Telephone - Kunstaktion

Stille Post

Ein weltumspannendes Kunstprojekt lädt Künstler ein, sich voneinander inspirieren zu lassen. In einer Kettenreaktion entstehen so ständig neu aufeinander bauende Werke sämtlicher Genres.
Stille Post

Ein dicht gewebtes Netz aus unterschiedlichsten Kunstgenres vergrößert sich von Zuruf zu Zuruf: Die Homepage von Telephone Satellites

"Oh Gott, die See ist so groß und mein Boot so klein", lautet der Satz, mit dem alles begann. Vor fünf Jahren setzte Nathan Langston dieses Gebet eines bretonischen ­Fischers in die Welt, um sein medienübergreifendes, künstlerisches Experiment ­Telephone zu starten.

Wie bei dem Kinderspiel "Stille Post" wanderten die Zeilen in Form von Kunstwerken, Songs oder Gedichten von einer Person zur nächsten. Das Ergebnis ist ein Austausch zwischen 315 Künstlern aus
42 Ländern.

Der 33-jährige Langston ­hatte die Idee zu dem Projekt, als er von Portland nach New York gezogen war und sich in der Großstadt verloren fühlte. "Ursprünglich war es mein Plan, auf diesem Weg andere Künstler kennenzulernen", sagt er. Als Erstes ging das Gebet, das von der Einsamkeit auf hoher See erzählt, an die New Yorkerin Jana Weaver. Die Malerin setzte die Zeilen mit einer nackten Schönheit um, die unter dem Sternenhimmel ein Papierboot auf die Reise in einer bedrohlich dunklen See schickt. Langston trug die Arbeit zu einem Dichter, der einen Vers zu dem Gemälde schrieb. Der wiederum reiste zu einem Fotografen, und von dort aus ging es weiter zu Musikern oder Installationskünstlern. Nur Weaver und zwei andere Künstler bekamen das Gedicht des Fischers als ursprüngliche Inspiration zu ­sehen. Ihre Arbeiten pflanzten sich über die Jahre in mehr als 50 unterschiedlichen Zweigen fort. Manche Zweige legten Distanzen von 65 000 Kilometern ­zurück. "Wir haben eine einzige Nachricht von der Erde zum Mond und zurück geflüstert", sagt Langston.

Viele Künstler beschlossen anschließend, sich kennenzulernen und auf ein Neues zusammenzuarbeiten

Ursprünglich hatte er vor­gehabt, die Arbeiten persönlich zu überbringen. Doch das stellte sich schnell als zu aufwendig heraus. So schlief das Projekt für einige Jahre ein, bis er beschloss, es online wieder auf­leben zu lassen. Das Experiment verbreitete sich über die sozialen Medien. Künstler aus aller Welt wollten teilnehmen. Langston holte Kollegen des von ihm ­gegründeten interdisziplinären "Satellite Collective" an Bord, um eine Website zu bauen. Auf telephone.satellitecollective.org kann man die Zweige Arbeit für Arbeit verfolgen und sehen, wie aus einem abstrakten Bild mit einer im Fall befindlichen Figur von Silvino González Morales aus Kolumbien eine Skulptur aus einer Metalltonne und Gummihandschuhen von Amos Oaks aus Tennessee wird, die Giacomo Colosi aus Italien in ein Video übersetzte, in dem er zitternd Eiswürfel in seinen Händen hält. Was die Britin ­Sarah James zu einem Gedicht mit dem Titel "Nicht loslassen" ­inspirierte.

Während der Aktion blieben die teilnehmenden Künstler ­anonym. Aber viele von ihnen beschlossen anschließend, sich kennenzulernen und auf ein Neues zusammenzuarbeiten.

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