Prospect.1 - Biennale New Orleans

Kunst als Heilsbringer

Drei Jahre nach dem Hurrikan Katrina: New Orleans hat sich von der Katastrophe noch immer nicht erholt. Hoffnung und Frustration prägen die Stimmung der Stadt. Am Wochenende hat der New Yorker-Kurator Dan Cameron sein kulturelles Hilfsprogramm eröffnet – Prospect.1, die größte Biennale in den USA.
Kunst als Heilsbringer:Prospect.1 – die größte Biennale in den USA

"Window and Ladder – Too Late for Help" – die surrealistische Skulptur des argentinischen Künstlers Leandro Erlich in New Orleans

81 Künstler und 300 freiwillige Helfer sind angerückt, damit New Orleans von den eigenen Bewohnern und der Welt endlich mit etwas Positivem in Verbindung gebracht werden kann. Seit Katrina im August 2005 über die Stadt hinwegfegte, 1500 Menschen ihr Leben verloren und 80 Prozent des Stadtgebietes meterhoch unter Wasser standen, hat sich "The Big Easy" nicht wieder von der Katastrophe erholt: Die Kriminalität nahm zu.

Viele Familien haben nach wie vor kein Dach über dem Kopf. Mehr als 100 000 Menschen sind bislang nicht in ihre alte Heimat zurückgekehrt, in der sich im vergangenen Jahr mehr als 200 Morde ereigneten. Tausende von Häusern verfallen, die Korruption blüht. Und der wiedergewählte Bürgermeister Ray Nagin wird von den meisten für unfähig gehalten.

"Der einzige Bereich, in dem wir zu etwas taugen, ist die Kultur", meint Jonathan Ferrara, der seit 16 Jahren eine Galerie für zeitgenössische Kunst in der Stadt betreibt. "Es ist an der Zeit, dass wir nicht nur für Musik und gutes Essen stehen." Das sagte sich auch der New Yorker Kurator Dan Cameron. Sein kulturelles Hilfsprogramm, die Biennale Prospect.1, startete erstmals am 1. November und wird bis zum 18. Januar in Museen, in alten Stadtvillen, in einer Kirche, einer Autowerkstatt, in Lagerhallen, in einem vor wenigen Tagen umgewandelten Beerdigungsinstitut und im Lower Ninth Ward steigen – das Viertel gleich hinter den Dämmen, das von Katrina am heftigsten getroffen worden war und in dem die meisten Häuser auch heute nicht wieder aufgebaut wurden. Der 51-jährige Cameron besucht seine neue Heimatstadt seit 20 Jahren. Als er nach Katrina zu einer Diskussionsrunde eingeladen wurde, kam ihm die Idee zu Prospect.1. "Wir wollen neue Besucher bringen und die größte Biennale der USA etablieren", erklärt Cameron, der Ausstellungen in Istanbul und Taipei organisierte und am New Museum in New York als Kurator tätig war. Für zehn Jahre hat er sich dem Projekt verpflichtet.

"Die Stadt hat jegliche Standards und die Moral verloren"

Wie die Weltöffentlichkeit es tut, definiert sich auch New Orleans seit Hurrikan Katrina über die Katastrophe. Seit drei Jahren warten die Menschen auf Hilfe – oder sie haben das Warten aufgegeben. Sobald es um die Stadtpolitik geht, würden die Einwohner ihre Ärmel hoch rollen, weil ohne Privatinitiative rein gar nichts passiert, so Cameron. 3,5 Millionen Dollar sammelte er für seine Biennale ein. Die Stadtverwaltung von New Orleans steuerte nicht einen Penny bei. 50 000 Gäste von außerhalb, die nichts mit den typischen Party-Touristen gemein haben, werden erwartet.

