Eija-Liisa Ahtila - Porträt

Die Untoten des Alltags

Kaum ein Videokünstler beherrscht die Mittel des Kinos so virtuos wie Eija-Liisa Ahtila. Inspiriert von tatsächlichen Fällen erzählt sie Geschichten von Menschen, denen die Welt unter den Füßen wegbricht, die plötzlich wie Hunde auf allen Vieren kriechen, durch die Wälder fliegen. Jetzt hat in Paris ihr neuer Film Premiere

Eija-Liisa Ahtila lebt in permanentem Wahrnehmungsalarm. Sie lauscht ihren Gefühlen, überprüft Irritationen, genießt Sinnestäuschungen. Ein Hörsturz inspiriert sie zu Toneffekten, ein Sehfehler kehrt als Trickaufnahme wieder.

Besondere Aufmerksamkeit aber gilt den Träumen, den guten wie den schlechten. Einmal träumte sie im winterlichen New York, ihr treuer Hund Luca sei daheim in Helsinki davongelaufen. Mehrere Tage lang verfolgte sie die Erinnerung an den Alp, Vorahnungen stahlen sich ins Unbewusste und verdarben den Alltag. Wenig später wurde an Luca Knochenkrebs diagnostiziert, er musste operiert und schließlich eingeschläfert werden. Ahtila machte daraus die Geschichte einer weißen Frau auf Reisen im afrikanischen Benin, die nachts über Leben und Tod sinniert, wenn die mit den Kirchenglocken heulenden Dorfhunde sie in der "Hour of Prayer" wachhalten. Und kombinierte die afrikanischen Szenen mit Bildern der eigenen schlaflosen Nächte, geschossen mit einer kleinen Handkamera aus dem New Yorker Hotelzimmer.

Afrika ist ein dunkler Kontinent, Reich der Legenden und Alpträume, und auch Ahtilas neuester Film "Where is where?" spielt wieder dort. An Helsinki dagegen ist nichts dunkel, es ist eine helle, ordentliche Wohlstandsstadt: restauriertes Zentrum mit Dom und Parlament für die Touristen, gepflegter Fährhafen für Ostseependler, gepflasterte Gassen für Fußgänger. In ruhigen Altbauten wohnen kulturnah an Kunsthalle und Kiasma-Museum begüterte Jungbürger, die Spielplätze haben federnde Böden, die Bars halten früh Sperrstunde. Modisch in Wassernähe liegt ein ganzes Viertel nur für Kreative – Werbeagenturen, Medienproduktionen, Elektronikfirmen sitzen im ehemaligen Industriebezirk Ruoholahti in Klinkerbauten mit Klimaanlage. Gestylte Cafés, propere Plazas, keimfreie Multiplexe, dazwischen der Unternehmenssitz von Nokia als cleaner Bunker in Stahl und Glas.

Unordnung gibt es in Finnland nur in den Köpfen der Künstler, Filmemacher, Musiker, Fotografen. Unter ihnen ist die 1959 in Hämeenlinna, der Heimat des spätromantischen Komponisten Jean Sibelius, geborene Ahtila sicher die aufgeräumteste. Sie probt den Ernstfall nur vor der Kamera, meidet den Rummel des Kunstbetriebs, verschanzt sich gern mit Gemahl, Kind und neuem Hund – Larry heißt er – im Sommerhäuschen, um noch aufmerksamer ihren Träumen und Sinnestäuschungen nachzuhängen. Selbst Wahn ist manchmal eine Frage von Gründlichkeit.
Und Wahn gibt es genug in Ahtilas Kunst.

"Ich hatte lange Probleme damit, was ich machen sollte"

Die Seele ist grundsätzlich ein Fall für den Therapeuten, Liebe ein Schlachtfeld, jede Beziehung zum Scheitern verurteilt. Das Individuum ist allein mit sich und seinen Unzulänglichkeiten, Gott ist tot, das Übernatürliche eine Netzhauttäuschung. Denn in klinisch kühl erzählte Geschichten schleichen sich plötzlich visuelle Aussetzer, surreale Bilderfindungen, Special Effects aus dem kommerziellen Kino. In der Doppelprojektion "Consolation Service" (1999) trennt sich ein Paar: Während auf der rechten Leinwand der von einem Erzähler geschilderte Scheidungsfall sachlich abläuft, tauchen andere Szenen auf, die dramatisch werden und in einer Katastrophe enden. Nach einem Geburtstagsfest überqueren das Paar und einige Freunde auf dem Heimweg einen zugefrorenen Fluss und brechen ein. Der Mann ertrinkt – um später der Frau als schweigender Besucher mit vorwurfsvollem Blick wiederzuerscheinen.

