Jim Rakete - Interview

Man weiss immer, ob ein Bild knarrt

Genau ein Jahr lang arbeitete der Berliner Fotograf Jim Rakete an seiner neuesten Ausstellung und dem Buchprojekt "1/8 sec. – Vertraute Fremde". Im exklusiven art-Interview erzählt Rakete über seine Liebe zu nostalgischen Bildwelten abseits von Make-up, Inszenierung und Requisiten, über die Arbeit mit scheuen Künstlern wie Thomas Demand oder Thomas Scheibitz – und kommentiert seinen Rechtsstreit mit der Berliner Galerie "Rakete".
"Man weiß immer, ob ein Bild knarrt":Rakete über seine nostalgischen Bildwelten

"Nach heutigen Gesichtspunkten sind meine Fotos sehr leise": Jim Rakete, "Heike Makatsch", Berlin 2007.

art: Herr Rakete, woher kommt eigentlich Ihre Spezialisierung auf Porträts?

Jim Rakete: Ich habe am Anfang viel für Tageszeitungen gearbeitet und habe diese Arbeit immer besser gemacht als anderes. Nach einer Weile wurde ich immer öfter damit beauftragt Menschen zu fotografieren: Musiker, Künstler, völlig egal.

11292
Strecken Teaser

Sie sind viel international unterwegs – ist Berlin da nicht eine schrecklich öde Stadt, besonders was die Gesichter betrifft?

Nein, das finde ich überhaupt nicht. Die Ausstellung ist da auch ein klares Signal: Wir sind mit einem Nicht-Starsystem immer sehr gut gefahren. Wir haben die roten Teppiche nicht zu früh ausgerollt. In anderen Ländern ist der Abstand zwischen der Elite und den normalen Menschen viel zu groß. Da haben zwar die Künstler in ihren dicken Villen hinter hohen Zäunen ihre Ruhe, aber die Ideen, die sie produzieren, werden nicht so direkt überprüft wie in Berlin. In Berlin gibt es einen direkten Kontakt zwischen den Produzenten, dem Output und den Konsumenten.

Was macht ein gutes Porträtfoto aus?

Eines, das man sich merkt.

Was kostet ein echter Rakete-Abzug hier in der Galerie?

Keine Ahnung.

Und wie teuer ist es, sich von Jim Rakete fotografieren zu lassen?

Ich habe alle Personen für diese Ausstellung fotografiert, bis auf den letzten Raum, die Legendenabteilung. Das sind Arbeiten, die über die Jahre entstanden sind. Die Idee der Ausstellung war: einfach noch einmal die Kamera auf das deutsche Personal zu halten, in diesem Fall die Plattenkamera. Dafür hatte ich keinerlei Unterstützung. Niemand hat dafür etwas bezahlt. Mich haben noch nie Leute dafür bezahlt, dass sie fotografiert werden.

Welche Beziehung haben Sie als Fotograf zu ihren Modellen? Ist das eine Art Fan-Beziehung?

Das ist eine merkwürdige Frage! Finden Sie, dass ich im vorgerückten Alter von 57 Jahren zum Fan tauge? Unter einem Fan verstehe ich einen Vierzehnjährigen, der ein Autogramm von einem Popstar auf seine Schulmappe haben will. Für mich ist Fantum etwas Kritikloses. Ich stehe keinem der hier Fotografierten kritiklos gegenüber.

"Die Kamera redet mit einem"

Auf dem Cover des Katalogs und dem Ausstellungsplakat ist Jana Pallaske abgebildet – warum?

Jana verbindet zwei allmählich zusammenwachsende Bereiche: die Musik und die Schauspielerei. Und zum anderen halte ich Sie für eine ganz seelenvolle und ehrliche Person. Ich bin einfach davon begeistert, wie sie ist. Das Covermotiv haben wir in zwei Minuten gemacht. Sie kam mit dem Fahrrad vorbei, war völlig verschwitzt. "Setz dich doch mal hin", habe ich gesagt, und wir haben schnell das Foto gemacht. Was ja nicht ganz einfach ist, mit diesem Monster von Plattenkamera. Dass da so viel Herz und Wärme rüberkommt, ist überhaupt nicht gewöhnlich. Ich könnte mich nicht so fotografieren lassen.

Wie lange haben die Sessions gedauert?

Fünf bis zehn Minuten vielleicht. Also von dem Moment an, wo jemand sitzt. Zeit haben die Leute ja alle nicht. Keiner von denen. Dann orgelt man so zehn Platten durch und betet, dass etwas drauf ist. Man hat da nie die Kontrolle. Und man sieht ja auch nicht, ob derjenige sich bewegt hat.

Warum haben Sie für dieses Projekt gerade die Plattenkamera verwendet?

