Geld und Schönheit - Florenz

Das Herz in der Schatztruhe

Aus Angst um ihre Seele investierten die Medici große Vermögen in Künstler wie Botticelli und die Restaurierung von Klöstern und Kirchen. Eine Ausstellung im Florentiner Palazzo Strozzi untersucht die Geburt des modernen Bankwesens mit Blick auf die Kunst. Ein Rundgang durch die schaurig-schöne Bildwelt von art-Korrespondentin Ute Diehl – und ein Blick auf die Krise der Demokratie in der Ausstellung "Declining Democracy", ebenfalls im Palazzo Strozzi.

Manch ein geprellter Investor hätte den Bankern von Lehmann Brothers wohl das Schicksal gewünscht, das der Renaissancemaler Andrea di Cione, genannt Orcagna, in seinem Fresko "Triumph des Todes" in der Florentiner Kirche Santa Croce Schurken jedweder Couleur zugedacht hatte: Sie schmoren in einem flammenden Inferno.

Orcagna hatte unter die Verdammten in der Hölle unter anderem einen Papst, einen Kardinal und eine Nonne gemischt – die reichen Händler, die beim Besuch der Messe auf dieses Menetekel geblickt haben, waren vorgewarnt. Das nur noch als Fragment erhaltene Fresko von Orcagna ist jetzt im Florentiner Palazzo Strozzi in der Ausstellung "Geld und Schönheit, die Bankiers, Botticelli und das Fegefeuer der Eitelkeiten" zu sehen. Sie erzählt die Geschichte der Florentiner Familie Medici im 15. Jahrhundert, ihrer Geldgeschäfte, ihrer Politik und der Künstler, die sie förderte. Sie endet mit der Hinrichtung des radikalen Reformmönchs Savonarola und dem Bankrott der Medici. 100 Werke von Sandro Botticelli, Fra Angelico, Andrea del Verrocchio bis Hans Memling sind zu sehen.

Himmlischer Schutz für die Geldherstellunng

Das wichtigste Ausstellungsstück aber ist eine Goldmünze, der Florin, den der Stadtstaat Florenz seit 1252 herausgab. Von der Größe einer 50-Cent-Euromünze und aus 3,54 Gramm Feingold. Der Florin war damals in ganz Europa anerkannt. Man sieht ihn gleich beim Hereinkommen in einer Glasvitrine hocherhoben wie eine Hostie vor einem vier Meter hohen Gemälde auf Goldgrund mit der Darstellung der Krönung der Jungfrau Maria. Das Bild, das man leicht mit einer Altartafel verwechseln könnte, wurde 1370 zur Verschönerung des Münzprägeamtes in Auftrag gegeben – himmlischer Schutz bei der Herstellung von Bargeld. In einem für uns heute unvorstellbaren Maß waren Geld, Kunst, Religion und Politik miteinander verquickt. Die beiden Kuratoren, Tim Parks, der ein Buch über "Das Geld der Medici" geschrieben hat und Ludovica Sebregondi, Autorin einer wissenschaftlichen Arbeit zur Ikonographie des Savonarola, führen mit leichter Hand in das komplexe Thema ein.

Geld gegen Zins verleihen galt als Sünde

Die Medici häuften große Summen an, sehr viel davon investierten sie in Kunst. Sie ließen Kirchen und Palazzi bauen, gaben Statuen und Bilder in Auftrag. Das unterscheidet sie von von den Mächtigen des 21. Jahrhunderts. Ihr Gewissen zwang sie dazu. Wer Geld gegen Zins verlieh, beging eine Sünde und musste dafür Entschädigung leisten. Die Menschen wollten alle in den Himmel kommen, aber sie wollten auch nicht aufhören, Geschäfte zu machen. Der reiche Händler Francesco Datini klagte, dass er Tag und Nacht nur über seinen Geschäftspapieren sitze. Er bekam dann Angst und ging barfuß auf Pilgerfahrt. "Er dachte nur ans Geld und nicht an seine Seele", bemerkt ein Chronist und fügt hinzu: "Die Hände der Kaufleute sind immer voller Tinte."

Wie der bargeldlose Zahlungsverkehr entstand

Überall lauerten Gefahren. Ein Bild von Fra Angelico zeigt ein Segelschiff im Sturm, das beladen mit Kornsäcken nur dank der Hilfe des Heiligen Nikolaus sicher den Hafen erreicht. Welche Angst die Reichen auch vor ihresgleichen hatten, sieht man in Florenz an den festungsartigen Palazzi mit den schweren Eisengittern. In der Ausstellung steht eine eiserne Kiste mit einem überaus komplizierten Schließmechanismus im Deckel, der sich als Attrappe erweist, um Diebe in die Irre zu führen. "Im Namen Gottes", liest man auf einem kleinen, unscheinbaren Zettel und sonst steht nur noch eine Summe, Ort, Datum und Name darauf. Dieser Wechselbrief aus dem Jahr 1398 brachte eine Revolution ins Bankwesen: den bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Es kam auch vor, dass die Bankfilialen der Medici in London oder Brügge wegen fauler Kredite große Verluste machten. Reiche Leute konnten ganz plötzlich verarmen und empfanden dann eine solche Scham über ihren sozialen Abstieg, dass sie nicht einmal um Hilfe baten. Für sie gründete der Dominikaner Antonino Pierozzi die Bruderschaft Buonomini di San Martino, an die sich noch heute Bedürftige wenden können.

