Chris Burden - Interview

Künstler gehen nicht in Rente

Der amerikanische Performance-Künstler Chris Burden (Jahrgang 1946) hat im Middelheim-Skulpturenpark von Antwerpen seine dritte Beam Drop-Installation realisiert: Aus 50 Metern Höhe ließ ein Kran rund 100 Stahlträger in ein 12 mal 12 Meter großes und einen Meter tiefes Becken mit Flüssigbeton fallen. Das exklusive art-Interview.

Ein Spezialzusatz sorgte dafür, dass der Beton erst viel später hart wurde als normal – sodass die Stahlträger wie überdimensionale Mikado-Stäbe im Boden stecken blieben und mit Hilfe von Zufall und Schwerkraft eine faszinierende abstrakte Skulptur entstand. -Korrespondentin Kerstin Schweighöfer war bei der Aktion dabei und sprach mit dem Künstler.

Herr Burden, von Ihrer Beam-Drop-Performance scheinen Sie nicht genug zu kriegen: Nach New York 1984 und Brasilien 2008 haben Sie nun in Antwerpen Stahlträger fallen lassen, warum schon wieder?

Chris Burden: Ich habe den Antwerpenern auch ein paar andere Vorschläge unterbreitet. So wollte ich endlich ein Projekt realisieren, das ich für den Trafalgar Square in London entworfen hatte: Die riesige Säule dort wollte ich mit zwei bis zu acht Meter hohen Türmen aus Mecanoo-Bauteilen krönen. Aber die Antwerpener waren davon nicht so angetan. Außerdem ist Beam Drop New York mit dem gesamten Park, in dem es stand, dem Erdboden gleich gemacht worden. Da dachte ich mir, ich mache es für Antwerpen noch einmal. Vom Beam Droppen bekomme ich einfach nicht genug!

Weshalb?

Erstens ist es eine fantastische Skulptur, zweitens ein gewaltiger Kick! Ich liebe es, dieses Werk auszuführen. Das könnte ich wieder und wieder tun! Es ist einfach wunderbar, es macht Spaß. Es ist ein Erlebnis mitzuerleben, wie die Balken von einem Kran in die Höhe gehievt werden und dann vom Himmel fallen: Erst scheinen sie einen Moment zu schweben, grade so, als würden sie es sich überlegen, ob sie fallen sollen oder nicht - und dann: Sissssss! Wummmmm! Dann erzittert die Erde! Das Kunstwerk selbst ist dann wie das Einfrieren eines gewaltsamen Moments in der Zeit – so wie in Pompeji.

Sie nennen die Beam Drops auch "Geological Abstract Expressionism"...

….weil der Stahl aus der Tiefe der Erde gewonnen wird, aus Eisen, und ich der Erde den Stahl zurückgebe – die Balken werden durch den Fall bis zu vier Meter tief in den Boden gerammt.

Beam Drop Brasil war eine geschlossene Veranstaltung ohne Zuschauer in einem privaten Kunstinstitut. Im Middelheim Park hingegen wurde es bei wunderbarem Sommerwetter zu einem Happening: Zahllose Bürger ließen sich beim Picknick im Grünen zum Beam Droppen nieder, ganze Familien rückten an – um sich zuweilen von Beton bespritzen zu lassen, obwohl sie 20 Meter Sicherheitsabstand wahren mussten. So heftig war der Einschlag. Und ein paar Mal fielen Balken ab, bevor sie in die richtige Position in 50 Meter Höhe gebracht werden konnten. Das Ganze ist nicht ungefährlich!

Stimmt! Zum Glück fällt das nicht unter meine Verantwortung, sondern unter die der Organisatoren. Und zum Glück liegt um die Ecke ein Krankenhaus. Man weiss ja nie. Gucken Sie sich die Dinger doch an, wenn Sie da einen abkriegen, sind Sie tot…

Sie sind ein richtiger Stahlexperte geworden, wissen alles über die Preise auf dem internationalen Stahlmarkt. Und Sie verwenden nicht nur neue Träger, sondern auch alte, warum?

Weil die alten Geschichte haben. Sehen Sie, die total Verbogenen da? Da hat sich etwas Schreckliches abgespielt, eine Katastrophe: ein Schiff, das eine Brücke gerammt hat, ein Eisenbahnwaggon, der entgleiste... Sehen Sie die Risse? Wissen Sie, wieviel Kraft dazu nötig ist?

Was hat Sie eigentlich auf die Idee gebracht, solche Träger vom Himmel fallen zu lassen?

Ich sollte für einen Bauunternehmer in Oakland ein Kunstwerk entwerfen, und das wollte ich mit Materialien und Instrumenten tun, wie sie für diese Branche üblich sind: also Stahl, Beton, Kräne. Leider wurde dann nichts daraus, bis ich 1984 in New York die Gelegenheit bekam, dieses Projekt erstmals zu realisieren. Es hat auch etwas Politisches: Die Balken verkörpern die Macht der Baubranche, die sieht alles äußerst ernst und versteht keinen Spaß. Ich stelle alle ihre Gesetze auf den Kopf. Ich ermögliche es den Bauarbeitern, ein Tabu zu brechen. Das zu tun, was unter allen Umständen vermieden werden muss: einen Balken fallen zu lassen. Normalerweise ist das verboten. Es ist derselbe Kitzel wie beim verbotenen Sex, verstehen Sie?

Durchaus... vielleicht handelt es sich bei Beam Drop ohnehin eher um ein typisch maskulines Kunstwerk.

