Kienholz: Hoerengracht - National Gallery London

Tränen, Schweiss und eine klebrige Schäbigkeit

Die Londoner National Gallery zeigt die spektakuläre Rauminstallation von Ed und Nancy Kienholz – eine Nachbildung des Amsterdamer Strichs.

Dunkelheit tut sich auf, wenn man die Gasse betritt, man muss sich erst an das düster-rote Licht gewöhnen. Man erkennt Hausecken, Türen, ein Fahrrad lehnt an einer Wand, auf dem Boden Blätter, Abfall, man hört gedämpfte Musik. Und dann die beleuchteten Fenster, dahinter winzige Räume, schäbig, spießig, wenig einladend. Und die halbnackten Frauen, sitzend, stehend. Sie schminken sich, kämmen sich die Haare, lesen einen billigen Comic. Gelangweilt, wartend. Eine steht draußen und bietet sich uns, den Passanten, an.

Alles lebensgroß, lebensecht. Doch dann eine dramatische Abkehr von der Realität. Die Köpfe der elf Frauen sind von Glaskästen mit offenem Deckel gerahmt, sie sind Objekte, gefangen, gleichzeitig aber in der Lage, ihr Schicksal selbst zu kontrollieren, indem sie den Deckel schließen. Und überall schlierig herunterlaufendes Harz, auf der nackten Haut der Frauen, auf den Fernsterscheiben, auf Möbeln und Wänden. Man denkt an Tränen, Schweiß, auch an klebrige Schäbigkeit.

Als Nancy Kienholz den Brief von Nicholas Penny erhielt, glaubte sie zunächst an einen Scherz. Der neue Direktor der Londoner National Gallery würde sie doch nicht im Ernst darum bitten, "Hoerengracht", eine Nachbildung des Amsterdamer Strichs, in seinem ehrwürdigen Institut aufbauen zu dürfen? Doch Penny und sein Kurator Colin Wiggins spaßten keineswegs. Ihnen war daran gelegen, die Parallelen zwischen der Arbeit des Ehepaares und den niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts in ihrer Sammlung aufzuzeigen.

"Ich musste lachen, als ich das las", sagt Nancy Kienholz, denn genau an diese Parallele hatten sie und ihr vor 15 Jahren verstorbener Mann Ed gedacht, als sie 1983 in ihrem damaligen Berliner Atelier mit der Arbeit an ihrer größten Rauminstallation begannen. Und so hängt am Eingang des Tableaus eine Wirtshausszene von Jan Steen, dessen Gemälde oft anstößige Anspielungen enthalten: Ein Betrunkener zupft am Rock der Bedienung, der Stiel der auf dem Boden vor ihren Füßen stehenden Bratpfanne und der kleine Finger, den ein zweiter Mann in seinen Pfeifenkopf steckt, lassen keinen Zweifel an ihrer Begierde.

Auf der Suche nach Sex

Auch Pieter de Hoochs "Das lustige Lied" ist eindeutig: Der Mann reicht einer der Frauen eine Auster, sie dreht zwar verschämt ihr Gesicht weg, signalisiert jedoch ihr Einverständnis, indem sie provokativ ihr Messer in ein Glas steckt. Und auf Godfried Schalckens Gemälde bietet ein Mann einer auf einem Bett sitzenden jungen Frau Geld und Gold an. Es ist so winzig, dass man ganz nahe herangehen muss, um etwas sehen zu können. Der Betrachter als Voyeur.

Dasselbe Sujet – Liebe gegen Geld – und auch frappierende Überschneidungen. Am Ende der Hauptgasse in "Hoerengracht" hängt das Foto eines jungen Mannes mit Trenchcoat, der an den beleuchteten Fenstern vorbeigeht, auf der Suche nach Sex. Eine ähnliche Funktion – die Öffnung nach draußen – gibt Pieter de Hooch einem jungen Mann, der in einem Torbogen mit Blick auf die Stadt steht. Die neben ihrem Telefon stehende Jutta – alle elf Frauen tragen Namen – wartet auf den Anruf des nächsten Kunden und starrt den Betrachter herausfordernd an, ebenso wie Johannes Vermeers "Junge Frau, an einem Virginal sitzend". Gemeinsam auch das sorgfältige Spiel mit dem Licht, das bei den beiden Amerikanern die Düsterkeit der Szene unterstreicht.

Doch es gibt einen grundlegenden Unterschied: Aus den Werken der Niederländer scheint eine unverkrampfte, fast positive Haltung zur Prostitution heraus, käufliche Liebe ist normal, alle profitieren davon. "Hoerengracht" dagegen, ohne zu moralisieren, macht es dem Betrachter unmöglich, insgeheim Spaß an etwas Verbotenem zu haben. Prostitution, zumindest in dieser Form, degradiert, die jungen Frauen sind Opfer, vielleicht auch die unsichtbaren Kunden. Ein Schock, den man nicht so schnell los wird, auch nachdem man die heiligen Hallen der National Gallery verlassen hat.

"Kienholz: The Hoerengracht"

Termin: bis 21. Februar 2010, National Gallery London
http://www.nationalgallery.org.uk/whats-on/exhibitions/kienholz-the-hoerengracht

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