Richard Long - London

Die Spur der Steine

Er trampelt Pfade ins frische Gras, trägt Kieselsteine von einem Ort zum anderen oder legt Basaltblöcke und Zweige im Museum aus. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet der britische Künstler Richard Long in und mit der Natur. Jetzt würdigt die Tate Britain sein ephemeres Werk mit einer großen Retrospektive: "Himmel und Erde" in London.

Winter 1964. Es hatte geschneit. Der 19-jährige Student am West of England College of Art in sei­ner Heimatstadt Bristol rollt einen Schneeball einen Abhang hinunter. Am Fuß des Hügels kommt der immer größer werdende Ball zum Stehen. Der Student fotografiert das Resultat der spielerischen Aktion: Das körnige Foto zeigt die Spur, die der Schneeball im Schnee hinterlassen hat, und am Rand den Ball selbst.

Die Entstehung der Arbeit Richard Longs, die eine mehr als 40-jährige Beschäftigung mit der Landschaft einleitete, steht in vielen Essays über den Künstler. Die meisten lassen aber aus, dass "Snowball Track" (1964) auch der Anlass für den Rauswurf des jungen Studenten aus dem College war. Der Rek­tor bat Longs Eltern zu sich und gab ih­nen zu verstehen, dass es ihr Sohn mit ei­ner solchen Einstellung zur Kunst nicht weit bringen würde. "Er begründete meinen Eltern gegenüber den Rausschmiss mit meiner Verrücktheit", sagt er heute.

Schon seit geraumer Zeit hatte der 1945 geborene Künstler, so erinnert er sich, "experimentell und mit der Umwelt gearbeitet – ich stach etwa in einem verwilderten Garten Rasenstücke aus und goss Gips in die Löcher". Die diesen ersten Arbeiten zugrunde liegenden Prinzipien begleiten sei­ne Kunstpraxis bis heute: die Einbeziehung der Landschaft, seine körperliche Präsenz, die Zeit als vierte Dimension. Im Katalog einer Schau des New Yorker Guggenheim Museum äußert sich Rudi Fuchs 1986 darüber, "wie nahe Richard Long, damals kaum 20 Jahre alt, schon dem war, was dann seine "Sprache" werden würde".

Frage nach der Beziehung von Kunst und Leben

Longs nächstes Schlüsselwerk war folgerichtig auch "A Line made by Walking" (1967). Er nahm den Zug vom Londoner Bahnhof Wa­terloo und fuhr nach Südwesten. Als die Vor­städte aufhörten und richtige Landschaft begann, stieg er aus, fand eine Wiese mit Gänseblümchen und lief so lange vor und zurück, bis das Gras niedergetreten war und sich ein Pfad, eine von der Sonne beschienene Linie herausbildete. Auch das Resultat dieser Aktion hielt er auf einem Foto fest und fuhr wieder zurück.

Dass ein Spaziergang, eine Wanderung zum Kunstwerk werden könnte, war dann nur ein nächster Schritt. Diese erste Reise, im Frühjahr 1967, führte ihn, teils zu Fuß, teils als Tramper, von London auf den Gipfel des höchsten schottischen Bergs, Ben Nevis. Sie dauerte sechs Tage, und jeden Tag um elf Uhr machte er zwei Fo­tos, beim einen richtete er den Fotoapparat nach oben, beim anderen nach unten. Diese Bilder sind das einzige Zeugnis der Reise mit dem Titel "Ben Nevis Hitch-Hike" (1967).

Damals studierte Long schon an der Londoner St. Martin’s School of Art. Die Bildhauerklasse wurde von dem abstrakten Plastiker Anthony Caro geleitet, doch Long war Mitglied des "Advanced Course" unter der Leitung von Frank Martin und Peter Atkins. "Mit Caro wechselte ich während meiner ganzen Zeit vielleicht zwei Worte", erinnert er sich. Die Studenten wurden angehalten, das skulpturale Objekt nicht als etwas Fertiges zu betrachten, sondern das Werk und den kreativen Prozess ständig neu zu befragen. "Ich begriff, dass es da draußen eine ganze Welt von Realität gibt, die ein größeres Potenzial besitzt als Metall zusammenzuschweißen", sagt Long und stellte mit einigen Kommilitonen, in Opposition zu Caros Modernismus, die Vorstellung davon, was Skulptur sein kann, auf den Kopf: Barry Flanagan verwendete instabile oder sich selbst formende Materialien, die er nur bedingt zu kontrollieren vermochte; Bruce McLeans Materialien entstammten der Natur und wurden dieser wieder zurückgegeben; Gilbert & George verstanden sich mit ihrer "Lebenden Skulptur" nicht nur als Schöpfer, sondern auch als das Kunstwerk selbst. Long und Hamish Fulton machten sich auf Wanderschaft. Ihr Anliegen war, die Kunst aus dem Atelier nach draußen zu verlegen sowie die Frage nach der Beziehung von Kunst und Leben zu stellen und, wenn möglich, zu beantworten.
Es ist interessant, sich vor Augen zu halten, wo die radikalen Studenten von damals heute angelangt sind. Barry Flanagan gießt überdimensionale Hasen in Bronze, Bruce McLean malt hauptsächlich ironisch-subversive Bilder, Gilbert & George entwerfen ihre riesigen Fotoarbeiten am Computer. Lediglich Richard Long ist sich treu geblieben: Noch immer geht er auf Wanderschaft.

