Paul McCarthy - Porträt

Schneewittchens Alptraum endet nie

Das Land der Saubermänner hat einen verlässlichen Feind: Seit 40 Jahren attackiert Paul McCarthy mit obszönen Inszenierungen die Symbolfiguren des weißen Amerika. Heute regiert Obama, das Land ist toleranter geworden – doch der 64-jährige Künstler lässt nicht locker und baut immer gigantischere Alptraumszenarien. Besuch bei einem Besessenen.
Schneewittchens Alptraum endet nie:Besuch bei einem Besessenen

Der Künstler Paul McCarthy mit zwei der sieben Zwerge in seiner Werkstatt in Baldwin Park

Es gibt keine Stechuhren in Paul McCarthys Welt. Die 30 Mitarbeiter seiner Kunstfabrik, die an Skulpturen und Installationen bauen, schrauben oder tüfteln, kommen und gehen, wann sie wollen. Bei unserer Ankunft in Baldwin Park im San Gabriel Valley bei Los Angeles fährt einer von ihnen gerade mit einem übergroßen, kahlköpfigen Piratenschädel auf dem Kopf mit seinem Skateboard auf dem Parkplatz vor McCarthys Factory herum. Im Eingang steht der Meister selbst. Mit geschlossenen Augen und in Lebensgröße gegossen. Die Mitarbeiter leg­ten der Skulptur ihres Chefs eine Mülltüte über die Schulter und eine Kabelrolle auf die Glatze und verwandelten ihn so in eine Mischung aus römischem Imperator und Alien.

"Hey Dude", begrüßt McCarthy einen tätowierten Computerfachmann aus seinem Team und schlurft in Richtung Produktionshalle. Der 64-jährige Künstler hat sich in Los Angeles tatsächlich seinen eigenen, alternativen Planeten geschaffen und ist der Rezession zum Trotz auf Expansionskurs. Nach langer Suche kaufte McCarthy ein Stück Land oberhalb der Mojave-Wüste, wo er ein Haus für Schneewittchen und eine komplette Westernstadt errichten will, in der sich wie in einem Irrgarten gleichförmige Saloons und Läden aneinanderreihen sollen. Der Künstler plant, gemeinsam mit seinem Sohn Damon in den Bauten seine surrealen Filme zu drehen. Außerdem arbeitet Damon mit Kollegen seit mehr als vier Jahren an der technisch bislang ehrgeizigsten mechanischen Skulptur seiner Karriere: Expräsident George W. Bush in zweifacher Ausgabe, der sich redend, ruckelnd und schiebend über zwei Säue hermacht, deren Ferkel den Müttern wissbegierig über die Schulter gucken.

Die Einzelteile der Sexmaschine lassen sich individuell oder über Bewegungsmelder steuern. Zum Abschluss werden die Metallskulpturen mit Silikonhäuten überzogen. Das Silikon stellen die McCarthys in ihrer Fabrik selbst her. Gerade erst hat sich McCarthy senior dazu entschieden, die Bush-Figuren in Reihenformation zu installieren. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. "Es erinnert mich an einen nicht zu stoppenden Zug", meint der Künstler. Wer die Arbeit kauft, bekommt für die komplexe Mechanik später vier Handbücher mitgeliefert. "Wir wollen sicherstellen, dass die Maschine auch nach uns weiterläuft", sagt Damon. Parallel dazu wurde in McCarthys zweiter Fabrik am Valley Boulevard die rund 100 Quadratmeter umfassende Installation "Pig Island" für die Ausstellung in der Fondazio­ne Nicola Trussardi in Mailand verladen. Vier Container waren für den Transport nach Italien im Einsatz. Für eine weitere Ausstellung in Los Angeles lässt McCarthy gerade in der Schweiz und in China kitschige Hummelfiguren in monströser Größe von mehr als fünf Metern in Aluminium und Bronze gießen. Außerdem wartet in seinem Atelier der nächste Prototyp von "Mad House", ein kreisender, auf und ab schießender Holzwürfel, in dem man zu einer höllischen Fahrt Platz nehmen soll, auf Weiterbearbeitung. Doch niemand aus dem McCarthy-Clan will zum Proberitt antreten. "Wer zur Hölle wird diese Arbeit bloß kaufen?", fragt der Künstler lachend. Aber eigentlich interessiert ihn das gar nicht weiter.

