Damage Control - Luxemburg

Tausend Sonnen

Mit der Atombombe wurde die Kunst der Zerstörung erst so richtig schrecklich schön.
Kollisionen, Explosionen, Übermalungen:Die ganze Bandbreite der Zerstörung

Sein ganzes Leben wollte Harold Edgerton Dinge sichtbar machen, die das menschliche Auge nicht sieht.

Er zeigte als Erster in Zeitlupe, wie ein Projektil einen festen Körper durchschlägt, und entwickelte für die US-amerikanische Atombehörde Hochgeschwindigkeitskameras, damit sie die Explosionen von Atombomben untersuchen konnte. Ein musikalisch unterlegter Zusammenschnitt von Edgertons Atomtestaufnahmen bildet den grandiosen Auftakt zu "Damage Control", einer Ausstellung im Luxemburger Musée d’Art Modern (Mudam) über Kunst und Zerstörung seit den fünfziger Jahren.

Die Zeiteinteilung wirkt ziemlich willkürlich, weil die Faszination für die Schrecken der Zerstörung so alt ist wie die Kunst. Aber mit den Atompilzen wurde die Zerstörung erst so richtig schön – und brachte die Künstler geradezu in Zugzwang. 1958 forderte Yves Klein in einem offenen Brief, dass die Atombomben doch bitte auch in Yves-Klein-Blau explodieren mögen, und 1962 stellte Jean Tinguely eine seiner sich selbst zerstörenden Maschinen am Rande des atomaren Testgeländes in der Wüste von Nevada auf.

Allerdings büßte selbst das drohende Ende der Welt bald seinen erhabenen Reiz ein und machte Platz 
für die ganze Bandbreite des Themas "Kunst und Zerstörung". Als sich 
John Baldessari 1970 als Konzeptkünstler neu erfand, ließ er alle Gemälde, die er bis dahin gemalt hatte, einäschern und dokumentierte diese spirituelle Reinigung in einer Fotoserie sowie einem mit Aschekeksen gefüllten Einweckglas.

Wenn Raphael Montañez Ortiz in Fluxus-Manier einen Konzertflügel vor Publikum zerstört, wird vor allem ein Sinnbild 
der bürgerlichen Tradition demontiert. Und in den Fotografien, die 
der Schweizer Polizist Arnold Odermatt von Autounfällen aufgenommen hat, kehrt mit dem Memento mori 
sogar ein klassisches Motiv der Malerei zurück.

Unter den rund 90 im Mudam präsentierten Werken befinden sich so viele moderne Klassiker (von Yoko Onos "Cut Piece" bis zu Pipilotti Rist, die lachend Autoscheiben mit einer Blume einschlägt), dass die zeitgenössischen Künstler im Vergleich eigentlich nur abfallen können. Aber auch die eher spielerischen Goya-Übermalungen von Jake und Dinos Chapman oder die bunten Kristallhandgranaten von Mona Hatoum finden neue Facetten eines unerschöpflichen Sujets. Und wie um die Sache abzurunden, steht das von I.M. Pei entwor
fene Mudam auch noch auf den Ruinen einer geschleiften Festung. Keine Schöpfung ohne Zerstörung – das ist die Lehre dieser schrecklich schönen Ausstellung.

Damage Control – Kunst und Zerstörung seit 1950

Luxemburg, Musée d’Art Modern, bis 12.10.2014
http://www.mudam.lu/de/expositions/details/exposition/damage-control/