Man kann sich den großen, schlanken und sehnigen Mann vorstellen, wie er mit kräftigen Schritten die Landschaft durchmisst. Meist alleine, nur selten hat er Begleitung, und dann fast immer von seinem alten Freund und Kollegen Hamish Fulton. "Es ist immer ein Vergnügen, mit ihm zu wandern", sagt Long. "Aber er ist politisch korrekter als ich." Fulton besteht darauf, dass die Landschaft niemals für die Kunst verändert werden darf.

Long dagegen hinterlässt Spuren, wie ein Tier in freier Wildbahn. Doch seine Interventionen sind eher bescheiden. Er lässt nicht wie Robert Smithson Bagger auf den Great Salt Lake von Utah los oder wie James Turrell auf einen Krater in Arizona. "Die Natur hat einen größeren Einfluss auf mich, als ich auf sie", sagt er. Er schichtet Steine oder Zweige auf, gräbt mit dem Hacken des Stiefels eine Linie in die Erde, transportiert Kiesel von einem Ort zum anderen. Niemand außer ihm weiß, wo seine Werke zu finden sind, oft werden sie wieder zu Natur, nicht selten überspült sie das Wasser. Seine Füße sind seine Augen, mit denen er die Welt sieht und erfährt. Auf dem Stempel, den er auf Briefen unter seine Unterschrift setzt, ist ein Fußpaar mit zwei in die Sohlen eingelassenen Augen zu sehen.

Seine Wanderungen wurden immer ehrgeiziger, nicht nur was die exotischen Orte angeht: die Anden, die Sahara, der Kilimandscharo, die Mongolei. Und er unternahm Wanderungen, auf denen er eine ganz konkrete Idee verwirklichte. So trug er von der englischen Ostküste einen Stein zur West­küste von Wales und umgekehrt; er wanderte von einer neolithischen Grabstätte im Südwesten Englands zur Iron Bridge in Mittelengland, der Wiege der industriellen Revolution; oder er wanderte solange, bis er die erste Wolke sah.

"Ich mag praktische, emotionale, ruhige Kunst"

Von Anfang an arbeitete er immer parallel in der Landschaft und im Museum oder der Galerie. Er zeigt Landkarten, auf denen er seine Routen festhält, Pfeile deuten Wind­richtungen an. Seine Texte poetisieren seine Eindrücke nicht, sondern geben ganz praktische Informationen zum Wetter und Beschreibungen dessen wieder, was er getan hat. Das Foto, das zuvor lediglich als Dokumentation gedient hatte, wurde zum eigenständigen Kunstwerk. Am augenfälligsten sind seine plastischen und malerischen Arbeiten im Raum. Wie in der Landschaft, sind auch hier die Linie, manchmal als Kreuz, der Kreis und die Spirale seine bevorzugten Zeichen. Er baut sie aus Steinen und Zweigen. Und ebenfalls seit den frühen siebziger Jahren seine Schlammarbeiten auf dem Fußboden oder der Wand, die er immer selbst macht, mit den Füßen oder den Händen, schnell, aber kontrolliert. "Meine Wanderungen mögen Tage, ja Wochen dauern. Doch wenn eine Arbeit mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, frage ich mich, ob da was nicht stimmt", sagt er.