Tabus verletzen, ist zur Herausforderung geworden

Seit 40 Jahren ist der McCarthy auf Konfrontationskurs mit dem Establishment. Wie seine Bush-Figuren scheint er unaufhaltsam in Fahrt zu sein. Ideen greifen ineinander, Fäden, die er bereits mit Mitte 20 spann, nimmt er wieder auf. Ob Ronald Reagan, George Bush, Osama Bin Laden oder Walt Disney – seine Zielscheiben sind dieselben geblieben. Nur die Arbeiten wurden mit der Zeit technisch komplizierter und raumfüllend. Moralische und politische Widerstände muss er dagegen nur noch selten überwinden. Die Gesellschaft hat sich verändert: Tabus zu verletzen ist eine schwierige Angelegenheit geworden, seit Pornografie unzensiert im Fernsehen läuft und Popstars wie Lady Gaga Performance-Kunst zum Lifestyle-Phänomen machen. Amerikas Politiker werden heute auch in öffentlichen TV-Shows respektlos durch den Kakao gezogen. Kein Wunder also, dass die nächste Generation von Schockkünstlern, Leute wie Terence Koh, Tracey Emin oder Andrea Fraser, ihre Provokationen ins Private verlegen: Statt grotesker, schweinebegattender Präsidentenpuppen basteln sie lieber schicke Vitrinen mit Goldkettchen und Sperma, ordentlich bestickte Zelte mit den Namen aller Liebhaber oder Do-it-yourself-Pornos für Sammler.

Weil sich McCarthy nicht von seinen drastischen Witzfiguren verabschieden will, haftet seinen Arbeiten manchmal etwas Antiquiertes an. Mitunter wird er aber auch einfach von der Realität überholt. Jahrelang dachte er darüber nach, Menschen in einem von Kameras überwachten Haus leben zu lassen. Dann startete mit "Big Brother" das Reality-TV. Wie ernst es dem Künstler mit seinen Werken ist, sieht man an den ausgeklügelten Zeichnungen und Entwurfsskizzen. Für sie zieht sich McCarthy allein in ein fensterloses Atelier zurück. Dort entstanden auch die Vorlagen für seine von Walt Disney inspirierte Schneewittchen-Serie "White Snow", die er Ende 2009 bei der Galerie Hauser & Wirth in New York vorstellte. Disneys heile Trickfilmwelt ist für McCarthy der Inbegriff des amerikanischen Spießertums und puritanischer Prüderie. Gleichzeitig steht Disney für Amerikas alles verschlingende, durchkommerzialisierte Konsumkultur. Auch darum setzt McCarthy, der böse Märchenonkel, dem unschuldigen Schneewittchen tüchtig zu. "Meine Zeichnungen haben aber noch einen anderen Ursprung", erklärt McCarthy. Sie würden seine Frau Karen in jungen Jahren darstellen. Die McCarthys sind seit mehr als 40 Jahren verheiratet. Karen arbeitet ebenfalls im Familienkunstbetrieb, Tochter Mara betreibt in Los Angeles die Galerie The Box. "Schneewittchen handelt von der Liebe", sagt McCarthy.

Schwächlinge, die in Uniform den Helden markieren

Derart zarte Töne ist man von dem kalifornischen Künstlerkauz nicht gewohnt. McCarthy trat Anfang der siebziger Jahre an, um Action Paintings mit Hilfe seines Körpers und schließlich seiner Genitalien auf die Leinwand zu befördern. Er erforschte Innen- und Außenräume, indem er Löcher in Wände oder Figuren bohrte und drehte sich für die Dauer einer Videokassette um die eigene Achse. Er bediente sich bei der Konzeptkunst, bei den Minimalisten, bei Pop Art und bei den Abstrakten Expressionisten und inszenierte sich zu einer Art Anti-Warhol, indem er den Konsum beschmutzte, anstatt ihn zu feiern. Die Faszination für den Körper als Ausdrucksmittel schaute sich McCarthy von dem französischen Künstler Yves Klein und dessen Körpermalerei ab.

