www.rohkunstbau.de