Wolfgang Laib - Interview

Gestreute Andacht

Mit Blütenpollen verwandelt der deutsche Künstler Wolfgang Laib das von Touristen bevölkerte Atrium im Museum of Modern Art in einen Ort der Andacht. art traf den mit Materialien aus der Natur wie Bienenwachs, Marmor, Reis, Milch oder Siegellack arbeitenden Künstler zur Eröffnung seiner Ausstellung.
Pollen für die Welt:Wolfgang Laib macht Kunst aus Blüten

Wolfgang Laib beim Aufbau von "Pollen from Hazelnut", Installation aus Haselnusspollen im Marron Atrium des Museum of Modern Art, 2013

Zwei Nächte lang hat der 1950 in Metzingen geborene Künstler Haselnuss-Blütenstaub zu einem leuchtend gelben Teppich im Atrium des Museum of Modern Art ausgestreut. Laib teilt sein Leben zwischen einem kleinen Ort am Bodensee, Südindien und Manhattan auf, wo ihn art-Korrespondentin Claudia Bodin traf.

Warum fiel für das MoMA die Wahl auf Pollen von Haselnusssträuchern?

Wolfgang Laib: Den Blütenstaub habe ich immer schon ausschließlich in der nächsten Umgebung eines kleinen Dorfes am Bodensee gesammelt, wo ich ein Anwesen und ein Atelier habe. Ich habe nie versucht, möglichst viele verschiedene Arten an Pollen zu finden, so dass die Auswahl sehr beschränkt ist. Bei einer derart großen Fläche wie im MoMA kann ich auf Grund der Mengen, die ich brauche, nur mit Kiefern- oder Haselnussblütenstaub arbeiten.

Und Sie müssen auf Pollenbestände zurückgreifen, die Sie seit den neunziger Jahren sammeln.

Der Blütenstaub hält sich, wenn man ihn vor Kälte, Feuchtigkeit oder extremer Wärme schützt. In den achtziger Jahren hatte ich eine Ausstellung im deutschen Pavillon in Venedig. Damals gab es dort noch keine Klimaanlage, und ich habe die Pollen verloren. Eine Arbeit in dieser Größe würde ich für kein anderes Museum machen. In der Vergangenheit habe ich vielleicht ein Viertel der Fläche mit Pollen bedeckt. Es handelt sich um eine ganz besondere Situation im Atrium.

Wo Ihr Kunstwerk all das verkörpert, was in dieser Zeit und vor allem in New York schwer zu finden ist: Es stellt einen Moment des Innehaltens dar, der Ruhe, Bescheidenheit und Einfachheit.

Genau deshalb ist es wichtig. Wenn es all dies bereits gäbe, bräuchte man die Kunst nicht mehr. Das ist es, was ein wichtiges Kunstwerk ausmacht, und so war es schon immer. Kultur hat die Menschheit weiter gebracht, nicht irgendwelche Politiker. Es ist ein Statement, auch vom Museum, dass so ein Kunstwerk mitten in New York stattfinden kann. In einem Museum mit einem derartigen Stellenwert, in einer der größten Städte der Welt. Ich finde es inakzeptabel, dass Museen an anderen Orten dieser Welt das letzte Rad am Wagen sind.

Wieweit ist das Ritual des Bütenstaub-Sammelns wichtig für Sie?

Für mich ist es mein ganz normales Leben.

Sie könnten ja auch sammeln lassen.

Für Stunden, Tage oder einen Monat auf einer Wiese zu sitzen und zu sammeln ist ein unglaubliches Erlebnis, aber auch eine Herausforderung. Und das absolute Gegenteil von dem, was in der westlichen Kultur von uns erwartet wird. Was ist wichtig im Leben? Was soll man tun und was tut man letztlich?

In der Phillips Collection in Washington werden Sie im März als permanente Installation einen Raum mit Bienenwachs auskleiden.

Und wenn wir nach Europa zurückkehren, werde ich auf dem Ateliergelände von Anselm Kiefer einen großen Wachsraum, einen 50 Meter langen unterirdischen Gang, fertigstellen. Ganz nah zu meinem Atelier in Süddeutschland habe ich einen 14 Meter langen Wachsraum in den Berg hineingebaut.

Sie hinterlassen Spuren.

Ich finde den Kontrast zwischen fragilem, temporärem Material wie Blütenstaub und den Wachsräumen, die für immer da sind, spannend.

Sie haben ursprünglich Medizin studiert, aber den Beruf als Arzt niemals ausgeübt. Sondern sich für die Kunst entschieden. Warum?

Entschieden hatte ich mich mitten während des Studiums. Ich hatte meine Dissertation in Indien geschrieben und damals so eine eiförmige Skulptur gefertigt. Mit der Skulptur war die Entscheidung gefallen, dass ich den Beruf des Arztes nicht ausüben wollte. Ich hatte mit all diesen Idealen angefangen zu studieren. Aber ich empfand das ganze Studium als so platt. Ich war auf der Suche nach der ganzen Welt. Doch die Medizin war eine Naturwissenschaft, die sich um den physischen Körper kümmert. Für mich stellte das Leben etwas ganz anderes, viel, viel mehr dar. Ich habe nie einen Professor gefunden, der mich fasziniert hätte. Was mich am meisten schockierte war die Tatsache, dass ein Arzt, der in seinem Fach zur Weltklasse gehört, ansonsten völlig hilflos sein kann. Der Mann, der sich in Indien um meinen Garten kümmert, ist dem Professor aus Tübingen um Lichtjahre voraus.

Was hatten Sie gegen ein Kunst-Studium?

Auf eine Kunstakademie zu gehen stand gar nicht zur Debatte. Das ist für mich eine sehr fremde Welt. Wahnsinnig akademisch. Ich finde es schrecklich, dass man junge Leute mit all ihrer Energie nicht die Welt erfahren, sondern irgendwelchen Schrott machen lässt.

Fühlen Sie sich bei Ihrer Kunst den Land Artists nahe?

Natürlich gab es Einflüsse. Aber ich denke, dass ich immer bewusst außerhalb gelebt habe. Ich möchte ganz allein für mich sein und aus mir heraus, aus meinen eigenen Erfahrungen handeln. Obwohl man nicht verleugnen kann, dass auch ich Beziehung zu bestimmter Kunst stehe. Primär geht es jedoch um meine Lebenserfahrung. Deshalb arbeite ich, wenn ich in New York bin, auch kaum. Das mache ich in Südindien oder Süddeutschland. Der Kontakt zur Außenwelt findet dann Städten wie New York statt. Hier hatte ich meine erste Ausstellung, vor 34 Jahren bei Sperone Westwater.

Dort zeigen Sie im März neue Arbeiten.

Es handelt sich um eine sehr große Wachs-Stufenpyramide mit etwa 100 Schiffen aus Messingblech.

Kontrollieren Sie, was Sammler mit Ihren Arbeiten anstellen?

Mein Glück ist, dass jemand, der Kunst aus Geldgründen sammelt, sich nicht für meine Arbeiten interessiert. Wachsräume habe ich ein paar Mal abgelehnt, denn bei der Fertigung bin ich involviert. Ansonsten finde ich es nicht gut, wenn ich den deutschen Weltpolizisten spiele und in jedem Wohnzimmer kontrolliere, was mit meiner Arbeit passiert.