Christian Jankowski - Stuttgart

Heiliges Kunstwerk!

Christian Jankowski setzt sich mit der allgegenwärtigen Medien- und Unterhaltungsindustrie auseinander. Der "Narr am Hofe der Kunst" hat jetzt seine erste große Werkschau im Kunstmuseum Stuttgart.
Heiliges Kunstwerk!:Jankowski inszeniert Reality-TV als Kunst

Christian Jankowski: Aufnahme aus "Angels of Revenge", 2006

"Wenn ich mir dieses Kunstwerk anschaue, kriege ich irgendwie Hunger", bricht es aus der Teleshopping-Moderatorin heraus. "Das sieht so lecker aus!" Fehlende Fachkenntnis gleicht die Fernsehfrau tapfer durch Bauchgefühl aus: "Pommes, Senf, Mayo, Einkaufen" assoziiert sie angesichts des dick mit Ölfarbe bestrichenen Papptellers, den sie ihren Zuschauern schmackhaft machen soll.

Neben Steffen Lenks "Öl auf Pappe" (2004) preist sie auch Kunst von Jeff Koons, Richard Artschwager oder Liam Gillick an. Und natürlich von Christian Jankowski, dem Initiator der bizarren Homeshopping-Show namens "Kunstmarkt-TV", die im Moment der Produktion zu seinem neuesten Werk wird.

Wieder einmal hat Jankowski damit Laien dazu gebracht, für ihn das Kunstsystem zu konzeptualisieren. Für andere Arbeiten hat er Tarotkartenleser, Zauberer, Psychologen, Kinder, Köche, chinesische Auftragsmaler, amerikanische Horrorkostümwettbewerbsteilnehmer oder Hula-Hoop-Reifen-Schwingerinnen eingespannt. 1997 holte er sich für "Kunstwerk verzweifelt gesucht" bei einer Kreativitätsblockade die Hilfe eines Therapeuten ein, mit seiner auf Video dokumentierten Therapiesitzung hatte er sein gesuchtes Werk. Für "Telemistica" (1999) ließ sich Jankowski von Fernsehwahrsagern den Erfolg seines Beitrags zur Venedig-Biennale prophezeien.

Jankowski baut hintersinnige Brücken

Und einem texanischen TV-Prediger gewann er 2001 gar die Heiligsprechung seiner Kunst ab: "Möge das Kunstwerk", so des Gottesdieners erstaunlicher Appell vor Studiopublikum und laufender Kamera, "unsere Definition von Kunst erweitern! Lass es – Vater, Gott, wir beten – die Kunstwelt in Frage stellen ... Und möge dieses Heilige Kunstwerk eine Brücke zwischen Kunst, Religion und Fernsehen sein."

Solch hintersinnige Brücken baute Jankowski auch mit Hilfe von Profi-Magiern: So ließ er sich für die Dauer einer Ausstellung in eine weiße Taube verwandeln und Ausstellungsbesucher zu Schafen verzaubern. Im Kunstmuseum Stuttgart, das dem 1968 in Göttingen geborenen Künstler nun seine erste große Werkschau in Deutschland ausrichtet, setzt Jankowski seine raffinierten "Erscheinungsverwandlungen" mit einer vor Ort produzierten Arbeit fort. Auf Jankowskis Geheiß hin durften die Museumsangestellten ihre Zuständigkeiten tauschen. Der Techniker rutschte auf die Position des Direktors, Jankowski selbst nahm an der Kasse Platz. Man darf gespannt sein, welche Vorstellungen das Kassenpersonal, nun somit unversehens in der Rolle des Künstlers, bei der dokumentierten "Dienstbesprechung" (2008) geltend macht.

Christian Jankowski

"Christian Jankowski", 13. September bis 11. Januar, Kunstmuseum Stuttgart
http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/de/index.php?site=1&page=3&previewSel=27

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