Jenny Holzer - Guggenheim New York

Poesie und Parolen

Die New Yorker Künstlerin Jenny Holzer kehrt ins Guggenheim Museum zurück. Vor 20 Jahren inszenierte sie ihre Texte im Innenraum, jetzt bespielt sie bis Silvester die Außenfassade des Museums in der 5th Avenue, das im neuen Jahr 50 wird.

Der rote Vorhang neben dem Eingang wehte sanft im Wind. Die geladenen Gäste saßen auf Klappstühlen, der Rest wartete voller Ungeduld im Stehen auf den Bürgermeister – und auf die Abenddämmerung. Als Michael Bloomberg auflief, um die Auftaktrede zur vollendeten Restaurierung der Außenfassade des Guggenheim Museums zu halten, setzte endlich die Dunkelheit ein.

Die Lichter des Empire State Building blitzten in der Ferne. Doch die Gäste mussten noch eine ganze Reihe von Dankssagungen abwarten, bis endlich der Moment kam, der die meisten von ihnen überhaupt hierher gelockt hatte. Die beiden großen Scheinwerfer auf der Fifth Avenue wurden angeschaltet, und Jenny Holzers neuestes Text-Skulpturen-Werk in Form von riesigen weißen Lettern wanderte über Frank Lloyd Wrights berühmtes Schneckenhaus. "For the Guggenheim" heißt die Arbeit, die Auszüge aus zahlreichen Gedichten, unter anderem von der polnischen Schriftstellerin Wislawa Szymborska, gemischt mit Jenny Holzers eigenen Texten, vom Erdgeschoss der frisch restaurierten Fassade am Gebäude empor bis in den Himmel wandern lässt. Die Buchstaben werden von der Rotunde in die Breite gezogen, ihr Licht scheint mit dem vorbeirasenden Taxis und Bussen zu verschmelzen. Wortfetzen wie "Trauer", "Schmerz", "aber nur im Wind", "finde all dies ein wenig langweilig" sind zu lesen. Ein Spektakel, das durch seine stille Schlichtheit begeistert. In Amerika stehen die Präsidentschaftswahlen vor der Tür, einige von Jenny Holzers Sprüchen erinnern mit ihrer gewaltigen Leere schmerzhaft an die Parolen der Politiker.

Jenny Holzer hat an Silvester das letzte Wort

Die New Yorker Künstlerin, die 1989 mit einer großen Ausstellung im Guggenheim gefeiert wurde und damals ihre Botschaften auf einem Leuchtdiodenband in der Rotunde aufblitzen ließ, war vom Museum eingeladen worden, das überholte Gebäude zu feiern. "Es war eine Ehre, vor 20 Jahren Texte im Innenraum zu hängen. Mit dem großartigen Gesicht dieses Museums zu arbeiten, ist die schönste Art, zurückzukehren", erklärte Holzer. 35 Monate hatten die aufwändigen Restaurierungsarbeiten gedauert, bei der elf Lagen alte Farbe abgetragen, Risse gekittet und die Baustruktur verstärkt wurde und in denen Museumsvorstand und Denkmalschützer darüber stritten, in welchem Weiß-Ton das Gebäude neu gestrichen werden sollte. Man entschied sich schließlich für ein gedämpftes Weiß. Pünktlich zum 50. Geburtstag des Museums 2009 ist alles fertig. 29 Millionen Dollar verschluckten die Arbeiten, die Bürgermeister Bloomberg "das beste Facelifting von der Fifth Avenue" nannte. Bis 31. Dezember wird Jenny Holzers Lichter-Show jeden Freitag von Sonnenuntergang bis 23 Uhr zu bewundern sein. Die Künstlerin wird die Texte im Laufe der Wochen verändern und ihre visuelle Bücherei ständig neu bestücken. Es ist ein schöner Gedanke, dass Holzer Silvester in New York das letzte Wort haben wird. "Diejenigen, die wissen, worum es hier geht, müssen Platz machen für diejenigen, die wenig wissen", war auf der Rotunde zu lesen, bevor sich die Buchstaben wieder in den Abendhimmel verabschiedeten.

Mehr zum Thema im Internet