David Bowie - London

Alle Kunst ist instabil

Er brauchte sein neuestes Album "The Next Day" nicht einmal zu promoten, damit es die Spitze der Charts stürmte. Passend zur ersten Veröffentlichung seit 10 Jahren eröffnete jetzt die Ausstellung "David Bowie is" im Victoria and Albert Museum in London. Die Schau scheint ähnlich erfolgreich zu werden, wie die Karriere des Musikers: 50 000 Tickets waren noch vor der Eröffnung verkauft und die Ausstellung wurde schon jetzt um zwei Wochen verlängert.

Ein schwarzweißer Hosenanzug, der nach unten birnenförmig aufquillt, begrüßt den Besucher. Ein Kleidungsstück wie von einem anderen Planeten. Kansai Yamamoto entwarf ihn für David Bowies Tournee "Aladdin Sane".

"Eine im Himmel geschlossene Hochzeit" nennt der heute greise japanische Modeschöpfer die Zusammenarbeit. Und auf dem grauen Torbogen, durch den man die Schau betritt, liest man eine der Maximen der Popikone: "Alle Kunst ist instabil."

"David Bowie is": der unvollendete Satz ist ein passender Titel für die Schau. Wer ist er in der Tat? David Bowie? Ziggy Stardust, Major Tom, Aladdin Sane, The Thin White Duke? Auf keinen Fall ist er David Robert Jones, als der er 1947 im Londoner Stadtteil Brixton zur Welt kam, und den er 1965 auf Anraten seines Managers durch David Bowie ersetzte. "Sollte ich versuchen, ich selbst zu sein?" sagte er einmal. "Oder wäre es einfacher, wenn ich damit nicht fertig werden kann, jemand anders zu sein?"

Die beiden Kuratoren der chaotischen Schau, Victoria Broackes and Geoffrey Marsh, sind keine Pop-Musik-Spezialisten, sondern leiten die Theaterabteilung des Victoria and Albert. So interessiert sie Bowie als Musiker fast nur am Rande, sie konzentrieren sich stattdessen auf Bowie als Performer in den verschiedensten Medien – als rothaariger Alien, der auf die Erde fällt, in Nicholas Roegs Film "The Man Who Fell to Earth", als Märtyrer in "Merry Christmas Mr. Lawrence" von Nagisa Oshima, im Theater als "Elephant Man" oder auf der Rock-Bühne, die er total beherrscht.

Die Schau mit immer neuen, auf den Besucher einstürzenden Bildern, aber auch stillen Vitrinen mit Skizzen und schnell hingekritzelten Versen, verzichtet auf Chronologie und bietet stattdessen ein buntes Kaleidoskop, das sich allmählich zu einem Ganzen fügt, und einen Künstler zeigt, der als ständiger Innovator weniger aus sich selbst schöpft, als einem Schwamm gleich alles aufsaugt, und herausfiltert, was er für sich braucht. Erstaunlich, dass der "singende Warhol", wie ihn ein Kritiker nannte, so erfolgreich wurde, operiert er doch bis heute außerhalb des Mainstreams.

Ein kleiner Raum ist seinen Jahren in Berlin gewidmet, wohin er sich Ende der siebziger Jahre aus Los Angeles zurückgezogen hatte, um neu anzufangen, ohne Drogen und Alkohol. Die Neubesinnung, mit Kollegen wie Brian Eno und Iggy Pop, trug Früchte. In der aus den Alben "Low", "Heroes" und "Lodger" bestehenden "Berlin Trilogy" ist er experimenteller als zuvor, und neben den Entwürfen für die Plattenhüllen hängen zwei expressionisch angehauchte Ölporträts, die er von seinem Freund James Osterburg alias Iggy Pop fertigte – der Absolvent einer kleinen Kunstschule ist auch ein akzeptabler Maler.

Bowie selbst hatte wenig mit der Zusammenstellung der Schau zu tun. Er gewährte den Kuratoren lediglich Zugang zu seinem umfangreichen Archiv und ließ ihnen völlig freie Hand bei der Auswahl. Sie lernten ihn während ihrer Arbeit nicht einmal kennen. Dieses Konzept – ich bin da, gleichzeitig aber auch nicht –, zieht sich durch sein ganzes Werk, und hat sich auch kommerziell als cleverer Schritt erwiesen, bis hin zu seinem jüngsten Album "The Next Day", dem ersten seit fast zehn Jahren – keine Publicity vorab, keine Interviews. Im Nu kletterte es in der Hitparade bis ganz nach oben, obwohl Bowie dem heutigen Teenager wohl so fremd ist wie der Alien, der vom Himmel fiel. Die Londoner Zeitungen trugen dem Rechnung und entsandten als Kritiker nur ältere Herren, die sich an seine Anfänge als Leadsänger der "Kon-rads" erinnern.

Bowie war auch, so zeigt die Schau, von Anfang an ein hervorragender Organisator, der sich um alles kümmerte, dem nichts entging. Ein handgeschriebener Zettel von 1972 listet die Entfernungen zwischen verschiedenen englischen Städten auf. Wichtig zu wissen, wie lange man von A nach B braucht, wenn man eine so riesige Schau wie "Ziggy Stardust" auf Tournee schickt. Er skizzierte Bühnenbilder, zeichnete Storyboards für Filme, choreographierte, bestimmte sogar die Bühnenbeleuchtung für die gigantische Schau "Diamond Dogs". Daneben hängt Terry O'Neills berühmtes Foto von Bowie mit sich aufbäumender Deutscher Dogge.

Im zentralen Raum der Schau laufen auf meterhohen Videowänden Ausschnitte seiner Bühnenshows, von Ziggy Stardust bis Diamond Dogs, sowie seiner Pop-Videos, bis hin zum jüngsten für das Album "The Next Day" mit der ebenso außerirdisch und androgyn wirkenden Tilda Swinton. Und dazwischen einige der Kostüme – Ziggys bunter Traingsanzug von Freddie Burretti, der blaue Pierrot von Natasha Korniloff für "Scary Monsters" und der von Alexander McQueen aus dem Union Jack geschneiderte Mantel für "Earthling". Ein faszinierender Performer, der sich selbst zum Enigma hochstilisiert, und Rätsel bleibt. Wie sagte er doch von sich selbst: "Ich kann nicht umhin, ständig an mich zu denken."

David Bowie is

Termin: 23. März bis 11. August,
Victoria and Albert Museum, London, Der Katalog zur Ausstellung ist im Abrams Verlag erschienen und kostet 25 Pfund im Museum und 55 Pfund im Buchhandel
http://www.vam.ac.uk/content/exhibitions/david-bowie-is/