Strenge Vorschriften für den "Pöbel"

Aber "der Pöbel von niederer Geburt" sollte nicht zu Wohlstand kommen. Soziale Mobilität wurde durch Vorschriften verhindert, zu denen auch die Kleiderordnung gehörte. Es wurde genau vorgeschrieben, wer einen roten Mantel und oder einen Pelzkragen tragen durfte und wieviele Ringe an der Hand oder Spangen im Haar einer Frau erlaubt waren. Der sozialen Kontrolle unterlagen auch die Juden, die an ihrer Kleidung einen gelben Ring anbringen mussten. Ein unbekannter Maler aus Mantua stellt auf seinem Madonnenbild am unteren Bildrand vier Juden dar, ein Einzelfall im Klima der Intolleranz jener Zeit. Der Geldverleih durch Juden unterlag nicht dem Verbot der christlichen Kirche, und so entwickelte sich das Stereotyp des habgierigen Juden.

Ein Scheiterhaufen für die Eitelkeiten

Sandro Botticelli malt 1468 eine Madonna in einer so raffinierten Aufmachung, dass sie den Florentiner Damen zur modische Anregung diente. Man versteht, dass ein Mönch, der das Evangelium ernst nimmt, diese Entwicklung der Kunst nicht gutheißen konnte. Der Dominikaner Savonarola, Prior im Kloster San Marco, wetterte seit 1482 gegen die neuheidnische Gesinnung, die vom Hof der Medici gefördert wurde. Er forderte Zucht, Armut, schlichte Frömmigkeit, kritisierte den Papst und den römischen Klerus. Er ließ Scheiterhaufen errichten und die Menschen warfen sogenannte "Eitelkeiten", Kleider, Perücken, Gemälde mit Aktdarstellungen und Bücher von Bocaccio, in die Flammen, zuletzt im Februar 1497 auf der Piazza della Signoria. Genau ein Jahr später wurde Savonarola genau an dieser Stelle zuerst gehenkt und dann verbrannt. Seine Asche streute man in den Arno, um eine Reliquienverehrung zu verhindern.

Botticelli unterwarf sich Savanarolas strengen Regeln

Botticelli, dessen Namen man vor allem mit dem Bild der nackten Venus auf der Muschel verbinden, war am Ende von der unbestechlichen Strenge der Predigten beeindruckt und unterwarf sich den strengen Forderungen. Die Ausstellung zeigt das turbulente, allegorische Gemälde der "Verleumdung" (1495). Am Rand der Szene steht noch einmal die nackte Venus als Personifizierung der Wahrheit. Danach ist Botticellis Malerei nur noch religiösen Themen gewidmet, stilistisch rückwärtsgewandt, sogar der Goldgrund taucht wieder auf.

Postdemokratie in der zeitgenössischen Kunst

Ein Künstler des 21. Jahrhunderts, der mit den Regeln des Geldkreislaufs spielt und aus seiner Ferne zum Markt ein Programm gemacht hat, ist der Italiener Cesare Pietroiusti. Er nimmt neben elf internationalen Künstlern, wie Thomas Hirschhorn, Artur Zmijewski und Roger Cremers an einer Ausstellung mit dem doppeldeutigen Titel "Declining Democracy" teil, die in den unteren Räumen des Palazzo Strozzi im Zentrum für zeitgenössischen Kunst zu sehen ist. Die Leiterin Franziska Nori untersucht mit ihrem Ausstellungsprojekt wie weit das Schlagwort von der "Postdemokratie" heute zu Recht in Umlauf ist. Die schlichte Einsicht, dass jeder Einzelne wichtig ist, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, vermittelt Francis Alys mit seiner Videoinstallation "When Faith Moves Mountains", wo 500 Freiwillige zu sehen sind, die eine Sanddüne im Norden Limas um mehrere Zentimeter verschieben.

Wabernde Masse auf der Suche nach der Metazelle

Aktive Bürger sind notwendig. Doch selbst die Parteien haben ihre einstmals demokratische Struktur verloren. So hat Cesare Pietroiusti in der Ausstellung ein "Büro für politische Bildung" eingerichtet und leitet hier einen Workshop, an dem zwanzig Personen teilnehmen können, die eine politische Laufbahn im Auge haben. Zweifel, ob das fehlerhafte Modell Demokratie verbessert werden kann, kommen beim Betrachten eines beunruhigenden Glasobjekts, das der österreichische Künstler Thomas Feuerstein "Parlament" nennt. In einem gläsernen Bioreaktor wachsen Schleimpilze. Diese Myxomyceten sind keine echten Pilze, auch keine Tiere oder Pflanzen. Sie haben ihren eigenen Lebensentwurf und kriechen als wabernde Masse auf der Suche nach Nahrung durch sechs Röhren hinauf in die Kammer des Parlaments. Ob sich dann dort eine einzige, staatsähnliche Metazelle bildet, wird sich erst im Lauf der Ausstellung herausstellen.

Palazzo Strozzi: "Denaro e Bellezza. I banchieri, Botticelli e il rogo delle vanità”

Florenz. Bis 22.1.2012, Katalog: Verlag Giunti, 38 Euro

und

Centro di Cultura Contemporanea Strozzina, Palazzo Strozzi
"Declining Democracy"
Bis 22.1.2012
Katalog: Verlag Skira

Weitere Orte:
Oratorio dei Buonomini di San Martino,

Piazza San Martino
Museo di San Marco,
Piazza San Marco

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