Radar - Barbara J. Scheuermann

Barbara Scheuermann über Agata Madejska

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Barbara J. Scheuermann, Kuratorin für zeitgenössische Kunst an der Tate Modern in London, über Agata Madejska.
Radar: Agata Madejska:Barbara J. Scheuermann über ihre Lieblingskünstlerin

Agata Madejska: "Orgel", Lightjet-Print, 2006, aus der Reihe "alpha"

Agata Madejska ist eine junge Künstlerin, die noch am Anfang ihrer Karriere steht. Die 1979 in Warschau geborene Fotografin, die 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland kam, hat erst 2007 ihr Diplom bei Gisela Bullacher an der Folkwang-Hochschule in Duisburg/Essen gemacht.

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Aufgefallen sind mir Agata Madejskas Fotos zum ersten Mal, als die Künstlerin in diesem Frühjahr das Stipendium zur Förderung zeitgenössischer deutscher Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zuerkannt bekam. Ein zweites Mal begegneten mir Madejskas kühle Fotografien dann kurze Zeit später, als ich für das unabhängige und zum ersten Mal in diesem Jahr stattfindende Kölner Kunstfestival artrmx als Jury-Mitglied für Fotografie aus Hunderten von Einsendungen einige wenige für die schließlich bald stattfindende Ausstellung aussuchen durfte.

Agata Madejskas Reihe "Kosmos" (8 C-Prints auf Alu-Dibond, gerahmt, zwischen 40 cm x 36,5 cm und 40 cm x 55,5 cm, 2007) zeigt, anders als der Titel vermuten ließe, jeweils einen kleinen Ausschnitt aus unserem Alltagsleben. In den frühen Abendstunden, dann, wenn das Sonnenlicht geht und das Mondlicht und mit ihm die Dunkelheit kommt, hat Madejska auf Spielplätzen Spielgeräte aus Edelstahl fotografiert. Auf den fast farblosen, bläulich-schwarzen Bildern schimmern die Rutschen, Schaukeln und Klettergrüste geheimnisvoll in der Dunkelheit und wirken auf einmal wie edle Design-Objekte.

Die Kluft zwischen diesem Anschein und dem Wissen, dass die Geräte für die Benutzung bei Tag und von Kindern zum Spielen gedacht sind, ist bei der Betrachtung der Fotografien kaum zu überbrücken und ergibt einen spannenden Widerspruch. Fast bedrohlich kann die Rutsche einem vorkommen, wie sie da vor dem nachtschwarzen Hintergrund steht, und doch ist sie vertraut und löst umgehend eine Vielzahl von Erinnerungen aus, die zumeist mit Tageslicht, Lärm und Freude verbunden sein mögen und so eine reizvolle Spannung mit der kühlen Reserviertheit der Bilder eingehen.

"Was sehe ich? Was sehen wir?"

Die "verdunkelte" Umgebung wird zur Projektionsfläche für den Betrachter. An solchen "Leerstellen" ist Agata Madejska besonders interessiert. Das ist auch in ihren früheren Arbeiten "Alpha" und "Nocturnes" (beide 2005/2006) zu sehen. Auch hier lotet sie, in Bildern von so unterschiedlichen Dingen wie Baumstämmen, Treppenstufen, einem Kleid oder einer Glaskaraffe, aber auch einer menschlichen Halspartie, die Möglichkeit einer minimalen, meist natürlichen Belichtung aus. Damit rückt sie kleinste Details in den Mittelpunkt und überlässt souverän den Großteil der (Re)Konstruktion des Bildes dem Betrachter.

Souveränität beweist die Künstlerin auch, wenn sie in ihren Texten und Gesprächen über ihre Arbeit immer wieder die grundsätzlichen Fragen stellt und sich auch nicht scheut, die Fotografie, ihr eigenes Medium, ganz und gar in Frage zu stellen: "Ist Fotografie ein Medium, das die Möglichkeit besitzt, uns das Leben vor Augen zu führen? Oder ist sie allzu sehr an die Technik gebunden, nur ein plattes, sinnloses Produkt? Was sehe ich? Was sehen wir? Was entflieht unseren Augen? Was bleibt?"

Erst einmal bleibt zu hoffen, dass Agata Madejska sich all diesen Fragen noch lange stellen wird. Die Künstlerin beginnt in diesem Sommer den Fotografie-Studiengang am Royal College of Art in London.

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