Philipp Otto Runge - Hamburg

Im Kopf des Künstlers

Lassen sich die Hamburger noch mit einem Maler locken, von dessen 31 erhaltenen Ölbildern 25 ohnehin ständig in der Kunsthalle hängen? Die Ausstellung "Kosmos Runge – Der Morgen der Romantik" beweist es und zeigt eine wunderbar sinnliche Darstellung der romantischen Gedankenkunst Philipp Otto Runges.

Worte, Worte, Worte: Wer die Ausstellung "Kosmos Runge – Der Morgen der Romantik" in der Hamburger Kunsthalle betritt, findet sich im ersten Raum umgeben von einer Unzahl von Zitaten, die dicht an dicht die Wände füllen. Kaum jemand wird hier wohl mehr als einige Brocken von dem lesen, was Philipp Otto Runge so alles über die Kunst, das Leben und den Glauben geschrieben hat.

Aber der Auftakt ist bezeichnend für eine Schau, die ihre Besucher mit dem an sich eher spröden Werk des vor 200 Jahren früh gestorbenen Romantik-Pioniers zu überwältigen sucht – und dieses Ziel tatsächlich triumphal erreicht.
Vergessen sind die Zweifel, die das Projekt im Vorfeld weckte: Wie viel Staat könnte wohl mit einem Künstler zu machen sein, der größtenteils Skizzen, Grafikentwürfe und andere Arbeiten auf Papier hinterlassen hat? Ließen sich die Hamburger noch mit einem Maler locken, von dessen 32 erhaltenen Ölbildern 26 ohnehin ständig in der Kunsthalle hängen? Was schließlich hatte die Schau in den prototypischen White Cubes jenes Untergeschoss-Trakts zu suchen, der den Altbau der Kunsthalle mit der Galerie der Gegenwart verbindet und normalerweise die Nachkriegsmoderne beherbergt – Philipp Otto Runge und Oswald Matthias Ungers, geht das zusammen?

Es geht ausgezeichnet, denn ein einfacher Inszenierungstrick verwandelt das Ambiente vollständig. Kräftige Farben von Rot über Flieder, Hellgrün und Steingrau bis zu Himmelblau, in denen die Wände bis unter die Decke gestrichen sind, saugen die Besucher geradezu auf und lassen die nüchternen Säle sinnlich-intim erscheinen. Nur das Gelbgrün einiger Räume schafft eine etwas unbehagliche Aquariums-Stimmung und gibt auch – ausgerechnet – den Grafiken zu Runges Farbtheorie einen verfälschenden Stich. Das alles wäre freilich nur Kulissenzauber, würde auf den bunten Wänden nicht geboten, was der Zitaten-Raum verheißt: Einblick in das Denken des Künstlers.

"Kuratoren legen Werk unters Mikroskop"

Hat der damalige Kunsthallendirektor Werner Hofmann vor 33 Jahren Runge in dessen Zeit betrachtet, legen die Kuratoren Markus Bertsch, Jenns Howoldt und Andreas Stolzenburg das Werk jetzt gewissermaßen unters Mikroskop – nicht nur am Schluss der Ausstellung, wo die Ergebnisse maltechnischer Untersuchungen vorgestellt werden. Die traditionelle Trennung zwischen Sälen und Kabinetten ist weitgehend aufgehoben, in vielen Räumen hängt allenfalls ein einziges Ölbild. Das aber erscheint jeweils als Zielpunkt einer Kette von gezeichneten Detail- und Kompositionsstudien, von verworfenen, erneuerten, abgewandelten Ideen eines Künstlers, der begierig immer weiter dazulernte und sein Können rapide entwickelte. Dabei wird die Chronologie zugunsten einzelner Themenschwerpunkte immer wieder durchbrochen; gleich der erste Schauraum schlägt mit den Selbstbildnissen den Bogen zum Früh- zum Spätwerk, ehe es mit den eher trockenen Studien aus Runges Akademiezeit weitergeht.

Höhepunkt ist zwangsläufig der weltumspannend gedachte Komplex der "Zeiten", vom epochemachenden vierteiligen Grafikzyklus (bei dem die Hängung etwas überraschend "Morgen" und "Abend" sowie "Tag" und "Nacht" jeweils als Bildpaare zusammenfasst) bis zum nur fragmentarisch erhaltenen "Großen Morgen", der die vom Altbau kommenden Besucher in die Tiefe der Ausstellung zieht. Um die gut 300 Schaustücke wirklich zu würdigen, braucht man unbedingt Zeit, viel Zeit. Die enorm fein gezeichneten Kupferstich-Vorlagen verdienen eine genaue Betrachtung ebenso wie die wenig bekannten großformatigen Aquarelle, die virtuosen Scherenschnitte oder das farbstrahlende Gemälde "Der kleine Morgen", dessen Trompe-l’oeil-Rahmen so überzeugend gemalt ist, dass er bei Abbildungen manchmal irrtümlich weggeschnitten wird. Wer sich in dies alles zu vertiefen bereit ist, kann sich in Hamburg in einen Rausch sehen.

"Kosmos Runge – Der Morgen der Romantik"

Termin: 3. Dezember 2010 bis 13. März 2011 in der Kunsthalle Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de/
info@hamburger-kunsthalle.de

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