Monumenta - Paris

Utopie dank Kunst

Ilya und Emilia Kabakov haben im Pariser Grand Palais eine wunderbar "Seltsame Stadt" erschaffen. Es ist eine bis ins kleinste Detail durchdachte Siedlung des Geistes, ein Manifest für die Macht der Kunst und eine Absage an die "Schlichtheit heutigen Denkens."

Paris ist wieder eine Messe wert, eine Messe der Kunst.

Unter der gigantischen Stahl- und Glaskuppel des 1900 gebauten Grand Palais zelebrieren der 80-jährige Ilya Kabakov und seine Frau Emilia auf 13 500 Quadratmetern ein monumentales Ritual, wie die Gegenwartskunst es schon lange nicht mehr erlebt hat, eine zutiefst humanistische Zeremonie der keineswegs nur frommen Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Krieg und Krise, Materialismus und Konsumgesellschaft. Ihre aus sieben großen Pavillons bestehende, durch hohe hölzerne Mauern abgeschottete "Seltsame Stadt" ist beeinflusst von den utopischen Architekturmodell der Renaissance, gleichzeitig meditativer Ort der Einkehr und Erlebnispark. Es ist eine bis ins kleinste Detail durchdachte Siedlung des Geistes, Manifest für die Macht der Kunst und Absage an die "Schlichtheit heutigen Denkens, dem jeder Sinn für Komplexität abgeht", wie Ilya Kabakov es formuliert.

Gleich nach dem Betreten des Grand Palais kommen die Besucher hinter dem Stadttor der "Etrange Cité" in einen riesigen, klassischen Museen abgeschauten Raum mit roten Wänden, das leere Museum, in dem der Betrachter zu den Klängen der Orgelkomposition "Passacaglia" von Johann Sebastian Bach seine seit früheren Museumsbesuchen im Gedächtnis gespeicherten Gemälde im Geiste selber hängen kann. So anspruchsvoll und den Betrachter fordernd geht der Parcours auch weiter: Ein ständiges Kommen und Gehen von Bild und Einbildung, Fiktion und Wirklichkeit, Zukunft und Vergangenheit. Unter den Lichteffekten einer in verschiedenen Farben leuchtenden riesigen Kuppel mit über 1400 Neonröhren, die vor allem abends die Atmosphäre betören, laden vier nach der buddhistischen Lehre Manas genannte Bauten, halb Tempel, halb konstruktivistische Revolutionsarchitektur, ein. Im ersten erzählen Modelle von der Jahrtausende alten Sehnsucht des Menschen, mit Hilfe von Antennen mit dem Kosmos in Beziehung zu treten und kosmischer Energie aufzutanken. Ein weiterer Tempel schildert die laut den Künstlern gar nicht so unmögliche Begegnung mit einem Engel, nebenan steht das große Modell einer idealen Stadt mitsamt ihrem himmlischem Spiegelbild, das unter der Decke hängt.

15 000 Quadrameter Holzplanken, 1,5 Tonnen Farbe und 17 Tonnen Putz wurden verbaut, allein die stählerne Lichtkuppel, zum ersten Mal vor rund zehn Jahren bei einer Operninszenierung eingesetzt, wiegt 24 Tonnen. Ilya Kabakov, sicher einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart, seit 1987 im Westen lebend, und seine Frau Emilia, eine gelernte Pianistin, haben fünf Jahre am Monumenta-Projekt gearbeitet, der Synthese vieler früherer Arbeiten. Vor allem aber haben sie sich gelöst von einer allzuoft durch die traurigen Grautöne des sowjetischen Alltags getrübten Melancholie. Ihre Monumenta, kuratiert vom Franzosen Jean Hubert Martin, ist mal dramatisch, mal kontemplativ, aber immer eine optimistische Hymne an die Schönheit des menschlichen Geistes. Anders als manche ihrer Vorgänger im Grand Palais, etwa Anish Kapoor oder Richard Serra, verweigern sie das Aha-Erlebnis auf den ersten Blick und bauen stattdessen auf die Mitarbeit der Besucher, die aufgefordert sind, mit ihrer eigenen Fantasie, Erinnerung und Einbildungskraft die von den Künstlern angebotenen Geschichten weiterzuspinnen und aus der Ausstellung einen geistigen Raum zu machen.

Obwohl angereichert durch zahlreiche, nicht immer einfach nachzuvollziehende Querverweise auf Religion, Geschichte, Metaphysik, Mythos und Wissenschaft, ist "L'Etrange Cité", die größte Installation, welche die Kabakovs je gebaut haben, ein Fest für die Sinne, sinnlich, vor allem aber besinnlich. Zwei große Kapellen, die eine ganz in Weiß mit viel Licht und einigen wenigen, sparsam gehängten Bildern, die andere dunkel und überfüllt mit neuesten, in schweren Farben gehaltenen Großformaten Ilyas, verweisen auf die Kraft der Malerei, dem für die Kabakovs idealen Medium für Bilder, die gleichzeitig Zukunftsvision und Erinnerung sind. Auf den Bänken des leeren Museums können die Besucher in Ruhe verweilen und darauf warten, selbst von jenen Strahlen der kosmischen Energie beseelt zu werden, die schon die ägyptischen oder mexikanischen Erbauer der Pyramiden einzufangen hofften. Oder sind es einfach die energiegeladenen Strahlen der Kunst, auf die wir immer wieder warten ?

Monumenta 2014: Ilya & Emilia Kabakov

Grand Palais, Paris, 10. Mai bis 22. Juni 2014
http://www.grandpalais.fr/en/event/monumenta-2014-ilya-emilia-kabakov