Kult des Künstlers - Kommentar

Kult ohne Korrektiv

Von Alberto Giacometti über Paul Klee bis zu Jeff Koons: Unter dem Motto "Der Kult des Künstlers" präsentieren die Staatlichen Museen zu Berlin zehn Großausstellungen über die Rolle des Künstlers in allen Kulturen und allen Epochen. Klingt gut – aber sind die Schauen des scheidenen Generaldirektors, Peter-Klaus Schuster, wirklich mehr als nur eine hohle Marketingphrase?
Kult ohne Korrektiv:"Kult des Künstlers" als hohle Marketingphrase

Büste der Nofretete, Amarna/Ägypten, um 1340 v. Chr., Kalkstein, Gips, Höhe 50 cm

"Berlin lebt vom Kult des Künstlers", meinte Peter-Klaus Schuster, bis vor kurzem noch Generaldirektor der Staatlichen Museen und Direktor der Nationalgalerie. Und vielleicht weil von Seiten der Kritik gerade den großen Museen unter Schusters Leitung in den vergangenen Jahren immer wieder vorgeworfen wurde – neben der Stadtverwaltung – den kleinsten Anteil am hauptstädtischen Kunstboom zu haben, schenkt der scheidende Museumsgeneral in einer späten Geste der Wiedergutmachung sich und seinem Publikum zum Abschied mit dem "Kult des Künstlers" einen zehnteiligen Ausstellungszyklus, mit dem bis zum Frühjahr alle großen Häuser der Hauptstadt bespielt werden.

Neben der Doppelpräsentation zu Joseph Beuys und Andy Warhol im Hamburger Bahnhof kann man sich nun in der Neuen Nationalgalerie in den glattpolierten Edelstahl-Skulpturen von Jeff Koons spiegeln oder in den feinziselierten Zeichnungen und Gemälden Paul Klees verlieren, in der Alten Nationalgalerie die fesselnde Geschichte des Wandfrieses von Hans von Marées für eine meeresbiologische Forschungsstation in Neapel studieren, sich am produktiven Wettstreit der Künstlerfreunde Karl Friedrich Schinkel und Clemens Brentano ergötzen oder sich in einem schier endlosen Parcours mit fast 300 Ausstellungsstücken über den Zusammenhang von Nationalstaat und Künstlermythen am deutschen Beispiel informieren.

Der Frage, wie sehr Giacomettis bildhauerische Arbeit von der kultischen Kunst der alten Ägypter beeinflusst war, widmet sich eine drollige Ausstellung in der Ägyptischen Abteilung des Alten Museum, während die Organisatoren, sowohl im Kulturforum am Potsdamer Platz, wie auch in den Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs, mit Hilfe von Gruppenausstellungen schließlich versuchen, der Konstruktion beziehungsweise der Dekonstruktion der Künstlermythen näher zu kommen.

Schmerzlich vermisst man Reflektionen

Es sind gerade die beiden letzten Präsentationen, die den Sinn oder Unsinn dieser Berliner Großveranstaltung auf das Eindringlichste illustrieren, bei der man in keinem Augenblick den Verdacht abschütteln kann, dass die ideelle Klammer vom "Kult des Künstlers" nichts weiter als eine hohle Marketingphrase ist. So erschöpft sich die als erklärendes Korrektiv angekündigte Ausstellung "Unsterblich! Der Kult des Künstlers" in den beiden Ausstellungshallen des Kulturforums in einem mythischen Raunen, dass durch Austellungskapitel wie "Schöpfer", "König", "Dämon" und "Tod" nichts Erhellendes zur Genese des Künstlerkultes beizutragen vermag.

Schmerzlich vermisst man Reflektionen zu den Institutionen, ohne die ein Künstlerkult nicht funktionieren würde: das Netz von staatlichen, kirchlichen oder privaten Auftraggebern, den Medien und dem Markt etwa, die in unterschiedlichen Konstellationen den Betrieb am Laufen halten. Nicht zuletzt die Museen spielen eine gewichtige Rolle, wenn es um den Künstlerkult geht. Wie wenig selbstreflexiv jedoch Peter-Klaus Schuster und seine Kuratoren an die herkulischen Museumsaufgabe gingen, erhellt vielleicht die Tatsache, dass sie es glattweg versäumten, wenigstens eine der monografischen Ausstellungen einer Künstlerin zu widmen. Das wäre dann wirklich ein "Kult" gewesen.

"Kult des Künstlers"

Termine: alle Ausstellungen bis Anfang Januar 2009, Alte Nationalgalerie, Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof, Kunstbibliothek im Kulturforum, Altes Museum, Berlin
http://www.kultdeskuenstlers.de/

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