Ahtilas Atelier in Ruoholahti ist ebenso aufgeräumt wie das gesamte Viertel. Gelegen in einer ehemaligen Kabelfabrik, die Kulturzentren, ein Privatmuseum, Filmstudios und Restaurants beherbergt, sind die Böden poliert und die Regale, Ordner, Flachbildschirme auf Linie getrimmt. Unruhe gibt es nur im Lebenslauf: Nach dem Abitur ein Jahr Blätter kehren und Bäume beschneiden im städtischen Gartenamt, dann von 1980 bis 1985 Jurastudium in Helsinki bei gleichzeitigem Besuch einer Kunstschule. "Ich hatte lange Probleme damit, was ich machen sollte, sprach mir das Recht ab, Künstlerin zu sein und mich nur noch mit dem Schönen zu beschäftigen." Im Team mit Maria Ruotsala künstlerische Experimente mit Performances und militanten, eher drögen Videoinstallationen, ab 1990 in London Schule für Medienmanagement. 1993 realisiert sie die drei Kurzfilme "Me/We; Okay; Gray", die in
jeweils 90 Sekunden und in der verknappten Bildsprache der Werbung verschiedene Erzählformen ausprobieren. "Und dank der Arbeit mit dem bewegten Bild habe ich verstanden, wie Kunst auch heute noch den Bezug auf Politik und Gesellschaft aufrecht erhalten kann."

Ahtila entscheidet, das Filmen gründlicher zu studieren. Ab 1994 verbringt sie knapp zwei Jahre an Filmhochschulen in Los Angeles und erwirbt Sicherheit im Umgang mit dem Medium. Sie arbeitet mit professionellen Schauspielern, lernt, wie man die Linearität der Erzählung aufbricht, die Handlung auf mehrere Leinwände verteilt, Realität so präzise inszeniert, dass sie glaubhafter wirkt als in jedem Dokumentarfilm. "Today" (1996/97) beruht auf einer authentischen Geschichte, die ihr Großvater – als überzeugter Kommunist moralisches Vorbild für sie – ihr erzählt hatte: Ein Mann überfährt nächtens irrtümlich den eigenen Vater.

Dialog zwischen Gestern und Heute, Süd und Nord, Kindheit und Tod

Ahtila lässt diese Geschichte frei von drei verschiedenen Personen hintereinander auf drei Leinwänden erzählen. Schnell erregen Ahtilas technisch perfekte Filminstallationen Aufsehen. Sie laufen auf Venedigs Biennale und der Kasseler Documenta, Museen von Chicago (1999) bis Berlin (2000) und London (2002) zeigen große Einzelausstellungen. Doch Ende 2003 legt Eija-Liisa Ahtila die Karriere auf Eis. "Ich spürte, wie ich schrumpfte, um in die Karriererolle der erfolgreichen Künstlerin zu passen", sagt sie.

Seither hat sie in vier Jahren nur zwei Mehrkanalarbeiten realisiert. "The Hour of Prayer", die Klage um ihren krebskranken Hund, wurde 2005 auf vier großen Leinwänden im zentralen Pavillon der Biennale von Venedig gezeigt und enttäuschte die Erwartungen der Kritiker. Zu viel Wackelkamera? Zu dokumentarisch? Zu persönlich? Zu wenig allgemeingültig? "Vielleicht war die Schauspielerin einfach zu hübsch", sagt Eija-Liisa Ahtila nachdenklich und spielt darauf an, dass man sie allzu sehr mit alltäglichen Problemen alltäglicher Menschen identifiziert habe. Dabei ging es ihr in "Stunde des Gebets" um viel mehr als nur um eigene Trauerarbeit. Thema waren der in die Familie einbrechende Tod, aber auch kulturelle Zugehörigkeit und Fremdheit, der Identitätsschwund auf einem anderen Kontinent. Das Aufeinanderprallen von New York und Benin, Erster und Dritter Welt. Wunden, die der Kolonialismus geschlagen hat und die immer noch nicht vernarbt sind.

