Michael Beutler - Porträt

Monumente ohne Ewigkeit

Einfachste Materialien, überwältigende Wirkung: Michael Beutler baut vergängliche Großskulpturen voller Witz und Poesie. Jetzt zeigt eine Schau in Stockholm Arbeiten des deutschen Bildhauers.
Skulpturale Graffiti:Karges Material, super Wirkung – das Beutler-Prinzip

Für die "Aluminium Pagode" im Lufthansa Aviation Center (2006) in Frankfurt am Main erhielt Beutler den mfi-Preis für Kunst am Bau. Die Teile aus Flugzeugblech wurden vor Ort gebogen

Einmal hat Michael Beutler es bereits in die Fernsehnachrichten gebracht. Nicht dass er der Typ wäre, der es darauf anlegt: Michael Beutler ist ein zurückhaltender, schmaler junger Mann, eher geschaffen dafür, sich mit schmutzigen Jeans in die Arbeit zu stürzen, als vor den Kameras zu stehen. Doch ihm war eine der Sachen passiert, mit der zeitgenössische Kunst mühelos in die Medien kommt: das Pendant zur Beuys-Geschichte von der Putzfrau, die das Fett aus der Badewanne wischte.

Beutler hatte im Herbst 2004 für den Frankfurter Kunstverein eine Serie von Außenskulpturen gefertigt: Häuschen, abstrakte Gebilde, architektonische Skizzen aus leichtem, knallgelbem Verschalungsmaterial, die man unter Brücken, auf Wiesen, neben Kreuzungen suchen konnte wie bei einer Schnitzeljagd. Irgendwann war eine der insgesamt zehn Außenarbeiten verschwunden, die Medien berichteten – und zerknirscht meldete sich ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Stabsstelle "Sauberes Frankfurt": Er hatte die Skulptur für Sperrmüll gehalten, abräumen und verbrennen lassen. Michael Beutlers TV-Kommentar war gelassen: Am Ende der Ausstellung sollten die Werke sowieso in der Müllpresse landen.

Die Geschichte wäre kaum der Erwähnung wert, wiese sie nicht auf zentrale Eigenschaften von Beutlers Arbeiten hin. Unpathetisch und beiläufig sind sie, sich ihrer Vergänglichkeit bewusste Gesten. "Skulpturale Graffiti" war das Stichwort, das Beutler selbst für die Frankfurter Außenarbeiten nannte. Und die Mitarbeiter von Stadtverwaltungen tun sich eben schwer damit, Graffiti als Kunst anzuerkennen.

Die Skulpturen des 1976 in Oldenburg geborenen Michael Beutler entstehen meist nicht mehr so schnell wie die "Skulpturalen Graffiti" in Frankfurt, die er jeweils in ein, zwei Tagen zusammenbaute. Aber seine undogmatische und frische Art, mit der er die Praxis des ortsspezifischen Arbeitens neu formuliert, ist geblieben. Noch bevor er 2003 an der Frankfurter Städelschule seinen Abschluss machte, wurde die Kunstwelt auf ihn aufmerksam. Und seitdem hat sich die Zahl seiner Ausstellungen und Beteiligungen in geradezu beängstigendem Maße vermehrt.

Der moderne Kunstnomade wirkt fast wie ein reisender Handwerksgeselle: Er arbeitet immer vor Ort, mit einigen Assistenten, er besorgt die Materialien individuell für jede Ausstellung, und dann wird der Raum, ob drinnen oder draußen, bearbeitet, gefüllt, bebaut, verändert. Manchmal ist der Raum hinterher nicht wiederzuerkennen, hat neue Wände oder Zwischendecken, ist gefüllt mit Maschinen, Material, skulpturalen Anhäufungen, ein Exzess aus Klebestreifen, Pressspanplatten, Pappe.

