Die Länderpavillons - 52. Biennale von Venedig

Das Geheimnis der Rollkoffer

Die Länderpavillons: lärmige Medienkunst, fragile Installationen, leise Filmstudien – in diesem Jahr gab es keinen überragenden Auftritt, aber umso größere Vielfalt.
Lärmige Medienkunst und fragile Installationen:Die Länderpavillons im Überblick

Der russische Pavillon: Clickihope.

Eigentlich dürfte es diesen Parcours der Nationen längst nicht mehr geben. Manche vergleichen ihn schon mit dem Schlager-Grandprix („Allemagne, 5 points“), andere wittern im Festschrei­ben nationaler Repräsentanz reaktionäres Gedankengut. „Ein Anachronis­mus!“, tönt es aus dem Kunstbetrieb – und doch findet die Parade weiter statt, wie ein Familienritual, das keiner antasten mag.

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Strecken Teaser

In Wirklichkeit ist natürlich der Gang durch die Giardini das lustvolle Zentrum jeder Venedig-Biennale, auch das superaufgeklärte Kunstpublikum freut sich über Altbekanntes (die Deutschen setzen sich mal wieder mit der Naziarchitektur ihres Pavillons auseinander), überraschendes (der Ukrai­ne-Palazzo als Geheimtipp) und auch die Gelegenheit, Vorurteile bestätigt zu finden („Das ist genau so billig, wie ich mir Russland vorstelle“, war einmal zu hören). Sein Wettbewerbscharakter macht den Parcours so anhaltend attraktiv: Jede Biennale produziert Gewinner und Verlierer.

Einen Giardini-Weltmeister gibt es in diesem Jahr nicht; kein Ländervertreter sorgt für einen Paukenschlag, wie es 2003 Santiago Sierra tat, als er den spanischen Pavillon nur für Inhaber eines spanischen Passes öffnete. Die etablierten Pavillons in den Giardini glänzen durch Noblesse und Routine; von den außerhalb eingerichteten Repräsentanzen sorgte nur jene der Ukraine mit ihrer unglaublichen Mischung aus Dokumentation (Boris Mikhailov) und Pornoästhetik (Jürgen Teller) für Furore.

Die höchste Stelle der Giardini wurde schnell „Hügel der Frauen“ getauft. Tracey Emin zeigt im britischen Pavillon Arbeiten, die zwar noch vom erotischen Exhibitionismus der frühen Jahre zehren, denen aber die unverschämte Direktheit von damals fehlt. Emin will jetzt richtige Kunst machen, was mal gelingt (bei den ero­tischen Monotypien) und mal voll daneben geht (bei den lächerlich angestrengt wirkenden Holzskulpturen). Nebenan im französischen Pavillon beweist sich Sophie Calle wieder einmal als liebevollste Chronistin der neurotischen europäischen Seele. Dies­mal machte sie die kryptische Abschieds-E-Mail eines Liebhabers zum Gegenstand einer Großuntersuchung: Über hundert Frauen, von der Kommissarin bis zur Sängerin, interpretieren das Brieflein und lassen es in barocker Pracht und schillernder Komik erstrahlen.

Und Isa Genzken? Kaum ein Beitrag wurde so hitzig diskutiert wie der deutsche, es gab nur Liebe oder Hass für diese seltsam trashige, schutzlos spärliche Inszenierung. Genzken hat das Gebäude in ein orangefarbenes Bauplastiknetzgitter eingehüllt – die übliche Distanzierung vom Nazibau, sicher, aber auch der Versuch, ihn leichter, angreifbarer erscheinen zu lassen. Drinnen dann eine kleine Studie zur Geschichte des Grenzen überschreitenden Menschen: Astronauten liegen wie Babys in ihren Kapseln, Rollkoffer werden zu Vehikeln für undeutliche Botschaften, Galgenstricke erinnern an Grausamkeit, Glitzerkram an die Utopie des Plastikzeitalters. Der fragile Zauber dieser nicht entschlüsselbaren Inszenierung wirkt lange nach.

Viel Medienkunst ist zu sehen: laute (lärmige Filme im russi­schen Pavillon; Francesco Vezzolis dies­mal etwas platte Wahlkampfspot-Parodien für Italien) und leise (Yves Netzhammers Studie über Fremdheit als Schweizer Beitrag; Aernout Miks Katastrophenszenen bei den Niederlanden; Andreas Fogarasis sterbenslangweili­ge Filme über ungarische Kulturzentren).

Schönster Gegenpol zu all diesen Bedeutungs- und Bilderfluten ist Monika Sosnowskas Arbeit im polnischen Pavillon: Sie füllte den Raum mit ei­nem zerdetschten Stahlgerüst, das zwar auch – Botschaft! – auf den Abriss von Bausubstanz aufmerksam machen soll, dabei aber eine unglaubli­che skulpturale Präsenz entfaltet. Es wurden Kritiker gesehen, die wie Kinder darauf herumkletterten.

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