Radar - Yilmaz Dziewior

Yilmaz Dziewior über Christian Naujoks

Für unsere Serie "Radar" fragen wir Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Yilmaz Dziewior, Direktor des Kunsthauses Bregenz über Christian Naujoks.
Radar: Christian Naujoks:Yilmaz Dziewior über seine aktuelle Lieblingskünstlerin

Christian Naujoks: "Untitled (Showcase)", 2009, Filmstill, HD-Video,
Black and White, Stereo, 4'' Loop

Aktuell ist Christian Naujoks in der Musikwelt noch bekannter als im Kunstkontext. Sein erstes Album "Untitled", das letztes Jahr beim renommierten Label Dial Records erschien, erhielt hymnische Besprechungen im Spiegel und in der Zeit. In dem nach wie vor tonangebenden Magazin für Popkultur, "Spex", strich Aram Lintzel begeistert die Virtuosität Naujoks heraus, mühelos zwischen E- und U-Musik, etwa zwischen Zwölftonkomposition und R & B beziehungsweise Deep House zu changieren.

Dem Erscheinen des Albums folgte ein rastloses Booking in den angesagtesten Orten wie dem Hamburger "Übel & Gefährlich" oder dem "Golden Pudel Club", sowie in Berlin im "West Germany" und dem "Berghain". Mit dem von Matthias Lilienthal geleiteten "Hebbel am Ufer" entdeckte jüngst auch das (diskursorientierte) Theater Naujoks.

Für bildende Kunst schien da wenig Zeit zu sein, könnte man meinen. Dies ist jedoch ein Denkfehler, denn Naujoks musikalischer und performativer Output bewegt sich gerade auf der feinen Trennlinie zwischen beiden Bereichen. Anders etwa als bei Terre Thaemlitz, dessen Zeichnungen so gut wie nicht bekannt sind, da er vor allem als Musiker rezipiert wird, oder Kai Althoff, bei dem sein Musikprojekt "Workshop" keinen direkten Einfluss auf die bildnerische Produktion besitzt, sind bei Naujoks Diskurs und Pop, bildende Kunst und Musik zwei Seiten derselben Medaille.

Gesungene Institutionskritik

So führte er für seine Arbeit "Untitled (All Set)" im Hamburger Kunstverein 2008 eine Performance auf, für die er nacheinander drei verschiedene exemplarische Arten musikalischer Darbietungen aktivierte. Nachdem er im klassischen Setting mit Klavier und Hocker ein kurzes an Zwölftonmusik erinnerndes Stück gespielt hatte, ging er zum Elektro-DJ-Arrangement über, bestehend aus Tisch und Laptop-Computer, um ihm einfühlsame Elektrobeats zu entlocken. Dass er sich aber auch ganz auf seine pop-geschulte Stimme verlassen kann, bewies er im Anschluss am Mikrofonständer. Während der Aufführung schimmerte bei aller Eleganz seiner drei Darstellungsmodi von Zeit zu Zeit eine linkische Unbeholfenheit durch, die die ansonsten vorherrschende Perfektion nur noch heller erstrahlen ließ. Ob es sich bei dem Auftritt nun um ein Konzert oder eine Kunst-Performance handelt, scheint müßig zu entscheiden. Sicher ist jedoch, dass als ein Ergebnis des Abends die Videoarbeit "Untitled (Showcase)" entstanden ist, für die Naujoks in guter alter Nouvelle-Vague-Tradition vielsagende leicht verlangsamte Blicke und Posen der Besucher zu einer Filmcollage in schwarz-weiß arrangiert hatte. Beim Betrachten des Videos kommt erst allmählich die Zeitverzögerungen der musikalischen Untermalung zum Vorschein, eine Strategie, die gerade aufgrund ihrer Beiläufigkeit irritiert.

Auch in seinen grafischen Arbeiten kombiniert Naujoks Elemente der bildnerischen Gestaltung mit solchen der Musik. Von ihm entworfene Partituren werden hier zu Kunsteditionen und seine manirierte schriftliche Signatur zum Monogramm, das eine Schönbergsche Zwölftonreihe in Form eines Flugblatts verantwortet. Zurzeit residiert Naujoks im Atelierprogramm des Kölnischen Kunstvereins, in dem er bereits auch an der Ausstellung "Lecture Performance" teilgenommen hat. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, dann wird er mit seiner gesungenen Institutionskritik im Feld der Kunst genauso bekannt sein, wie in dem der Musik.

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