Sein Kunstbegriff sieht genauso wie sein Lebensentwurf aus

Manchmal ist der Raum vielleicht erst ganz neu entstanden, so wie in dem Schweizer Städtchen Solothurn, wo Beutler einen schwimmenden White Cube auf dem Fluss platzierte, den man mit einem Boot befuhr. Manchmal kommt aber auch nur ein einzelnes, klares Objekt heraus, eine Skulptur im klassischeren Sinne: wie bei seiner Arbeit für das neue Lufthansa-Gebäude in Frankfurt am Main, in dessen Wintergarten Beutler neun schimmernde kleine Hütten aus Aluminium übereinander stapelte zu einer so witzigen wie visionären "Pagode".

"Ich wollte nicht immer dieselbe Arbeit wieder machen; in jeder Ausstellungssituation interessiert mich etwas anderes mehr. So ist diese Arbeitsweise, alles in situ zu produzieren, entstanden. Das ist aber kein ästhetisches Programm, das kann auch wieder anders werden." Wer weiß, vielleicht wird Michael Beutler irgendwann auch mal Objekte herstellen, die andere sich als Kunst ins Wohnzimmer stellen können. Glauben kann man das allerdings kaum, denn sein Kunstbegriff sieht anders aus, genauso wie sein Lebensentwurf. Wenn man ihn trifft, ist er immer gerade von einer Schau zurückgekommen und auf dem Sprung zur nächsten: "Ach, das ist doch keine Arbeit, das macht doch Spaß!", sagt er lachend, nachdem der doppelte Espresso die Reisemüdigkeit vertrieben hat. Das nimmt man ihm sofort ab: Hier ist einer, der Vertrauen in seine eigene Kreativität hat, der Dinge entstehen lassen kann, einfach aus der Freude daran, wie gut das funktioniert.

Bevor er an die Kunsthochschule kam, hat Beutler viel gezeichnet: "Dann fand ich das nicht mehr so interessant. Zeichnen ist so ein offenes Feld, da gibt es nicht genug Widerstand." Widerstand, das ist zum Beispiel das, was ein gegebenes Material mit sich bringt, die spezifische Herausforderung, die es formuliert, von sich aus. Beutler verwendet am liebsten Materialien aus der Baubranche, Stoffe, die bereits vorverarbeitet sind, zu einem bestimmten Grad also Ready-Mades. Er steckt sich Grenzen bei seiner Arbeit, setzt sich bewusst bestimmte Rahmenbedingungen – die Arbeit entsteht dann, so sagt er, fast wie von selbst. So ist seine Kunst, so unterschiedlich sie aussieht, immer Ergebnis einer Gleichung mit bestimmten Variablen: Man nehme einen Raum mit der Struktur X und dem Volumen Y, addiere ein gewähltes Material, multipliziere mit einem begrenzten Zeitraum von meist zwei oder drei Wochen und der Arbeitskraft einiger Assistenten – und fertig, nein, ist noch nicht die Arbeit, aber ihre Möglichkeiten. Es geht um das Wechselspiel von abstrakter Idee und Pragmatik des Ortes, von Kontrolle und Laufenlassen, es geht darum, dem Ding, das entsteht, sein eigenes Leben zuzugestehen.

"Gut gemacht, so dass es passt, nicht trashig"

