ArtFinder - Interview

Kunst im Netz

ArtFinder ist eine neue Webseite, die Bildende Kunst auf bahnbrechende Art und Weise vermittelln will. London-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit den beiden Gründern Chris Thorpe, früherer Internet-Entwickler beim Guardian und Autor von Computerspielen, und Spencer Hyman, ehemahliger Direktor des Musikportals Last.fm.
Kunst im Netz:Webseite ArtFinder

Startseite der neuen Webseite ArtFinder

art:Was hat Sie dazu gebracht, ArtFinder aufzubauen?

artfinder: Wir sind leidenschaftliche Kunstfreunde und sind ebenso leidenschaftlich daran interessiert, anderen Kunstfreunden dabei zu helfen, mehr über die Kunst in Erfahrung zu bringen. Ironischerweise ist das heute im Internet gar nicht so einfach...

Es sei denn, man geht zu einer Webseite wie die der National Gallery ...

...richtig, aber da finden Sie nur die Sammlung der National Gallery. Mit Büchern ist das anders. Bei Amazon finden Sie einen umfassenden Katalog, das Portal gehört zu den 10 meistbesuchten der Welt. Selbst amazon.co.uk befindet sich noch unter den ersten 100. Nehmen Sie aber einen großen internationalen Verlag wie Harper Collins, der ist nur unter den ersten 100 000. Ähnlich bei Musik: das Musikportal Last.fm gehört zu den ersten 300, ein großes Label wie EMI findet man dagegen wirklich nur unter ferner liefen.

Und in der Kunst?

Seinen Geschmack für die Kunst entwickelt man bis jetzt nicht über das Internet. Man geht in Museen, man liest Bücher, man entdeckt Dinge durch Zufall. Wie beim Radio, wo man nie wirklich weiß, was als nächstes kommt. Das kann etwas sein, was einen nicht interessiert, aber auch etwas, für das man eine Leidenschaft entwickelt. Das Internet kann so etwas nicht besonders gut. Mit ArtFinder wollen wir das für die Kunst ändern. Unser Ziel ist, eine Art Amazon oder Last.fm für die Kunst zu schaffen.

Und wie funktioniert das?

Nehmen wir an, Sie interessieren sich für die Renaissance. Sie klicken etwa auf dieses Gemälde von Botticelli, da finden Sie Hintergundinformationen über den Maler und sein Werk. Sie können etwas über verwandte Künstler in Erfahrung bringen, etwa Filippo Lippi. Was hat er alles gemalt? Und was Ihnen gefällt, stecken Sie in Ihre persönliche Galerie von Favoriten. Ihre Begeisterung für diese Werke können Sie, etwa über Twitter oder Facebook, dann mit Ihren Freunden teilen.

Was kann ArtFinder noch?

Sie können sich zum Beispiel auf eine Reise ins Blaue begeben. Sie wählen sich vier Kunstwerke aus, und wir begleiten Sie auf einem Trip zu ähnlichen Künstlern, ähnlichen Genres, ähnlichen Motiven.

Sie haben ein iPad hier liegen. Was kann man damit machen?

Wir bauen Apps eigens für das iPad, denn das ist sehr viel geeigneter für uns als ein Computer. Man kann es überall verwenden, im Museum, im Flugzeug oder zuhause in den eigenen vier Wänden. Die Auflösung ist einfach fantastisch, man kann sogar einzelne Pinselstriche ausmachen. Das ist nicht das gleiche wie vor einem Original zu stehen, aber viel besser als in einem Katalog zu blättern.

Und was genau können Sie machen?

Ein Museum oder auch ein einzelner Künstler gibt uns eine CD mit Fotos von Werken und Informationen, und wir bauen daraus eine App für das iPad. Zum Beispiel für die kanadische "Group of Seven", deren Werke in der Art Gallery of Ontario hängen. In Kanada sind diese Maler einigermaßen bekannt, doch sonst kaum. Eine wunderbare Gelegenheit, sie näher kennenzulernen.

Wird es beim iPad bleiben oder werden Sie auch Apps für Smartphones bauen?

Das ist der nächste Schritt, wir haben da ein paar Überraschungen auf Lager, über die wir aber noch nicht sprechen können.

Und wo kommen die Kunstwerke her?

Wir haben Vereinbarungen mit internationalen Museen und Galerien, etwa dem Ashmolean Museum in Oxford, der Art Gallery of Ontario und anderen. Die Zahl unserer Partner wird sich ständig erhöhen.

Ist die Speicherkapazität theoretisch unbegrenzt – könnten Sie also sämtliche Museen der Welt erfassen?

Nicht nur theoretisch. Uns schwebt vor, schon bald Zugriff auf Millionen von Kunstwerken zu haben. Und natürlich nicht nur die, die ein Institut ausstellt, sondern auch die Lagerbestände, die man normalerweise nicht oder nur selten sieht. Die Walker Gallery etwa zeigt rund 800 Werke, besitzt aber mehr als 8 000. Die werden wir alle erfassen, da sind wir schon auf dem besten Weg.

Auf den ersten Blick sieht man kaum moderne und zeitgenössiche Werke auf der Seite. Sind die ausgeschlossen worden?

Es gibt auch Werke der Moderne, zum Beispiel der Cass-Stiftung für Skulpturen. Es gibt viele andere zeitgenössische Künstler auf der Seite, aber insgesamt liegt der Schwerpunkt der Sammlung auf Kunst vor 1915. Das liegt unter anderem an den Bildrechten. Von Anfang an waren wir überzeugt, dass wir das Copyright und die Rechte lebender Künstler respektieren müssen. Mehr moderne und zeitgenössische Werke werden in nächster Zukunft zu sehen sein und wir arbeiten mit einigen der wichtigsten Künstler und Galerien unserer Zeit, damit das bald möglich ist.

Wer schreibt die Texte zu den Künstlern oder den Kunstwerken?

Die werden größtenteils von uns verfasst, aber wir nehmen auch Texte, die Museen uns zur Verfügung stellen.

Und was kostet der Spaß?

Die Webseite ist natürlich kostenlos. Ebenso einige Apps, andere müssen Sie dagegen kaufen. Aber sie kosten nicht viel, zwei bis drei Pfund, manche werden teurer sein.