Susanne Gaensheimer - Interview

Etwas ganz anderes machen

Mit dem Gewinn des Goldenen Löwen für den deutschen Beitrag hat Susanne Gaensheimer im vergangenen Jahr bereits den höchsten Preis abgeräumt, den die Venedig Biennale zu vergeben hat. Was reizt die Kuratorin nach diesem Erfolg, sich noch einmal den Strapazen von Venedig auszusetzen? art-Redakteurin Ute Thon sprach mit der Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) über ihre Motivation und die Pläne für den Deutschen Pavillon 2013
Hohe Messlatte:Interview mit Susanne Gaensheimer

Die Kuratorin des Deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, in Venedig nach der Eröffnung des Deutschen Pavillons auf der 54. Kunstbiennale Venedig. 2013 wird sie den Pavillon erneut kuratieren.

art: Sie haben in Venedig 2011 für Ihre Christoph-Schlingensief-Präsentation im Deutschen Pavillon den Goldenen Löwen gewonnen. Warum will man nach so einem Triumph dort noch mal antreten?

Susanne Gaensheimer: Man könnte natürlich sagen, ich habe den Goldenen Löwen gewonnen, also gibt's für mich da nichts mehr zu holen. Aber das war nie meine Zielsetzung. Ich habe immer schon die Haltung gehabt, eher die Möglichkeiten zu sehen als die Schwierigkeiten. Und es reizt mich einfach, dort noch mal was ganz anderes zu machen.

Ich erinnere mich aber noch an ein Gespräch kurz nach der Eröffnung in Venedig, da konnten Sie sich nicht vorstellen, ein zweites Mal als Kuratorin anzutreten.

Das lag sicher daran, dass das damals wahnsinnig anstrengend war. Und auch sehr traurig. Andererseits war die Zusammenarbeit mit den Schlingensief-Leuten sehr positiv. Das war eine wirklich schöne Erfahrung und etwas, das bis heute anhält.

Das klingt, als hätten Sie sich in Venedig verliebt?

Ja. Diese Arbeit in Venedig ist wirklich etwas ganz besonderes. Nicht nur ich, mein ganzes Team hat sich ein bisschen in Venedig verliebt. Und selbst meine Familie sagt, es war eine wahnsinnig tolle Zeit, obwohl es doch für alle auch ziemlich stressig war. Es ist der Kontext dieser Stadt. Sie macht aus dem Aufenthalt eines Biennale-Besuchers einen besonderen Aufenthalt.

Und wie kam die Entscheidung ganz konkret zustande?

Das Auswärtige Amt hat mich gefragt, ob ich das noch mal machen wolle. Zuvor hat es in der Kunstkommission lange Diskussionen über die Arbeitsbedingungen des Biennale-Kurators gegeben, und man kam zu der Übereinkunft, dass bestimmte Dinge nachgebessert werden müssten. Nun haben sich die Rahmenbedingungen verbessert.

Inwiefern sind die Bedingungen besser geworden?

Zu konkreten Zahlen müssten Sie das Auswärtige Amt befragen. Aber ich kann sagen, dass die Sockelfinanzierung wesentlich erhöht worden ist. Das war früher viel zu wenig. Außerdem wird dem Kurator jetzt eine Person zum Fundraising zur Seite gestellt. Das musste ich beim ersten Mal mit übernehmen. Wie Sie vielleicht wissen, sind mir nach dem Tod von Christoph Schlingesief plötzlich die Sponsoren abgesprungen. Das war eine Katastrophe.

Welche Heimvorteile gibt es, wenn man ein zweites Mal den Deutschen Pavillon bespielt?

Das fängt bei ganz banalen Sachen an: zum Beispiel die Wohnungssuche in Venedig. Das hat uns beim letzten Mal sehr viel Zeit gekostet. Jetzt haben wir die Adressen und brauchen die Apartments einfach nur anzumieten. Oder dass man weiß, wie die Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) läuft, wer dort was macht und wie die Kommunikationskanäle fließen.

Gehen Sie die Kuratoren-Aufgabe diesmal entspannter an als beim ersten Mal?

Nein. Ich bin der Meinung, dass man solche Sachen nur 100-prozentig machen kann. So nebenbei läuft das nicht. Mich reizt die Fragestellung, was könnte diesem Pavillon eine neue Perspektive hinzufügen. Was kann man da machen, was keine Wiederholung ist? Wie kann man die Diskussion öffnen, wie Anstöße geben, die Situtation anders zu denken?

Denken Sie eher an eine Einzelausstellung oder könnte es auch eine Gruppenschau werden?

Ich denke über beides nach, habe mich aber noch nicht entschieden.

Über konkrete Künstler wollen Sie noch nicht sprechen. Aber ganz allgemein: Wohin könnte die Reise gehen?

Es gibt zwei Dinge, die mich beschäftigen. Das ist einmal das Monolithische, Monumentale dieses Pavillions, das finde ich problematisch. Das war auch einer der Gründe, warum ich seinerzeit Christoph Schlingensief ausgewählt hatte. Ich hatte gehofft, er würde diese Monumentalität zersetzen. Zum anderen beschäftigt mich immer mehr dieses Bewusstsein, dass man ein Land nicht unabhängig von seinem internationalen Kontext sehen kann. Wir leben in unserem Alltag, in der Politik und auch in der Kultur eine permanente internationale Vernetzung, das heißt, man muss sich als Teil eines globalen Systems sehen. Was das für den deutschen Pavillon bedeutet, ist die Frage, die mich derzeit beschäftigt.

Wieviel Zeit haben Sie sich gegeben, um ein konkretes Projekt mit konkreten Künstlern zu entwickeln?

Bis zum Herbst muss alles stehen. Ich habe natürlich schon ein paar Ideen im Kopf, aber die müssen über den Sommer noch reifen.