Helmut Newton - Weserburg Bremen

Schnöder Macho oder fotografisches Genie?

Die Feministinnen hassen ihn, Foto-Fans verehren ihn – an Helmut Newton scheiden sich die Geister. Eine Ausstellung im Neuen Museum Weserburg in Bremen.
Schnöder Macho oder fotografisches Genie?:Helmut Newton im Museum Weserburg

Helmut Newton, "Belluci", Monte Carlo, 2001

Helmut Newton polarisiert. Für die einen – wie die "Emma"-Herausgeberin und Feministin Alice Schwarzer – war er der Prototyp eines schnöden Macho, dessen Frauenbild "von der nackten Herrin mit Fetisch-Stöckelschuhen über die glänzende Sklavin in Ketten bis hin zum viehisch vorgeführten Objekt" reicht. Für die anderen war er schlicht ein genialer Frauenfotograf. "Bullshit! Ich liebe die Mädels, das alles ist ein feministisches Missverständnis", federte Newton diese Vorwürfe ab.

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Heute regt sich wohl kaum noch jemand ernsthaft über die hochgewachsenen Superfrauen mit ihren High-Heels auf. Ob das stimmt, wird sich erweisen, wenn das Bremer Museum Weserburg am 31. Mai eine Retrospektive von Newtons präzise inszenierten und perfekt ausgeleuchteten Aktaufnahmen (“Big Nudes”) zeigt. "Spannungsgeladene Szenen im Hotel, in der nächtlichen Stadt, die anmuten, als seien sie Teil einer filmischen Erzählung, stehen neben den Porträts der Stars der schillernden Welt des Glamours", heißt es in der Ankündigung zur Ausstellung.

"Mit seinen fotografischen Inszenierungen hat Newton den selbstbewussten Sexus der Frau in revolutionärer Weise ins Bild gesetzt", sagt Carsten Ahrens, Direktor des Museums Weserburg. "Die Frau in diesen Fotografien erscheint nie als Objekt männlicher Macht, sondern als Herrin ihrer eigenen Sexualität."

"Sie kommen" nannte Newton seine auf den Betrachter zumarschierenden Nackten. Diese Worte sollen deutsche Soldaten ausgerufen haben, als die Alliierten 1945 in der Normandie landeten – Newton zeigt Frauen also auch als Rettung aus der Gewaltherrschaft. Er selbst bestand zwar darauf, die Bilder für sich stehen zu lassen und wollte keine Deutung. Und doch spricht der Titel Bände. Als Inspirationsquelle für die charakteristische Ästhetik hat Newton einmal die RAF-Fahndungsplakate der 1970er-Jahre genannt. In jedem Fall kitzelt sein Blick aus den Frauen das Starke heraus, eine Stärke in der Entblößung.

Helmut Newton wurde 1920 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren und flüchtete 1938 mit seiner Mutter aus Deutschland – Newton war der Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten. Die Flucht führte den jungen Fotografen nach Singapur und dann weiter nach Australien. Hier lernte er June Brunell kennen, die zweite große Frau in seinem Leben. Unter dem Namen Alice Springs machte sie selber Karriere als Fotografin, 55 Jahre lang war das Paar verheiratet, als Helmut Newton 2004 starb. Es war ein Jet-Set-Tod in Los Angeles: Er verlor die Kontrolle über sein Auto, einen Cadillac.

Die Bremer Schau zeigt, was die Karriere Helmut Newtons geprägt hat: Bei ihm gibt es keine gespielte Naivität mehr, sondern Frauen, die selbstbewusst ihren Körper zeigen. Als Fotograf für "Vogue" und "Elle" und ab den siebziger Jahren freischaffend, hatte er sie alle vor der Kamera: Naomi Campbell ist in Bremen zu sehen, wie sie sich auf einer Strandmatte ausstreckt. Zuerst bleibt der Betrachter an diesen ellenlangen Beinen hängen und dann erst an Campbells Blick, abweisend und herausfordernd zugleich.

Und Monica Belluci gibt es in Bremen sogar in Farbe: Der rote Lippenstift-Abdruck ihres sagenhaften Mundes drückt sich durch ein Taschentuch. Bei aller Erotik verliert Newton nie den Humor: Es ist eben nur ein Bild, das er sich von einem Menschen macht, und eigentlich ist es ja auch gar nicht Monika Belluci, die den Betrachter hier zu küssen scheint, sondern ein Taschentuchmund.

"Helmut Newton – Fotografien"

Termin: 31. Mai bis 31. Dezember, Neues Museum Weserburg, Bremen.
http://www.nmwb.de/

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