Und manchmal ist das Ergebnis schlicht atemberaubend – wie im Herbst 2007 im Frankfurter Portikus. Beutler hatte den Ausstellungsraum in eine wahre Kathedrale aus Farbe und Licht verwandelt – mit Hilfe von Blumenverpackungspapier. Sein Grundmodul waren Metallgitter, die man sonst im Estrich versenkt, darauf brachte er mit Kleister das transparente, aber nassfeste Papier an, in 16 verschiedenen Farben. Diese Matten, mit Hilfe einer einfachen Maschine und viel Kreativität seiner Assistenten hergestellt, knotete er mit Hilfe von Drahtschlingen zusammen und baute erst eine Außenhaut, dann große Röhren, die er wie Säulen hineinstellte, schließlich ein Dach – und es war stabil. "Der wichtigste Schritt war, dass ich irgendwann begonnen habe, die Matten vor dem Zusammenbau mit den Füßen zu bearbeiten. Dadurch wird die Oberfläche insgesamt homogener, denn wenn noch was beim Aufbau reißt, was bei dem Material ja unvermeidlich ist, stört es nicht. Vor allem aber kommt das Licht von außen durch die kleinen Löcher hinein", erzählt Beutler. Und weil die Technik so einfach ist, wirkt das Ergebnis noch beeindruckender: Der hohe Raum wurde zum Gesamtkunstwerk, dessen Farbeneffekte immer leuchtender strahlten, je länger man sich darin aufhielt.

Auch wenn sie so schön sind wie dieser, sind Beutlers Skulpturräume immer angenehm unpathetisch. Sein Eingehen auf den Ort ist assoziativ und spielerisch; ortsspezifisch zu arbeiten, heißt für ihn nicht, lange Recherchen anzustellen. Das Werk Daniel Burens sei so etwas wie ein Augenöffner für ihn gewesen, in Bezug darauf, was man aus einer Situation heraussaugen kann, sagt er. Und gleichzeitig war Buren mit seiner extremen Reduktion der Mittel ein ideales Objekt, um sich zu reiben. Von seinen Arbeiten verlangt Beutler "Authentizität" – man soll spüren, dass sie an einem Ort und für eine Situation von einem Menschen gedacht und gemacht worden sind: "Gut gemacht, so dass es passt, nicht trashig."

Beutler ist definitiv ein Bastler, einer, der am Surren von Rädern und Zusammennageln von Latten seinen Spaß hat, und gelegentlich stellt er die Maschinen, die er für die Produktion seiner Arbeiten herstellt, mit aus – Monstren aus Holz, Gestängen, Walzen und Rädern, manche sehen selbst aus wie eine Skulptur von Jean Tinguely. Der Prozess ist wichtig, sagt er – aber nicht alles. "Ich rede immer viel über den Prozess, weil er so offensichtlich ist. Aber ausschlaggebend ist für mich trotzdem das, was herauskommt, die Skulptur – sonst wäre es ja Performance."
Beutlers Konzeption von Kunst wendet sich gegen die Illusion des autonomen Objekts und arbeitet für das Kunstwerk als Ding, das seine Gemachtheit und seine Eingebundenheit in Kontexte offen legt. Gleichzeitig ist die Ästhetik, ist Schönheit eine wichtige Kategorie für ihn.

Angesichts seiner oft komplett abstrakten Materialkonstellationen kann man es kaum glauben, aber sogar Mimesis ist ein Begriff, mit dem er etwas anfangen kann. "Ich baue Dinge nach", sagt er. Situationen zum Beispiel, die ihm Eindruck gemacht haben. "Ich kann mich an Momente erinnern, wo ich auf Reisen bin, in Athen zum Beispiel, und es total gut finde, wie die Betonsäulen auf die Straßen treffen und wie das Vordach ist. Und wie das extrem viel erzählt, durch die Architektur, die an diesem Ort ist." Solche Systeme bilde er nach – oder vielleicht auch nur das Empfinden, das sie hervorrufen. "Was ich mache, ist eigentlich klassische Bildhauerei", sagt er dann. Und beugt sich wieder über seinen Laptop.

"Michael Beutler"

Termin: bis 6. April, Bonniers Konsthall, Stockholm. Literatur: Nicolaus Schafhausen, Katja Schroeder (Hrsg.): "Michael Beutler. Pecafil", Deutsch/Englisch, Lukas & Sternberg, New York/Berlin 2006. Galeriekontakt: Christian Nagel, Köln/Berlin

http://www.bonnierskonsthall.se/en/Art/Exhibitions/Exhibitions/Michael-Beutler-/