Frühjahrsauktionen - London

Russen räumen ab:

Der Trend geht weiter aufwärts. Die Auktionshäuser Christie´s und Sotheby´s in London erzielen vor allem durch russische Bieter Rekorderlöse. Pablo Picassos “La Lecture” von 1932 wurde für fast 30 Millionen Euro versteigert

Die russischen Oligarchen waren en masse zum Einkaufen in London. Am Mittwochabend bei Christie’s kauften sie Kunst des Impressionismus und der Klassischen Moderne für mehr als 20 Millionen Pfund. Nicht sonderlich schwere Kunst, deren Farben sich gut an der Wand in einer Villa an der Côte d’Azur oder in einem Penthouse in London machen.

Am Abend zuvor machte ein einziger von ihnen beim Konkurrenten Sotheby’s gar 25 Millionen Pfund locker. Pablo Picassos “La Lecture” von 1932 war das Starlos des Abends. Um die sanft-erotische Darstellung der schlafenden Marie-Therese Walter, seiner damals 17-jährigen heimlichen Geliebten, entbrannte ein heftiges Bietgefecht. Mindestens sieben Bieter schaukelten den Preis stetig in die Höhe, drei von ihnen saßen im Saal, so auch Mitglieder des Händler-Clans Nahmad, die bei 16 Millionen Pfund ausstiegen. Das Los wurde schließlich Sotheby’s-Mitarbeiter Mark Poltimore am Telefon zugeschlagen, der sich um die russischen Kunden des Hauses kümmert. Die 25,2 Millionen Pfund (29,7 Millionen Euro) inklusive Käuferprämie sind mehr als doppelt soviel wie der untere Schätzwert, der volle Saal klatschte Beifall.

Auch bei Christie’s ging das teuerste Los an einen russischen Bieter. Das Landschaftsbild “Terrasse a Vernon” (1923) von Pierre Bonnard wurde am Telefon Sandra Nedvetskaia zugeschlagen, die sich von Zürich aus für Christie’s um russische Kunden bemüht. Die 7,2 Millionen Pfund (8,4 Millionen Euro) inklusive Prämie bedeuten einen Auktionsrekord für den Künstler. Auch ein Akt von René Magritte und ein Porträt der Schauspielerin Lili Damita von Kees van Dongen gingen an die glückliche Dame aus Zürich.

Doch nicht nur russische Sammler gaben das große Geld aus. Bei einer separaten Versteigerung bei Sotheby’s der Kollektion des im vergangenen Jahr verstorbenen Genfer Sammlers George Kostelitz zahlte der Kölner Händler Alex Lachmann 23 Millionen Pfund (27,1 Millionen Euro ) für das Triptychon “Three Studies for a Portrait of Lucian Freud” (1964 ) von Francis Bacon. Das kleine und intime Werk wurde ihm nach einem ganze sieben Minuten dauernden Gefecht zwischen mehr als zehn Bietern zugeschlagen. Die 60 Lose, von Juan Gris bis Friedensreich Hundertwasser, die alle verkauft wurden, erbrachten 93,5 Millionen Pfund (110,3 Millionen Euro).

Beide Häuser zeigten sich äußerst zufrieden mit dem Gesamterlös – 161,8 Millionen Pfund (191,4 Millionen Euro) bei Sotheby’s, 84 Millionen Pfund (99 Millionen Euro) bei Christie’s. Diese Summe enthält auch die Einnahmen aus einer der Hauptauktion folgenden Versteigerung von Kunst der Surrealisten. Der schon im letzten Jahr zu beobachtende Aufwärtstrend, so hieß es, halte weiter an. Sowohl der Picasso als auch der Bonnard zeigten, dass der Markt auf Topqualität aus sei, und für diese gutes Geld zu bezahlen bereit sei. Ob es sich bei den Käufern allerdings, wie die Auktionshäuser geltend machen, um wirkliche Kenner handelt, oder hauptsächlich um Spekulanten, ist unklar.

Eines wurde jedoch deutlich: Die Klassische Moderne dominiert, die Impressionisten und Postimpressionisten rücken ins zweite Glied. Der Rekordpreis für den Bonnard bei Christie’s ist die Ausnahme. Ein zweites Werk des Künstlers wurde nur mit Ach und Krach verkauft, ein drittes ging gar zurück. Auch auf einem mit Spannung erwarteten Stilleben von Paul Gauguin blieb Christie’s sitzen. “Es ist immer gut, einen Picasso zu haben”, sagte der Londoner Händler James Roundell, der für 802 000 Pfund (946 000 Euro) ein Stilleben von 1943 ersteigerte.

Deutsche Kunst war nur spärlich vertreten, aber von guter Qualität. Lionel Feininger schnitt am besten ab: Sein “Raddampfer am Landungssteg” (1912) erzielte bei Sotheby’s mit 3,7 Millionen Euro mehr als das Doppelte des Schätzpreises, und “Die Werbung” (1907) kletterte bei Christie’s mit 1,5 Millionen Euro über den unteren Schätzwert hinaus. Auch Emil Nolde verkaufte sich gut. Sein von seinen Nachfahren eingeliefertes Blumenbild “Zinnien und Stockrosen” (1938) erreichte mit 1,4 Millionen Euro beinahe den oberen Schätzwert.

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