Neuhängung Tate Britain - London

Chronologisch oder Thematisch?

Die veränderten Sehgewohnheiten bei Mueumsbesuchern haben das neue Konzept der Tate Britain inspiriert: Das Museum zeigt seine Werke nun nicht mehr, wie bisher nach Themen geordnet, sondern künftig in strikt chronologischer Anordnung.
Alles neu in der Tate:Radikaler Bruch mit alten Methoden

Die neue Hängung in der Tate Britain: "Wir wollen einen neutraleren Weg bieten, die Sammlung wahrzunehmen", erklärt Tate-Britain-Chefin Penelope Curtis. "Wir lassen die Bilder mehr für sich selber sprechen."

Chronologisch oder thematisch? Diese Frage stellt sich jedes Museum bei der Anordnung seiner Sammlung.

Als sich die Tate Gallery im Milleniumsjahr 2000 über Nacht in Tate Britain und Tate Modern spaltete, war die Antwort eindeutig: Wir hängen thematisch. Die Kustoden der Tate Modern zogen das konsequent durch, bis heute, die der Tate Britain weichten es etwas auf. Sie ordneten ihre thematischen Blöcke innerhalb der britischen Kunst, von der Tudorzeit des 16. Jahrhunderts bis heute, mehr oder weniger chronologisch an.

Die gerade eröffnete komplette Neuhängung, nach intensiven Renovierungen des gesamten, aus dem 19. Jahrhundet stammenden Museeums, bricht nun radikal mit dieser Methode. Der "Spaziergang durch die Britische Kunst", so der Titel, führt durch eine Flucht von Räumen an einer Längsseite des Gebäudes, dann wieder zurück durch eine ähnliche Flucht auf der anderen Seite, mit Abstechern ins Innere. Es geht von dem 1545 entstandenen Porträt eines Mannes mit schwarzer Mütze von John Betts bis zu einem imaginären Porträt, das die für den diesjährigen Turnerpreis nominierte Lynette Yadom Boakye im vergangenen Jahr malte. Auf dem Weg begegnet man alten Bekannten und entdeckt Unbekanntes, lauscht ungewöhnlichen Dialogen zwischen Werken, zieht verblüffende Schlüsse.

Der Instinkt des Kunsthistorikers ist es, dem Betrachter vorzuschreiben, wie er die Geschichte der Kunst zu lesen hat. Die thematische Hängung ist dafür das ideale Instrument, und selbst eine, wenn man so will, "lockere" Chronologie, die nach Ismen wie "Vortizismus" oder Schulen wie "Londoner Schule" oder Kategorien wie "Viktorianer" ordnet, tut das. Was man als enge Chronologie bezeichnen könnte, vermeidet eine solche Bevormundung. Hier wird streng nach dem Entstehungsjahr eines Werkes gehängt, und hier geht es darum, den Betrachter seine eigene Geschichte bauen zu lassen.

Jeder Saal der neuen Tate Britain ist einer Dekade gewidmet, die am Eingang in Gold in den Fußboden eingraviert ist. Und da werden Künstler, die sich sonst immer nur mit Mitgliedern der eigenen Gruppe unterhalten, zu ganz neuen Gesprächen gezwungen. William Hogarths Porträt seiner Bediensteten hängt neben Thomas Gainsboroughs Gruppe von Aristokraten, deren Frivolität den bescheidenen Dienern eine neue Würde verleiht. Die exotischen Badenden des Viktorianers Lawrence Alma-Tadema und die im selben Jahr entstandenen Huren von Walter Sickert zeigen das Interesse beider Fin-de-Siècle-Maler an einer wenn auch diametral entgegengesetzten Erotik.

Auch im 20. Jahrhundert gibt es solche Gespräche, etwa zwischen dem Porträt einer Frau mit Katze von Lucian Freud und einem von seinen üblichen Strichmännchen umgebenem, ganz normalem Haus von LS Lowry. Die sonst immer dem Surrealismus zugeordnete junge Frau wird plötzlich in eine ganz neue häusliche Ecke gerückt. Ein abstraktes Werk von Howard Hodgkin, das wie immer bei ihm autobiografische Züge trägt, bekommt neben Mark Wallingers poltischer Wandcollage eine fast politische Dimension. Zwar ist es in den meisten Fällen unmöglich, die Entwicklung eines Künstlers zu verfolgen, doch diese neuen Begegnungen lassen das vergessen.

Natürlich kann man auch nörgeln. Etwa daran, dass der vielleicht größte britische Künstler der Nachkriegszeit, der im vergangenen Jahr gestorbene Richard Hamilton, mit nur einem Werk abgespeist wird. Oder dass Anya Galaccios verwelkende Blumen ein flimmerndes Op-Art Bild von Bridget Riley erdrücken. Oder dass ein Saal mit monumentalen Skulpturen von Henry Moore so vollgestellt ist, dass man überall anzustoßen droht. Doch im Ganzen ist die Neuhängung ein Triumph, ein vergnüglicher und lehrreicher Spaziergang voller Überraschungen. Und dass im Zuge der Renovierung auch ein angenehmes neues Café mit Blick auf den Garten entstanden ist, kann man nur begrüßen.

Tate Britain


http://www.tate.org.uk