Ja, vielleicht haben Sie Recht. Immerhin geht es um Penetration: little boys fucking earth.

Ich dachte eher an die "little boys", die wie Lausbuben die Herausforderung und Gefahr suchen: Immerhin sind Sie in Antwerpen 20 Meter höher gegangen – von 30 auf 50 Meter.

Weil die Bauarbeiter so begeistert waren von der Idee, dass sie gesagt haben: "Komm, wir versuchen es noch höher!" Am liebsten würde ich die Träger selbst mit der Hand loslassen, aber das geht leider nicht. Und ich muss mich in Geduld üben, das dropping dauert den ganzen Tag, ein Balken alle 15 Minuten. Denn es braucht höchste Konzentration. Meine größte Angst ist es jedesmal, das die Arbeiter müde werden, denn dann machen sie Fehler, dann wird es gefährlich. Deshalb können wir manchmal nicht so viele Balken fallen lassen wie geplant.

In einem Film werden Sie die Performance auf fünf Minuten zusammenfassen. Wann erscheint der?

Im Herbst. In diesem Film ist es dann so, wie in meinen kühnsten Träumen: Es regnet Stahlträger.

In Antwerpen sind bis zum 27. September auch noch eine Reihe von Plastiken von Ihnen zu sehen und eine Auswahl Ihrer berühmten Brücken aus Mecanoo-Bauteilen.

Weil sie das Gegenteil von Beam Drop sind, nämlich die korrekte Art und Weise mit Stahl umzugehen!

Wie kamen Sie dazu, Brücken nachzubauen?

Ich sah in einem Buch über die mexikanische Eisenbahn die Abbildung einer Brücke, die nie gebaut wurde, eine sehr sexy Brücke mit vielen Wellen, wie ein Reptil. Ich dachte mir, die könnte ich in Mecanoo-Teilen doch noch realisieren. Ich liebe Brücken wegen ihrer starken Symbolkraft. Sie stehen für Frieden und Zusammenarbeit, sie werden im Krieg als erstes zerstört. Wenn ein Stamm auf der einen Seite des Flusses mit dem Stamm auf der anderen Seite Hochzeit feiern will, dann bauen sie eine Brücke. Und architektonisch sind Brücken sehr pur, sehr rein, es geht darum, das Nichts zu überspannen.

Ihr Vater war Ingenieur, ihre Mutter Biologin. Vielleicht liegt es in Ihren Genen, dass Sie ein Ingenieur unter den Künstlern sind, so wie Panamarenko.

... wobei ich mehr Wert darauf lege, dass auch wirklich alles funktioniert! Hier zum Beispiel haben wir die Tower Bridge aus Mecanooteilen... sehen Sie (beginnt zu kurbeln), sie geht auf! Und wenn ich einen Zeppelin nachbauen würde, wollte ich darin auch fliegen.

Da spricht wieder der Ingenieur.

Ich habe auch noch nie eine Kunstzeitschrift abonniert, ich lese nur Wissenschaftsmagazine oder Fachblätter über Luftfahrt. Insgesamt 49 habe ich abonniert. Ich hebe sie alle auf, ich habe eine Art Bibliothek aufgebaut. Und obwohl ich Kunst studiert habe an den Universitäten von Harvard und Kalifornien ist es mir gelungen, kein einziges Bild zu malen!

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie Ihren eigenen Körper benutzt: Für "Shoot" ließen Sie sich 1971 von einem Freund durch den Arm schießen, für "Trans-Fixed" 1974 in der Haltung eines Gekreuzigten auf das Dach eines VW-Käfers nageln. Warum sind in Ihren Handflächen keine Narben zu sehen?

Weil die Nägel ganz fein waren und fachmännisch eingeschlagen wurden, es hat auch überhaupt nicht weh getan. "Shoot" auch nicht. Das war wie das Gefühl, an einer Schnellstrasse von einem LKW gestreift zu werden. "Shoot" ist ein sehr wichtiges Werk, immerhin spricht man noch 40 Jahre später darüber. Und es entstand im Bruchteil einer Sekunde, das ist sehr effizient.

Chris Burden, "Shoot", 1971

Wieso haben Sie sich selbst verletzt?

Überall werden Leute erschossen oder angeschossen – in TV-Shows, in jedem Cowboyfilm. Ausserdem war es die Zeit des Vietnamkrieges, viele meiner Gleichaltrigen waren gefallen. Im Unterbewusstsein fragt sich jeder, wie das ist: erschossen zu werden. Ich habe beschlossen, mich diesem Phänomen zu stellen. Erschossen zu werden ist so amerikanisch wie Apple-Pie.

Was planen Sie als nächstes?

Ich habe so viele Ideen! Am liebsten würde ich einen langgehegten Plan realisieren und einen aufblasbaren Satelliten ins All schiessen, aus dünnem Kunststoff, der würde sich dann im All entfalten und zehnmal heller als der Mond scheinen, wie ein riesengroßer Autoscheinwerfer.

Ihnen gehen wohl nie die Ideen aus….

Wenn ich ein Problem habe, dann ist es meine Fantasie!

Weshalb Sie wohl auch nie zur Ruhe kommen werden?

Ich hoffe nicht! Erst, wenn ich die Augen für immer schließe. Deshalb kann ich auch nicht verstehen, dass manche Künstler sich zur Ruhe setzen. Künstler gehen nicht in Rente. Künstler saufen sich zu Tode, werden verrückt oder schneiden sich ein Ohr ab – aber sie lassen sich nicht pensionieren!