Thomas Kvam - Oslo

Fünf Männer, eine Leiche

Ausgehend von einem grausamen Foto geht der in München lebende norwegische Künstler Thomas Kvam auf Kriegsverbrechersuche. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf hat sich seine Arbeit in Oslo angeschaut und erklärt die Hintergründe.

Die Männer schauen in die Kamera, sie lächeln selbstzufrieden, fast überheblich. So wie man es wohl macht, wenn man in aller Männerfreundschaft gerade gemeinsam etwas Besonderes durchlebt hat. Drei der Männer tragen beige Hüte, zwei von ihnen Sonnenbrillen. Man könnte meinen, sie seien zusammen auf Safari. Doch dann würden die Bilder von ihnen kaum in einer Ausstellung zum Thema Kunst und Krieg im Osloer Ausstellungshaus Kunstnernes Hus hängen.

Die fünf Männer sind amerikanische Soldaten, aufgenommen während des Irak-Einsatzes. Ein kleineres Foto rechts an der Wand zeigt, in welcher Situation sie so selbstzufrieden in die Kamera lächeln: Am Boden liegt eine Leiche, so zugerichtet, dass sie kaum als Körper zu erkennen ist. Anders die Soldaten: Sie wären wohl leicht wieder zu erkennen, wenn sie jetzt durch die Ausstellung gingen. "Sie posieren vor der Leiche des Feindes. Es ist ein klarer Bruch der Genfer Konventionen und durch das Foto sind die Soldaten identifizierbar. Ich will sie finden!" sagt der Künstler Thomas Kvam.

Die Suche ist Teil seiner Arbeit "Die auserwählten Fünf", die bis Ende März in Oslo in der Ausstellung "Der Schatten des Krieges" zu sehen ist. Kvam hat die Gesichter aus dem kleinen Foto kopiert, auf die durchschnittliche Körpergröße eines Soldaten vergrößert und in die Ausstellung gehangen. Auf jedem der Bilder ist ein Computer angebracht. Per IT will der Künstler nach den Tätern fahnden. Dafür hat er aus den Porträts die biometrischen Daten herausgelesen – so etwas gehört heute zum Standardrepertoire einer professionellen Fahndung. Firmen wie Facebook nutzen die Technik, um Gesichtern einen Namen zu geben (allerdings hat das soziale Netzwerk dieses Vorgehen in Europa nach Protesten vorerst gestoppt). "Nun lasse ich im Netz nach ihnen suchen. Wenn ich ihre Profile bei sozialen Netzwerken finde, kann ich sie ausfindig machen", so Kvam. Eine Software durchforstet das Netz und gleicht unzählige Fotos mit den Porträts der fünf Soldaten ab, stimmen die Daten überein, schlägt die Software Alarm, allerdings erst nach Ende der Ausstellung. Kvam möchte nicht währenddessen über einen möglichen Fund informiert werden.

Die Bürger sollten den Staat überwachen, nicht umgekehrt.

Denn natürlich soll die Arbeit auf die Grausamkeit der Soldaten und die des Krieges aufmerksam machen, auch darauf, dass womöglich etliche Militärangehörige sich Taten haben zu Schulde kommen lassen, für die sie nie bestraft wurden. Weil wir solche Bilder in den Medien nicht sehen, seien sich viele dessen nicht bewusst, so Kvam. Die Terrororganisation IS köpft auf Propagandavideos ihre Geiseln – ob solche Filme gezeigt werden sollen, wird derzeit intensiv diskutiert. Als der amerikanische Sender "Fox" das tat, hieß es, damit werde nur den Terroristen geholfen, aber keine Aufklärung betrieben. Das ist in Kvams Fall anders. Denn die USA sind bestimmt nicht erfreut, dass er diese Bilder nun publik macht.

Es geht dem Norweger aber auch um die Überwachungsmöglichkeiten des Internets: "Seit dem NSA-Skandal wissen wir alle, wie sehr Regierungen uns überwachen wollen und können. Indem ich nach Soldaten suche, die Kriegsverbrechen begangen habe, wende ich die Überwachungsmöglichkeiten des Netzes gegen den Staat." So zeige er, dass die Bürger nicht wehrlos seien, sondern die Instrumente, die der Überwachung dienen, auch gegen die Autoritäten richten könnten, um diese wiederum zu kontrollieren.

Kvam will die Soldaten treffen und befragen

Kvams Arbeit hebt sich deutlich ab von den meisten anderen in der Gruppenausstellung. Sie geben die Grauen des Krieges und der Kriegszeit mehr oder weniger abstrakt wieder, sind statischer, weniger aktivistisch. So zeigt Per Kleivas Triptychon "Blatt aus dem Tagebuch des Imperialismus" – womöglich Norwegens bekannteste Kriegsdarstellung – dreimal die gleiche Wiese in Popartmanier und jedesmal wird das Klischee einer friedlichen Landschaft auf andere Art militärisch eingenommen. Matias Faldbakken platziert eine riesige Installation aus Gasflaschen in der Ausstellung. Kuratorin Kari Brandtzæg holte auch etliche Werke von Per Krohg in die Ausstellung, international wohl am besten bekannt für das große Gemälde im Sitzungssaal des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen in New York.

Kvam hingegen arbeitet beinahe wie ein Journalist. Er will die Soldaten nicht nur identifizieren, sondern auch treffen. "Ich würde sie gerne besuchen und befragen," sagt er. Noch aber suchen seine in Oslo platzierten Computer in den Untiefen des Netzes nach den "auserwählten Fünf".

Krigens skygge: Politisk kunst i Norge 1914–2014

bis 29. März 2015 im Kunstnernes Hus in Oslo
http://www.kunstnerneshus.no/kunst/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de