Hundertwasser - Hagen

Geschmacksdiktat gegen Geschmacksdiktat

Friedensreich Hundertwasser wollte, dass die ganze Welt aussieht wie Neuschwanstein aus Bauklötzen mit Moosbehang. Auch die aktuelle Ausstellung in Hagen kommt um solchen Kitsch nicht herum. Eigentlich schade, dass seine oft berechtigte Kritik an moderner Architektur hinter der naiven Kitscherzeugung fast völlig verschwindet.
Hundertwasser Bauwerk in Plochingen, Baden-Würtemberg

Hundertwasserhaus in Plochingen, 1993/94

Er war der König Ludwig der Ökobastler, der Schlösslebauer der Plastilin-Generation, der Märchenonkel der Architektur. Friedensreich Hundertwasser wollte sein Leben lang nur, dass die ganze Welt aussieht wie Neuschwanstein aus Bauklötzen mit Moosbehang, das städtische Gewebe sich ohne gerade Linie zerdehnt wie ein ausgeleierter bunter Strickpullover, und dass seine krikelige Kindergarten-Folklore zur neuen Universaldoktrin in Gestaltungsfragen wird.

Er mobbte die gesamte moderne Architektur pauschal mit Vergleichen zu Konzentrationslagern, forderte den Abriss von allen Baudenkmälern des Funktionalismus und litt unter panischer Lineal-Phobie.

Doch obwohl all sein Wirken, Schimpfen und Streben mit den allermeisten Meinungen über zeitgenössische Scheußlichkeit vollständig d’accord ging, fand Hundertwassers antimoderner Kunst-Populismus keine Nachahmer, gewann keinen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst. Unter den Freunden der Gegenwartskritik gilt Friedrich Stowasser, wie er wirklich heißt, höchstens als Schrat.
Zwar schrieb er Manifeste in Serie, wollte die Natur vor dem Mensch, Österreich vor der EU, sowie Juden und Araber vor dem ewigen Bruderkrieg bewahren. Aber die ungemeine Popularität, die Hundertwasser 15 Jahre nach seinem Tod – er starb am 19. Februar 2000 auf dem Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth II" – immer noch genießt, basiert primär auf seinem Ruhm als Träumer vom ewigen Kinderzimmer. Der bärtige Kringel-Petrus, der zu Lebzeiten vor der UNO und dem amerikanischen Senat sprechen durfte, Staatsbriefmarken malte und Staatspreise sammelte, blieb der "Kini" der Kinderherzen – aber, wie Ludwig II. auch, letztlich sich selbst als Märchengestalt genug.

Ob das Urteil gerecht ist, das kann jeder in der großen Retrospektive "Lebenslinien" überprüfen, die jetzt im Osthaus-Museum in Hagen zu sehen ist. 130 exemplarische Werke aus rund 50 Jahren, vom Gemälde über den Wandteppich bis zum Architekturmodell, sollen einen Künstler in Erinnerung halten, der "in vollständiger Harmonie von Mensch und Umwelt" gelebt und gestaltet habe. Aber am Ende wird es auch hier nicht anders sein als in allen anderen Hundertwasser-Würdigungen davor, zumal den von ihm selbst initiierten, die er noch zu Lebzeiten als sogenannte Weltwanderausstellungen verschickte: Hundertwassers grundsätzliche Kritik an der Moderne und ihrem fatalen Streben nach Effizienz verschwindet als Denkansatz völlig hinter seiner naiven Kitscherzeugung.

Jedes Haus eine grelle Genie-Behauptung in Gebäudeform

Und das betrifft gerade jenes Feld besonders, das heute mehr als alle anderen Aspekte seiner Verschönerungskunst das Bild des Wiener Kunstzausels bestimmt: die Architektur. Hier kreierte er einen unverwechselbaren Baustil aus zahlreichen Versatzstücken. Russische Zwiebelturmbasilikas und Gaudis spanische Mosaik-Architektur flossen ebenso ein wie Höhlenwohnungen in Kappadokien und Formen der Lehmarchitektur. Ein buntes Durcheinander von Favela-Behausungen, bewachsenen Ruinen und vergrößerten Sandburgen läßt sich in seiner Fantasie-Architektur ebenso entdecken wie der Einfluss von Kinderbuchillustrationen, Folklore, Jugendstil, Anthroposophie und Wiener Phantsma.
Im Ergebnis ist dieser Eklektizismus zwar einzigartig und unverwechselbar, gleichzeitig aber auch derartig privat, dass er sich nirgends auf der Welt ins Stadtbild integrieren lässt. Ganz im Gegenteil zu seinen Absichten, einen neuen besseren kommunalen Geist mit seinen Gebäuden zu stiften, schreien diese vor allem um Aufmerksamkeit für ihren Erfinder. Ob in Wien oder Magdeburg, Uelzen oder Plochingen, ein Hundertwasser-Haus ist immer vordringlich eine grelle Genie-Behauptung in Gebäudeform.

Und damit verstrahlen diese Erzeugnisse eine Eitelkeit, die in der modernen Architektur höchstens noch von den Teiggebilden Zaha Hadids erreicht wird. Nicht der Mensch gestaltet sich hier die Umwelt nach seinen Vorstellungen, sondern Friedensreich Hundertwasser gestaltet sie ihm, wie er es für richtig hält. Und so ersetzt der Weltverbesserer mit der Fantasiemanie nur die Geschmacksdiktatur der Moderne durch seine eigene Geschmacksdiktatur.

Gott sei Dank: Keinerlei städtebaulichen Trend losgetreten

Es ist also sicherlich kein Schaden, dass der Mahner unter dem Spiralbaum keinerlei städtebaulichen Trend losgetreten hat. Was über diesen Segen aber nicht verloren gehen sollte ist, dass in Hundertwassers bissigen Beschreibungen seiner urbanen Umwelt sehr viel Richtiges über falsches Bauen steht. Alleine in seinem "Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur" (letzte Fassung 1964) finden sich soviele bemerkenswerte Einsprüche gegen Standardarchitektur, Monotonie, Bürokratismus, Verbotskultur und Einengung von gestalterischen Freiheiten der Stadtbürger, dass es in der heutigen Investoren-Tyrannei aktueller wirkt denn je. Als inspirierender Autor sollte Friedensreich Hundertwasser unbedingt jenen Einfluss genießen, der ihm als Architekt und Umweltgestalter Gott sei Dank verwehrt geblieben ist.

"Hundertwasser"

bis 10. Mai 2015 im Osthaus-Museum Hagen, Di. bis So. 11-18 Uhr, Eintritt 9 Euro (erm. 6 Euro), Katalog 29 Euro.
http://www.osthausmuseum.de/web/de/keom/index.html

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