Neue Künstlerinnen - London

Gefragt ohne Medienrummel

Sie sind nicht laut, nicht unbedingt provokativ: Die neue Generation britischer Künstlerinnen braucht nicht mehr um Identität zu kämpfen. Sie setzen mehr auf ihre Arbeit als auf Schlagzeilen.
Kaum im Rampenlicht:Die neue Generation britischer Künstlerinnen

Eva Rothschild: "Cold Corners", 2009

Man hört nicht mehr viel von ihnen, den Frauen unter den Young British Artists. Nicht von Sarah Lucas, die Spiegeleier in Brüste verwandelte, nicht von Gillian Wearing, deren Videos vor den Kopf stießen, und auch nicht von Rachel Whiteread mit ihren negativen Abgüssen von Räumen. Lediglich Tracey Emin macht noch Schlagzeilen, nicht so sehr mit ihrer Kunst, sondern mehr ihres turbulenten Privatlebens wegen. Gerade vor ein paar Tagen war sie wieder in aller Munde, weil sie sich mit dem Gedanken trägt, zu emigrieren, wegen zu hoher Steuern.

Inzwischen ist aber eine neue Generation von Künstlerinnen herangewachsen, die allerdings nicht so im Rampenlicht stehen. Wer kennt schon Eva Rothschild, deren aus mehr als 20 schwarzen Dreiecken bestehende Metallplastik "Cold Comfort" sich gerade durch die lange Eingangshalle der Tate Britain schlängelt? Oder Tomma Abts, die deutsche Gewinnerin des Turner Preises 2006, um deren winzige abstrakte Gemälde sich Sammler reißen? Oder Hannah Rickards, die Gewinnerin des Max-Mara-Preises für Künstlerinnen, deren neues, auf zwei Leinwände projiziertes Video "No, There Was No Red" eine vom Wetter erzeugte Fata Morgana über dem amerikanischen Lake Michigan zum Thema hat?

Die neue Generation der 30- bis 40-Jährigen arbeitet, ohne viel Aufhebens zu machen, im Atelier. Diese Künstlerinnen brauchen heute nicht mehr um ihre Identität zu kämpfen, das haben andere vor ihnen erfolgreich hinter sich gebracht. Autobiografisches sucht man in ihrer Kunst vergeblich, und sie sehen sich nicht in erster Linie als Frauen, die Kunst machen. Wenn sie künstlerisch etwas gemeinsam haben, dann ist es ihr Interesse an der Kunstgeschichte, vor allem an der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. In ihrer Installation "Haus der Frau" (2008) kontrastiert die Polin Goshka Macuga, die für den Turner Preis 2008 nominiert wurde, das Werk des Architekten Mies van der Rohe und das seiner langjährigen beruflichen und privaten Partnerin Lilly Reich. Eine Gobelinkopie von Picassos "Guernica" bildet das Zentrum ihrer Installation "The Nature of the Beast", die bis zum Jahresende in der Whitechapel Gallery zu sehen ist. "Alphabet" (2008) von Lucy Skaer, der einzigen Frau unter den vier Anwärtern für den diesjährigen Turner Preis, besteht aus 26 pechschwarzen Nachbildungen von Giacomettis berühmter Vogelplastik, eine für jede Version, die der Plastiker schuf. Und Rebecca Warrens amorphe Plastiken, die eine Gratwanderung zwischen Abstraktion und Figuration unternehmen, erinnern vage an Henry Moore und Barbara Hepworth.

In einer Beziehung haben ihnen ihre Vorgängerinnen unter den YBA’s direkt den Weg geebnet. Für die Jüngeren ist das Interesse des Kunstmarktes und der Museen an ihrer Arbeit heute eine Selbstverständlichkeit, sie alle sind erfolgreich, ohne sich ständig neu in den Medien lancieren zu müssen. Dass der von dem italienischen Modehaus Max Mara alle zwei Jahre gemeinsam mit der Whitechapel Gallery vergebene Preis Künstlerinnen vorbehalten ist, macht zwar nicht alle glücklich. Doch er stellt jedenfalls sicher, dass zumindest die Gewinnerinnen eine Weile ohne wirkliche Geldsorgen arbeiten können.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de