Aber auch die Orgien der Wiener Aktionisten scheinen darin auf, radikal weitergeführt und mit unverschämtem pubertären Humor serviert. In "Class Fool" von 1976 warf McCarthy sich durch einen besudelten Klassenraum, übergab sich und steckte sich zum krönenden Abschluss eine Barbiepuppe in den Hintern. Er wälzte sich masturbierend in rohem Hackfleisch, steckte sich Würste in die Hose oder beschmierte seinen in Frauendessous steckenden Körper und inszenierte mit Schokoladensauce, Ketchup oder Mayonnaise Orgien der Gewalt. Bei so viel phallisch-analfixierter Symbolik überrascht es, dass sich McCarthy für einen überzeugten Feministen hält. In frühen Arbeiten sei es ihm um das Bild der Frau im Kopf des Mannes gegangen, so McCarthy. "Die Frauenbewegung von Los Angeles in den siebziger Jahren hat mich stark beeinflusst." Seine Männer sind getriebene Schwächlinge, die in Uniformen den Helden markieren. Erbärmliche Patriarchen, die ihre Kinder ebenso abrichten wie es die eigenen Väter taten.

Sture Attacken auf das Wertenetz der USA

Paul McCarthy würde oft als "störender Bad Boy oder als gestörtes Individuum" abgetan, schrieb Kunstkritikerin Carol Kino 2009 in der ehrwürdigen "New York Times" – einer Zeitung, die bis heute keine Abbildung seiner drastischeren Installationen oder auch nur handfeste Beschreibungen derselben druckt. So gesehen ist McCarthy ein amerikanischer Skeptiker, der sich auch durch das scheinbar liberalere Klima einer Clinton- oder Obama-Regierung nicht von seinem Leitthema, der Konditionierung der Gesellschaft, abbringen lässt. Stärker noch als kritische Zeitgenossen wie Chris Burden, Vito Acconci oder Kiki Smith, die mit den Jahren milder geworder sind, attackiert McCarthy stur das Wertesystem der USA. Seine Performances und Installationen nehmen immer wieder das Idyll der gesitteten Familie aufs Korn, die Saubermänner und verlogenen Moralapostel, die Angst vor der eigenen Sexualität haben, sich gleichzeitig aber an den Medienberichten über sexsüchtige Sportstars oder untreue Politiker ergötzen. Wie wenig sich seit den prüden sechziger und siebziger Jahren wirklich geändert hat, zeigt sich an der Zensurmaßnahme des amerikanischen Kunstmagazins "Modern Painters", das letztes Jahr anrüchige Ausschnitte aus McCarthys "White Snow"-Serie hinter Aufklebern versteckte.

Den Zustand seines Landes empfindet McCarthy als beunruhigend. "Es gibt die Angst vor einer neuen faschistischen Kultur. Die Banken sind weiterhin unreguliert. Wir haben Irak, Afghanistan, den Mittleren Osten und im Inneren ein Land voller Rassismus. Die Macht der Medien ist erschreckend", sagt McCarthy. "Ein neuer Präsident kann dies nicht ändern." 1983 markiert für den Künstler das Jahr, in dem die Kunst und auch seine eigene Arbeiten in eine neue Richtung steuerten. Psychisch ausgelaugt verabschiedete er sich von seinen Live-Performances, um sich Videos und Skulpturen zu widmen. "In den achtziger Jahren veränderte sich die ganze Kunstwelt. Alles fing mit Ronald Reagan an: die finanzielle Blase, Geld, das auf einmal in die Kunst floss, Millionäre, die geschaffen wurden", erzählt McCarthy. Während Leute in Armani-Anzügen auf Vernissagen in New Yorker Galerien an Cocktails nippten, sollte es für den unbequemen McCarthy im fernen L. A. weitere acht Jahre dauern, bis sich seine Kunst auszahlte. In der Zwischenzeit hatte er sich als Verkäufer von Möbeln durchgeschlagen und als Fotograf an Filmsets gejobbt. Erst als Chris Burden ihn Mitte der achtziger Jahre als Lehrer an die University of California, Los Angeles, holte, wurde es etwas leichter für die McCarthys.