Diese Themen tauchen auch in ihrer neuen Arbeit "Where is where?" auf, die zur Zeit im Pariser Museum Jeu de Paume Premiere feiert. Auf sechs Leinwänden wird die Geschichte einer finnischen Dichterin, gespielt von der aus Aki-Kaurismäki-Filmen bekannten Schauspielerin Kati Outinen, die über ein lange zurückliegendes Verbrechen recherchiert, und in deren Haus plötzlich der Tod Einlass begehrt. Sie will ihn nicht einlassen, aber zwei Jungen, wiederauferstanden aus ihren Recherchen, öffnen ihm die Tür. Die Kinder, zwei Algerier, hatten im algerischen Unabhängigkeitskrieg ihren besten Freund getötet – einen Franzosen.

Ein authentischer Fall, über den der von den französischen Antillen stammende Psychoanalytiker und Kolonialismusforscher Frantz Fanon in seinem berühmten Buch "Die Verdammten dieser Erde" berichtet. Und den Ahtila nutzt zu einem in Algerien und im finnischen Studio gedrehten Dialog zwischen Gestern und Heute, Süd und Nord, Kindheit und Tod.

Bis in die Normalität der Wahn einbricht

Es geht um Zeit, die nicht chronologisch abläuft, sondern definiert als Gemeinsamkeit der Protagonisten. Und um den Verlust der Kindheit, für Ahtila ein wichtiges Leitmotiv: Schon in "If 6 was 9" (1995) schwafelten fünf weibliche Teenager auf drei Projektionsflächen über ihre sexuellen Fantasien, Praktiken, Hoffnungen. Bereits in dieser frühen Arbeit wurden die verschiedenen Erzählungen miteinander verwoben durch den jede logische Linearität verhindernden Schnitt und das Verteilen auf die verschiedenen Bildprojektionen. Erst das Zusammensetzen der Fragmente durch den Zuschauer, der gefesselt wird von der natürlichen Präsenz und expliziten Sprache, macht die einzelnen Geschichten verständlich.

Diese Mitarbeit des Zuschauers, der wie im Kino auf Stühlen, manchmal auch auf einem kleinen Sofa Platz nimmt, ist wesentlich für alle Installationen Ahtilas. Und nicht immer macht sie es ihm durch sympathische Hauptpersonen, verführerische Bildsprache und eine spannende Dramatik so einfach wie in "The House" oder "The Wind" (beide 2002), in denen es um psychotische Störungen von jungen Frauen geht. Beide Male wird durch die Dreikanalinstallation ein "neuer psychischer Raum", wie sie es nennt, geschaffen. Die konventionelle Logik der filmischen Dimensionen Zeit und Raum werden durch den scheinbaren Überfluss an Bildinformationen außer Kraft gesetzt, die Geschichte in Fragmente zerlegt und mit zeitlichen Sprüngen erzählt, die durch überraschende visuelle Irritationen unterbrochen sind. In "The Wind" deuten von außen kommende Windgeräusche, die im Bild logisch nicht nachvollziehbar sind, die wachsenden Wahnvorstellungen der Erzählerin an. Und in "The House" laufen Kühe durchs Wohnzimmer, fahren Autos die Wände hinauf, fliegt die junge Frau schließlich zwischen den Baumwipfeln umher.

Wie immer mischen sich scheinbar Dokumentarisches und offen Inszeniertes, Außen- und Innenwelt, Abbildung und Einbildung; anders als im kommerziellen Kino werden die filmischen Fragmente erst im Kopf des Betrachters zu einem sinnvollen Ganzen neu geschnitten. In dieser Offenheit der Struktur, in der die Künstlerin nur die Fragen stellt und dem Publikum scheinbar alle Antworten überlässt, liegt Ahtilas Erfolgsrezept einer Kunst, deren Themen, Personen, Formen uns auf den ersten Blick vertraut und alltäglich vorkommen. Bis in die Normalität der Wahn einbricht.

"Eija Liisa Ahtila"

Termin: bis 30. März, Jeu de Paume, Paris. Und vom 17. Mai bis 17. August, K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.
http://www.jeudepaume.org