Radar

Gregor Jansen

Gregor Jansen über Friedrich Kunath
"Your Problems" (2003) von Friedrich Kunath (Courtesy Galerie BQ Köln)

GREGOR JANSEN ÜBER FRIEDRICH KUNATH

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Gregor Jansen, Leiter des Museums für Neue Kunst am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) über den Kölner Künstler Friedrich Kunath.
// GREGOR JANSEN

Es kann im Leben bisweilen nicht immer alles glatt gehen. Das fängt meist in der Schule an. Ein kurzer Handstreich als Erzählung gelangt in kruder Form in die Welt, das Gefühl der Geisteskrankheit droht, ein dunkles Kapitel im Dasein und Empfinden der Existenz.

Unser Verlangen nach Lebendigkeit, die Freude des Lebens ist "Teenage Lust" und Last zugleich, die Ahnung vom Ende des naiven und unschuldigen Blicks. Befragen wir eine Stimmung aus der Zeit der geteilten, kalten Welt in der Mitte der 1980er.

Ein sonderbares Mädchen in der Schule liest Zukunftsromane, schräge "Bücher über UFOs" und prophezeit, wie eine romantische Faszination auf der Suche nach einem neuen Planeten, der nach ihr benannt werden soll, ein weit entferntes Gefühl von Heimat, Reiselust, Entdeckungswille und Weltvergessenheit weckt. "Her life revolves around all of the planets". Versunken und ertrunken im Meer des Lichts schreiben wir aus dem Gefühl des Verlustes neue Phrasen, entwickeln Bilder und fordern die Phantasie das reale Sein auszugleichen.

Außenseitertum und Glücksstreben, Musik als Ausdruck von Gefühlen, das Lesen in Büchern, das Rauschen der Liebe in den Farben der Natur, virtuelles Reisen zu den Planeten unter dem Sternenhimmel, es gibt unendlich viele Metaphern für unsere kleine Insel der Seele und der Seeligen­ ein utopisches Fleckchen Erde unter Palmen, welches wir unter Geiern ­ bis ans Ende der Welt und unser aller Tage suchen. Oder anders formuliert: Wie in Roadmovies, die vom Unterwegssein handeln und wie man einen Platz in der Welt findet, will ich als Beifahrer mit dem Sinn-Sucher und Seelenforscher Friedrich Kunath am Steuer unter dem Regenbogen die Ideale von Freiheit und Unabhängigkeit finden.

In den Werken von Friedrich Kunath lässt sich ein Zeitgeist entdecken. Der unruhig Reisende und Heimatlose Kunath schafft Werke mit unterschiedlichsten Gestaltungselementen wie Gemälde und Zeichnungen, Skulpturen, Texte, Objekte, Foto- und Videoarbeiten, mit denen er seine persönlichen Lebenserfahrungen in unserer komplexen Welt zu verarbeiten sucht und dem Betrachter anbietet, sich mit ihm einen Weg durch den Dschungel eigener visueller Erlebnisse zu bahnen.

Das Leben ist eine permanente Baustelle, ja, das mag sein, aber wo ist der Dschungel visueller Erlebnisse, wo sind die Reizüberflutungen? Es ist doch eher ein Dschungel emotionaler Frag- und Merkwürdigkeiten. Ist Friedrich Kunaths still-resignativer Protest gegen die Rituale der Realwelt und des Kunstbetriebs bloß ein Akt der Provokation oder wissende Ironie an der Schwelle zur subversiven Unterhöhlung eingeschliffener Konventionen? Das Groteske und die Ironie halten ihm die Treue, ebenso wie das polychrome Farbenspiel und die Kleinteiligkeiten der Karikaturen. Er verlangt nach Lebenserfahrung in der Auseinandersetzung mit den Gegensätzen zwischen Anschein und Realität, seine Werke sind bitter, heiter und traurig zugleich. Es sind keine harmlosen Witze, die er macht, vielmehr warmherzige Kältemetaphern, die wie die Kunst immer eine Sache des Durchblicks sind.

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