Lange weigerte sich Long, über seine Arbeit zu schreiben oder in Interviews über sie zu sprechen. Ein Gespräch mit der Holländerin Betty van Garrel von 1971 und eine kurze Erklärung zu seiner Soloschau in der Londoner Whitechapel Art Gallery aus demselben Jahr sind die Ausnahme. Sein Werk sollte für sich selbst sprechen, so argumentierte er früher – eine Ansicht, die er später als "naiv" abtat. Seine Kunst hatte, so glaubte er, missverständliche Interpreta- tio­nen erfahren, vor allem solche, die ihn in die Nähe der Romantiker rückten. "Viele Menschen, vor allem Städter, haben die fal­sche Vorstellung, dass alles, was nicht urban ist, irgendwie mit Romantik zu tun hat", sagte er kürzlich in einem Gespräch mit dem Künstler Michael Craig-Martin. Auch verwahrt er sich dagegen, zu nahe an den Zen-Buddhismus gerückt zu werden, und sein Werk hat auch nichts von der Mystik eines Joseph Beuys, mit dem sein Werk oft in Beziehung gebracht wird.

Um solche Missverständnisse zu korrigieren, veröffentlichte er 1980 einen kurzen Text, dessen Titel er ei­nem be­liebten englischen Zählreim entlehnte: "Five, six, pick up sticks, seven, eight, lay them straight." Die Einfachheit des Titels durchdringt den gesamten Text und auch seine Kunst. "Ich mag einfache, praktische, emotionale, ruhige, kräftige Kunst", beginnt er. Long schreibt von der "Einfachheit des Wanderns, der Einfachheit von Steinen". Und seine Arbeit ist für ihn "wirklich, nicht illusorisch oder konzeptuell. Es geht um echte Steine, echte Zeit, echte Aktionen."
Und es geht immer um ihn. "Für mich ist meine Arbeit ganz persönlich, die eben nicht wie bei vielen anderen Künstlern von Assistenten verrichtet werden kann. Sie misst genau die Zeit, die ich für eine bestimmte Strecke brauche – und niemand anders. Meine Kunst hat immer mit mir zu tun." Und wenn man ihn beobachtet, wie er in einer Galerie mit Wasser eine Linie zeichnet oder mit Schlamm Abdrücke seiner Hand anbringt, dann "sieht man einen Künstler", so schreibt Tate-Direktor Nicholas Serota, "völlig im Einklang mit seinem Körper." Und doch glänzt der Künstler auf den Dokumentationen seiner Wanderungen durch Abwesenheit – er ist nicht vorhanden.

"Jeder gute Künstler ist zuerst ein lokaler Künstler"

In den mehr als 40 Jahren seiner Tätigkeit hat er sich selbst nur auf vielleicht einem hal­ben Dutzend Fotos festgehalten. Und eine andere Person taucht nur einmal auf: ein mongolischer Nomade, der sich in einen Steinkreis setzte, als Long fotografierte. Er hätte ohne weiteres ein neues Foto machen können, ohne "die schöne Ausnahme", wie er den Eindringling nennt. Doch "manchmal passieren solche Dinge, und ich akzeptiere sie".

Auch möchte er nicht von einer künstlerischen Umweltlobby vereinnahmt werden. "Eine solche Interpretation ist natürlich legitim", findet er heute, doch "von Natur aus" versteht er sich "eigentlich nicht als politisches Wesen". Als er mit seiner Variante der Land Art begann, sprach noch niemand ernsthaft von Ökologie und grüner Politik. Anders als etwa die amerikanische Land Art ist Longs Kunst jedoch nicht darauf aus, die Natur zu zähmen, sie zu erobern. Er respektiert sie, arbeitet mit ihr, geht einen Dialog mit ihr ein. "Ich liebe es, aus nichts Kunst zu machen", sagt er lächelnd.

Schon als ganz jungem Künstler war Richard Long internationaler Erfolg beschieden, nicht zuletzt durch die Unterstützung von Konrad Fischer, der ihm in seiner winzigen Galerie in Düsseldorf 1968 seine erste Einzelausstellung ausrichtete und über den er mit viel Zuneigung und Dankbarkeit spricht. Trotz seiner Internationalität fühlt er sich aber "fest verankert als englischer Künstler. Ich kann nicht leugnen, dass ich Teil einer Tradition englischer Landschaftskunst bin." Nach seinen oft langen Reisen in ferne Länder kehrt er in sein Haus in der Nähe seiner Heimatstadt zurück, ein ehemaliges Schulhaus mit Blick auf die Niederungen des Bristol Channel und die Mündung des Flusses Avon, woher der Schlamm für seine Wandbilder kommt. "Jeder gute Künstler ist zuerst und hauptsächlich ein lokaler Künstler", sagt er.

"Richard Long: Heaven and Earth"

Termin: bis 6. September, Tate Britain
http://www.tate.org.uk

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