Unter den teilnehmenden Künstlern sind bekannte Namen wie die Iranerin Shirin Neshat, der Holländer Aernout Mik, der Chinese Cai Guo-Qiang, die Deutsche Josephine Meckseper oder die in Äthiopien geborene Amerikanerin Julie Mehretu, die fünf brandneue Malereien beisteuerte. Einige der ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit Katrina, andere nahmen sich die Stadt vor. Die meisten der Künstler verbrachten Zeit in New Orleans. Nur neun von ihnen stammen aus der Gegend.

Sowohl im Contemporary Arts Center als auch im Louisiana State Museum am Rande des verlassen wirkenden Touristenviertels French Quarter und im New Orleans Museum of Art sind starke Arbeiten zu sehen. Wie die Installationen mit Rollstühlen und Fundstücken von Luis Cruz Azaceta. Oder die Schwarz-Weiß-Fotografien von Deborah Luster mit Mord-Tatorten. Sanford Biggers ließ einen Baum durch einen Konzertflügel, auf dem ein Song von Billie Holiday klimpert, wachsen. Anne Deleporte pflastert die Wände mit Zeitungsausrissen, die sie bis auf wenige Ausschnitte mit himmelblauer Farbe übermalte. Jackie Sumell bildete aus Holz die winzige Sträflingszelle nach, in der Herman Wallace unschuldig mehr als 30 Jahre im Louisiana State Penitentiary in Einzelhaft saß. Der in New Orleans lebende Skylar Fein errichtete der 1973 abgebrannten Schwulen-Bar im French Quarter, in dessen Feuer 32 Menschen umkamen, ein Denkmal. "Nach Katrina hat die Stadt jegliche Standards und die Moral verloren", sagt Fein.

"An manchen Orten holt die deprimierende Realität die Kunst ein"

Ein selbsternannter Saubermann macht in der Zwischenzeit New Orleans unsicher. Der "Grey Ghost" übermalt sämtliche Graffiti mit grauer Farbe. Ein Banksy-Werk an den berüchtigten Dämmen, das ein Mädchen mit Regenschirm zeigt, hat er bis jetzt verschont. Dort, wo sich die Stadt am hilflosesten zeigt, ist die Kunst am stärksten und gleichzeitig am schwächsten: im Lower Ninth Quarter zwischen Ruinen und Treppenstufen, die als einzige Überreste auf den leeren Grundstücken stehen. An manchen Orten holt die deprimierende Realität mit ihren Bildern die Kunst ein. In Fällen wie der gewaltigen Arche, die Mark Bradford aus einem Container und Holzresten zusammen zimmerte, oder dem leer stehenden Haus, das Adam Cvijanovic mit Wandmalereien mit saftig grünen Sumpflandschaften füllte, zeigt die Kunst, welche Kraft sie haben kann.

Der aus Los Angeles stammende Bradford versteigerte eines seiner Bilder und spendete 65 000 Dollar an zwei lokale Fotografen, die tausende von Negativen bei der Überschwemmung verloren haben und versuchen, den Rest ihrer Zeitdokumente zu retten. Wenige andere wie die Künstlerin Wangechi Mutu greifen direkt in Schicksal der Stadt ein. Mutu errichtete ihr Geisterhaus, ein simples Holzgerüst, das am Abend erleuchtet wird, auf dem Grundstück einer alten Dame, die durch den Hurrikan ihr Heim verloren hatte und später wie viele andere von einem Bauunternehmen betrogen wurde. Die New Yorker Künstlerin versucht, die 120 000 Dollar für ein neues Haus der Dame mit ihrer Kunst einzusammeln.

Am Eröffnungswochenende, an dem mehrere tausend Abgesandte der Kaffeehauskette Starbucks die Stadt bevölkerten, hatten viele Besucher und Anwohner noch nichts von Prospect.1 gehört. Die grünen Hinweisschilder der Veranstaltung blieben unbeachtet. "Initiativen kommen und gehen seit Katrina", sagte ein ursprünglich aus Haiti stammender Taxifahrer. "Die Not der Menschen ist bislang geblieben."

"Prospect. 1 New Orleans"

Termin: bis 18. Januar 2009, New Orleans, USA
http://www.prospectneworleans.org/