Ein zweiter sehr wichtiger Grund ist die Stilistik von Plattenkameras. Wenn man damit fotografiert, dann verschwimmt alles andere. Da ist man dann im Nahbereich. Die Tiefenschärfe ist sehr klein und die Konzentration sehr groß. Auf die Konzentration kam es mir an, weil wir alle mit Bildern überflutet werden. Für mich war es einfach schön, mal die Zeit anzuhalten, zu verweilen und zu schauen, wie die Leute wirklich aussehen, jenseits von Make-up, Pose, Inszenierung und Requisiten. Wir haben es so einfach wie möglich gehalten und die meisten da abgeholt, wo sie wirklich sind. Und das ist meine Verbeugung vor den Wurzeln meines Handwerks. Das ist ja nicht das, womit ich aufgewachsen bin. Als ich siebzehn war, habe ich nicht mit einer Plattenkamera angefangen. Das ist ja ein nochmaliger Rückgriff, mit Plattenkameras hat man vor dem Zweiten Weltkrieg fotografiert. Das ist wirklich eine Quälerei mit dem großen Ding. Ich würde das auch nicht noch einmal machen.

Haben Sie sich an älteren Bildsprachen orientiert?

Die Kamera redet mit einem. Die Kamera sagt dir, dass der Hintergrund immer verschwimmt und dass man sich bei langer Verschlusszeit nicht viel bewegen kann. Insofern entsteht ein anderer Stil, ob man das nun will oder nicht – die Kamera zwingt einem das auf. Das ist eine sehr statische Form der Fotografie, aber die Zeiten sind nicht mehr so feierlich wie früher. Deshalb entsteht eine Mischform, die ich interessant finde.

Also keine Technik-Nostalgie?

Nein. Es ist diese merkwürdige Technik, die die Zeit anhält. Weil man eine lange Verschlusszeit hat und weil man eine relativ lange Zeit belichten muss, müssen die Leute extrem stillhalten. Als Fotograf muss man auch viel genauer mit der Schärfe arbeiten, weil es hier nur eine ganz dünne Schärfe-Ebene gibt. Das ist so, als wenn man mit einem Panzer in eine ganz kleine Lücke einparkt, ohne dabei ein anderes Auto zu berühren. So fühlt es sich an.

"Man muss innehalten, um Fotografie einzuatmen"

Sie sind dafür bekannt, dass Sie die digitale Bildbearbeitung ablehnen.

Sagen wir mal so: diese Schönungen. Natürlich ist es heutzutage unerlässlich, die Bilder zu digitalisieren. Sie können ja nicht mehr mit einem Abzug in die Redaktion rennen. Was ich aber ablehne, ist dieses Leugnen von Falten. Es wäre doch schade, wenn Ihre Karriere jetzt zu Ende wäre, nur weil Sie ein paar Falten kriegen!

In den Achtzigern haben Sie zehn Jahre für die Musikindustrie gearbeitet.

Nicht für die Industrie! Für die Musiker! Ich habe mich immer als Mittler verstanden, als verlängerter Arm der Musiker. Mit denen habe ich Pläne ausgeheckt, die wir dann mit den Plattenfirmen – die ich auch nie als Gegner, sondern als Partner betrachtet habe – umgesetzt haben.

Jedenfalls gibt es die Musikindustrie in ihrer damaligen Form nicht mehr. Wird die Fotografie ein ähnliches Schicksal erleiden?

Die Schaufenster für Fotografie werden immer kleiner und immer feiner. Die Überprüfbarkeit nimmt ab.

Was meinen Sie mit "Überprüfbarkeit"?

Das Schöne bei der Fotografie ist ja, dass keiner einem zu sagen braucht, ob man gut oder schlecht gearbeitet hat. Man weiß das immer selber. Wie ein Tischler, der einen Stuhl macht, der knarrt, weiß man immer gleich, ob ein Bild knarrt oder nicht. Weil man es gleich entwickelt, sieht man, ob man etwas falsch gemacht hat. Und trotzdem bleibt so ein großes Maß an Unberechenbarkeit, weil es eine Energie von Begegnungen gibt, die sich manchmal abbildet und manchmal nicht.

Leben wir schon in einem postfotografischen Zeitalter?

Das würde ich sagen. Man muss innehalten, um Fotografie einzuatmen. Das ist nicht das Parfüm der Zeit. In der Werbung ist die digitale Nachbearbeitung mittlerweile fast wichtiger als das Bild. Dieses Driften in eine immer künstlichere Welt sehe ich kritisch. So sehen unsere Magazine aus, und genau so sehen auch unsere Produkte aus.

Heißt das, dass Sie mit dieser Ausstellung ein Vertrauen in Bilder fordern, das die Betrachter schon gar nicht mehr haben?

Ja. Das ist im besten Sinne des Wortes ein – konservatives Projekt. Da betrachtet man den Bestand und versucht etwas zu bewahren. Als ich viel mit Musik zu tun hatte, war es genau umgekehrt: Da ging es darum, Sachen voranzutreiben, damit sie den Menschen auffallen. Nach heutigen Gesichtspunkten sind in der Ausstellung alle Fotos sehr leise. Da gibt es keinen Sex, keine Inszenierung, kein Umfeld, keinen Aufwand. Der Ansatz ist vertiefend statt verbreiternd.

Bezogen auf die Bildsprache – welche Magazine schätzen Sie besonders im Moment?