"Ich hätte mich selbst zur Witzfigur gemacht"

Seinen künstlerischen Durchbruch schaffte Paul McCarthy Anfang der neunziger Jahre mit Hilfe von 10 000 Dollar, die er vom Chefkurator des Museum of Contemporary Art, Los Angeles, erhielt, um eine Arbeit für die legendäre Ausstellung "Helter Skelter" zu kreieren. Die Installation "The Garden" gilt bis heute als eines seiner Meisterwerke. In Anspielung an Hollywood benutzte er die Original-Naturkulisse aus der Fernsehserie "Bonanza". Vater und Sohn entweihen das Paradies, indem die motorbetriebenen Männer Sex mit einem Baum und dem Waldboden haben. Galerist Jeffrey Deitch erwarb die Arbeit und schickte sie durch Europa. McCarthy, der bis dahin nur zwei Arbeiten verkauft hatte, war plötzlich auf dem Kunstmarkt gefragt. 1996 startete er seine Factory. Inzwischen krönen seine obszönen Großskulpturen die Privatmuseen von reichen Großsammlern wie den Rubells, François Pinault oder Dakis Joannou. So hält das System die McCarthy-Maschinerie am Laufen – auch wenn sich der Künstler weiterhin darüber lustig macht. Im Video "Painter" von 1995 klettert er auf einen Tisch und lässt sich von einem Sammler den Hintern beschnuppern.

2007 produzierte die "Paul McCarthy’s Chocolate Factory" in New York putzige Weihnachtsmänner mit Analstöpsel am Fließband. Eine gelungene Parodie auf Galerien als Shoppingparadies und leicht konsumierbare Kunst. Das Experiment sei allerdings kein Verkaufserfolg gewesen, gesteht McCarthy. "Wir haben immer noch 17 000 unverkaufte Weihnachtsmänner in Kisten lagern." Dan Cameron, der dem Künstler 2001 als damaliger Chefkurator des New Museum in New York seine erste Retrospektive in den USA widmete, sieht in McCarthy nicht nur einen der bedeutendsten Künstler dieser Zeit, sondern den "Überbringer schwieriger Wahrheiten". 2005 hatte der Künstler einen gefeierten Auftritt in München, als er das Haus der Kunst, einen ehemaligen Repräsentationsbau der Nazis, von außen in einen überdimensionalen Blumenkasten mit aufblasbaren Geranien umfunktionierte und innen eine groteske Geisterbahn mit Westernfort und Piratenschiff installierte.

Seine Faszination für bierselige deutsche Lederhosenkultur und Alpenkitsch erklärt sich McCarthy mit seiner Kindheit. Er wuchs in den Bergen von Utah auf. Die Alpen stellten für ihn einen Fluchtort dar, der etwas Vertrautes mitbrachte. Der Vater arbeitete als Schlachter in einem Lebensmittelgeschäft. Obwohl sein Elternhaus mit einer Mutter, die selbst Künstlerin werden wollte, liberal war, träumte er davon, Utah zu verlassen. "Salt Lake City ist von Bergen umgeben, die Kultur der Mormonen dringt in das Tal ein, und die Bevölkerung ist wie abgeriegelt", erzählt McCarthy. Seine Schulzeit empfand er als traumatisch. "Ich war Legastheniker und hasste die Männer an der Schule." Santa Claus, Piraten, Zwerge, George Bush oder George Clooney – am Mythos des Manns als Macht- und Heldenfigur kratzt McCarthy mit Leidenschaft. In einer seiner Werkhallen steht ein Holzgerüst, das mit Pinseln und Farben ausgestattet ist. Ein Künstler, der mit McCarthy arbeitete, hat es samt der Porträts von afroamerikanischen Männern zurückgelassen. McCarthy wollte das Ganze in einen Thron verwandeln und eine Skulptur von sich mit blonder Perücke für die Rolle des Königs installieren, um damit die westliche Welt, ihr Hoheitsdenken und das Bild des großen weißen Künstlers zu parodieren. "Ich hätte mich selbst zur Witzfigur gemacht", meint McCarthy. Er schlug die Arbeit für eine Ausstellung in China vor. Doch dort lehnte man dankend ab.