Diplomausstellung - Hamburg

Die spielen nur, die beissen nicht!

Wie jedes Jahr im Februar verwandeln sich die Räume und Ateliers der Hochschule für Bildende Künste Hamburg in eine riesige, wuselige Ausstellungshalle: die Diplomausstellung steht an.

In der Aula der Hochschule drängen sich am Donnerstagabend die erleichterten und feiernden vor der Eröffnungsrede von Präsident Martin Köttering. Später am Abend stehen die von den Absolventen gestalteten Räume den Besuchern offen, aus allen Richtungen quillt Musik, Krach und Gelächter. Es scheint, als wollten alle noch ein letztes Spiel spielen und ein bisschen Spaß haben, bevor es richtig ernst wird.

Besonderen Grund zum Feiern haben die Gewinner des Diplompreises der Karl H. Ditze Stiftung, der in diesem Jahr zur Überraschung aller Anwesenden geteilt wird: Den ersten Preis bekommt der Maler Eriks Apalais, den zweiten die Performancekünstlerin Christina Köhler. Über die Vergabe des Preises entschied eine sechsköpfige Jury, bestehend aus der Künstlerin Ulla von Brandenburg, dem Kurator Martin Engler, Reinhard Hinrichs von der Filmförderung Hamburg, der Kunstkritikerin Catrin Lorch, der Kuratorin Susanne Pfeffer und Uwe Toben, Vorstandsmitglied der Ditze-Stiftung.
Zum ersten Mal wird zudem das "Jahresstipendium zur Förderung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses der Hamburger Hochschulen" verliehen. Das Stipendium erhält der Medienkünstler und Performer Balz Isler.

Spielzimmer

Spielerische Momente ziehen sich wie ein roter Faden durch die Präsentationen: Die Bildhauer bauen bunte Erlebnisräume, die vor allem imaginär zu erfahren sind. Einen Raum wie eine überdimensionale Bastelkiste zeigt Verena Issel. Aus unterschiedlichsten Materialien, Formen und Farben schafft sie neue Alltagsobjekte, etwa einen übergroßen Obstkorb aus Schaumstoff, Blumenerde, Klebeband und anderen Werkstoffen. Wie bei einem Legespiel setzt sie Fund- und Versatzstücke zu immer neuen Zeichensystemen zusammen. Auf den ersten Blick wirkt das chaotisch, dabei herrschen oftmals Korrespondenzen zwischen den einzelnen Objekten: Ihre an der Wand angebrachte Bewerbungsmappe setzt sich nicht nur logisch im Diplom fort, sie spiegelt sich auch im gegenüberliegenden Fenster umrissartig ab.

Ebenso bunt verspielte Räume zeigt Katharina Simons von Bockum-Dolffs. Eine große Wandinstallation zitiert alte Computerspiele, eine vorgelagerte "Taskleiste" mit geometrischen Steuersymbolen verlängert das imaginäre Spiel in den Raum. In ihrer Präsentation findet sich auch sonst allerlei Schönes und Kurioses, von Handabgüssen über Pflanzendarstellungen bis hin zu ironisch verdrehten Kommentaren zu älteren Bildern.

Einer der Höhepunkte des Rundgangs ist die wilde Performance der Preisträgerin Christina Köhler. Auf selbstgebauten, bunten Spielzeuginstrumenten macht sie mit vollem Körpereinsatz Musik. Technisch reduzierte Varianten von Klavier und Drehorgel, dazu Verstärker, ein Garagentor und bunte Bälle sind die Requisiten, mit denen die eigentliche Musikdilettantin Stücke mit wechselnden Mitspielern improvisiert. Aus Straßenlärm, Hupen, hohen und langezogenen elektronischen Sounds, sowie dem Scheppern des Garagentores entsteht ein Geräuschteppich, der nicht immer den Ohren schmeichelt. Auch die Besucher werden angehalten, auf den übergroßen Instrumente zu spielen, was zu einer totalen Reizüberflutung führt, aber in jedem Fall Spaß macht.

(Un)bespielbare Bühnen

Beeindruckend sind auch die raumgreifenden Arbeiten der Absolventin Lisa Marie Damm der Klasse Bühneraum. Sie baut unbespielbare Bühnensituationen, getragen von der inneren Spannung des Materials. Lange Holzlatten sind im Raum ausgelegt, die sich bis an die Decke wölben und sich den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Es entstehen bühnenähnliche Situationen, wenn die Besucher aus den Latten hervortreten oder hinter ihnen verschwinden. Die akkuraten Linien bilden verschiedene Ansichten, die von Lisa Marie Damm wie folgt erläutert werden: "Wenn ich das Objekt im Raum von hier sehe, sehe ich Linien. Von hier ein Gerüst, eine Fläche, von da einen Raum und noch einen... Man kippt zwischen den Dimensionen hin und her".

Mit Raum und Fläche beschäftigt sich auch der Designabsolvent Jan Bourquin, der sich ganz der optischen Täuschung widmet. Er fügt seinem Raum eine imaginäre Bildebene zu, eine Anamorphose, die nur aus einem Blickwinkel erkennbar ist. Steht man an der richtigen Stelle, fügt sich das grau-schwarze Raster, das er auf Wände und Fenster gemalt hat, zu einem in sich perspektivisch stimmigen Bild.

Schein vs Sein vs Spiel

Neugier und Gedränge herrscht im Ausstellungsraum der Absolventin Hoda Tawakol. Geduldig geht sie auf die Fragen der Besucher ein und erklärte immer wieder ihre selbstentwickelte Vorgehensweise. Die Künstlerin bespannt Holzpaneele mit silbernem Bikinistoff, auf den sie Fotocollagen voller popkultureller Referenzen druckt, Stars, Ikonen und politische Persönlichkeiten geben sich hier ein Stelldichein. Den Stoff ritzt sie mit einem Skalpell, um ornamentale Durchbrüche zu schaffen, die den Objekten die Form einer Arabeske verleihen, die sie zu einer sakral anmutenden Inszenierung zusammenstellt. Es entsteht ein Spiel mit Durchblicken und Zusammenfügungen. Die Künstlerin sagt zu der Funktion der Schnitte, sie "offenbaren, was verborgen bleiben soll und unterstreichen den Gegensatz zwischen versteckt und enthüllt, gefangen und frei, innen und außen sowie zwischen Oberfläche und Tiefe".

Verspielte Malerei

Die Malerei ist dieses Jahr wenig vertreten. Herausragend und geheimnisvoll sind die Arbeiten vom ersten Preisträger Eriks Apalais. Auf großen schwarzen Leinwänden tummeln sich wie flüchtig aufgetaucht einzelne, kleine, oftmals undefinierbare Objekte. Die Jury ist sich einig in ihrer Begeisterung und begründet die Preisvergabe wie folgt: "In seinem von Begrifflichkeiten ausgehenden Nachdenken über die Malerei schafft Apalais auf mattem schwarzem Bildgrund, der zwischen Schultafel und Kosmos oszilliert, ein eigenes reduziertes malerisches Bezugssystem" Der Künstler selbst überlässt die Interpretation und die Imagination lieber den Betrachtern.

Ein kleines Highlight am Rande der Veranstaltung ist das Austauschprojekt der Hochschule für Bildende Künste mit dem Kunstdepartment der Goldsmiths University London. Zum zweiten Mal stellen zehn Goldsmiths-Studierende während der Diplomausstellung in der Galerie der Hochschule ihre Werke aus.

Die Arbeiten sind in den Räumen der HFBK Hamburg noch bis zum 27. Februar täglich 14 bis 20 Uhr zu sehen.
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