Am Anfang letzten Jahres habe ich mir einen Zettel auf den Tisch gelegt und nachgedacht: Für wen wäre dieses Bild etwas? Nach einer halben Stunde saß ich noch immer vor einem leeren Zettel. Es gibt nicht mehr so viele Magazine, die sich mit Fotografie befassen. Es gibt immer mehr Magazine, die sich mit den immer gleichen Sehnsüchten nach dem roten Teppich und Glamour befassen. Es gibt wenige Magazine, die sich mit den wirklichen Zeitströmungen auseinandersetzen.

"Öffentlichkeit ist für die Kunstszene ein zweischneidiges Schwert"

Im vorletzten Jahr hätten Sie ja beinahe zusammen mit dem Kunstkritiker Mark Gisbourne selbst ein Magazin gegründet.

Das ist richtig. Wir haben damals für "Die Welt" ein Supplement gemacht, "Modernica". Das hat unheimlich Spaß gemacht. Wir sind einfach durch die Kunstszene getobt und haben geschaut, was uns auffällt. Das war sehr schön. Nur ob so ein Magazin dann auch den kommerziellen Erfordernissen eines Verlags entspricht, die Frage hat sich mir gar nicht gestellt. War ja auch nicht meine Aufgabe. Wir wollten ein Magazin machen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Gemeinsam mit Gisbourne erschien im selben Jahr auch ein Streifzug durch Berliner Ateliers in Buchform. Sind bildende Künstler vor der Kamera anders als Politiker oder Schauspieler?

Öffentlichkeit ist für die junge Kunstszene ein sehr zweischneidiges Schwert. Es gibt sehr wenige, die damit zu ihrem Vorteil umgehen können. Die meisten profitieren davon, dass sie sich zurückhalten.

Zum Beispiel?

Es gibt scheue Wesen wie Michael Wesely, Thomas Demand oder Thomas Scheibitz, die nicht unbedingt im Rampenlicht stehen möchten. Und dann gibt es welche, die die Auseinandersetzung suchen. Da denke ich zum Beispiel an Norbert Bisky. Also Bisky geht mit seinen Thesen und Gedanken ganz offensiv um und nutzt die Medien als eine Art Plattform. Bei Wesely wäre das total schädlich, wenn seine Fotos in jedem Magazin unentwegt gedruckt würden. Es würde seinem Projekt schaden.

Im letzten Dezember haben Ihre Anwälte eine einstweilige Verfügung gegen die kleine Berliner Produzentengalerie "Rakete" erwirkt – was war das Problem?

So klein ist diese Galerie gar nicht. Ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß es eine Verwechslungsgefahr gibt. Die operieren sehr stark im Internet und verbreiten ihre sehr stark bearbeitete Fotokunst dort. Deshalb bekam ich viele Anrufe von Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern und Auftraggebern, die mich fragten: "Machst du jetzt in Sachen Porno?" Irgendwann habe ich mir das angeschaut und festgestellt, dass dies meiner Mission etwas abträglich ist. Dann kam hinzu, dass keiner von denen "Rakete" heißt, während ich ja wirklich "Rakete" heiße. Da habe ich gesagt: Leute, das müsst ihr mal ändern. Dann haben wir denen die Möglichkeit gegeben, sich dazu zu äußern, Anwälte haben sich Schriftsätze zugeschickt, und dann bin ich hingefahren und habe mit denen geredet. Ich würde ja auch nicht gegen die "Rakete Bar" im Prenzlauer Berg vorgehen oder gegen den Laden "Käthe Rakete", der Kinderspielzeug verkauft. Es ging mir ganz konkret um die Verwechslungsgefahr. Zwei Tage nach diesem Gespräch haben sie gesagt, sie wollten es doch vor Gericht probieren – und da haben sie halt verloren.

War es ein Fehler, in diesem Zusammenhang dem Künstler Torsten Solin vorzuwerfen, er produziere "Pornomaterial"?

Das habe ich nie gesagt! Da hat wieder jemand falsch zitiert. Dieser Tage wird ja nur noch falsch zitiert. Ich habe damals gesagt: Ich bin durchaus gesprächsbereit. Aber ich kann nicht hinnehmen, dass mich Leute anrufen und mir unterstellen, dass ich jetzt in Porno mache, nur weil da eine Galerie in Berlin unterwegs ist, die die ganze Zeit Fotokunst mit freigelegten Titten anbietet. Das war der Punkt. Bei meiner Arbeit geht es um Respekt. Wenn jemand das durcheinanderbrächte, wäre das sehr schädlich für mich. Ich habe gesagt: "Jungs, ich trage diesen Namen seit 56 Jahren, und ich bitte das zu respektieren."

"Jim Rakete – Photographien"

Termin: Vom 19. Januar bis 1. März 2008 in der Berliner Galerie Camera Work. Katalog: "Jim Rakete. 1/8 sec. – Vertraute Fremde", Schirmer/Mosel, 272 Seiten, 68 Euro.
http://www.camerawork.de/

Mehr zum Thema im Internet