Susanne Gaensheimer - Venedig Biennale

Die europäische Idee im globalen Kontext

Diese Woche startet die 55. Venedig Biennale. art-Redakteurin Ute Thon sprach mit Susanne Gaensheimer, die nach 2011 zum zweiten Mal den deutschen Pavillon kuratiert, über den Deutschlandbezug der vier ausgewählten Künstler, die Globalisierung der Kunst und die Schwierigkeiten der diplomatischen Etikette.
Interview:Susanne Gaensheimer im Interview mit Ute Thon

Die Kuratorin des deutschen Pavillons Susanne Gaensheimer

art: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie ein zweites Mal den deutschen Pavillon kuratieren konnten?

Susanne Gaensheimer: Das Auswärtige Amt ist auf mich zugekommen. Die wollten das unbedingt noch mal mit mir machen. Dann haben wir ein Jahr lang noch mal die Rahmenbedingungen diskutiert, und sie haben die tatsächlich wesentlich verbessert.

Doch was den Ablauf angeht, ist das immer noch schwierig. Zum Beispiel wäre diesmal gern Außenminister Westerwelle zur Eröffnung gekommen, das hätte ich schön gefunden. Aber er kann nur kommen, wenn auch der französische Außenminister kommt, und der hat kurzfristig abgesagt. Das hat dann schon Folgen auch für die Abwicklung vor Ort. Diesmal wird es auch keinen großen Abendempfang geben. In unserem Budget wäre das auch gar nicht drin.

Wäre das nicht Sache des Sponsors?

Eigentlich schon, oftmals nutzen das Hauptsponsoren, doch unser Hauptsponsor, die Kulturstiftung des Deutschen Sparkassenverbandes, will lieber etwas Kleineres machen. Wir haben intensiv auch nach anderen Sponsoren gesucht, aber das ist vielleicht auch etwas Deutsches, dass es gar nicht mehr so leicht ist, einen Sponsor für den Pavillon zu finden. Die Franzosen hatten letztes Mal Pierre Cardin und Renault. Vielleicht ist die Zeit der großen Feiern in Venedig auch vorbei. Wir machen jeden Tag um 18 Uhr einen kleinen Jour Fix, wo wir einem Aperitiv ausgeben und alle einladen, die hier auf den Giardini arbeiten und zur Eröffnung kommen, und jedes Mal etwas Überraschendes passiert. Außerdem gibt es am 31. Mai eine Podiumsdiskussion, die wir mit Künstlern und Autoren hier vor dem Pavillon veranstalten.

Apropos Überraschung: Rechnen Sie damit, dass Ai Weiwei nach Venedig kommen wird?

Das ist ganz schwierig zu sagen. Die chinesischen Behörden haben gesagt, sein Fall sei abgeschlossen. Trotzdem haben sie ihm bis heute seinen Pass nicht zurückgegeben. Das könnte aber jeden Tag passieren. Ich glaube, er hat Angst, dass, wenn er jetzt ausreisen würde, er möglicherweise nicht mehr zurück kann. Und er hat ja Familie in China, auch ein Kind. Deshalb ist das wahnsinnig schwierig für ihn. Gerade deshalb finde ich es wichtig, dass er hier mit einer Arbeit präsent ist.

War Ai Weiwei denn der erste Künstler, an den Sie gedacht haben?

Man muss das ein bisschen anders sehen. Es war von Anfang an klar, dass es möglicherweise zu dem Tausch der Pavillons kommt. Dann habe ich überlegt, was ich in so einem Fall machen könnte. Natürlich habe ich da auch über die deutsch-französische Achse nachgedacht, aber das wäre mir zu eng gefasst gewesen. Weil man ja auch nicht wissen konnte, wie sich die aktuelle politische Situation entwickelt und ich das nicht illustrieren wollte. Der Tausch ist ein gewünschtes Statement, und wir Kuratoren und Künstler betrachten das in einem größeren Kontext. Grundvoraussetzung dafür war, dass die Künstler damit einverstanden sein mussten. Und die konnten sich mit diesem Tausch sehr identifizieren, auch weil sich dieses Infragestellen von Nationalität in ihrem Werken wiederfindet.

Wie verhält sich der Pavillon 2013 denn zu dem von 2011, als Sie posthum Christoph Schlingensief gezeigt haben?

Ich hatte mich ja schon mit Christoph Schlingensief intensiv mit der Frage nationaler Repräsentation und Monumentalität hier im deutschen Pavillon beschäftigt. Er hätte mit seinem Afrika-Projekt, das er geplant hatte, diese nationale Idee total zersetzt. Das war ein Schritt, eine Reflexionsebene, hinter die ich nicht mehr zurück wollte. Bei mir war also sehr schnell klar, dass das europäische Thema nur dann interessant ist, wenn man es in einen globaleren Kontext sieht. Wir identifizieren uns mit der europäischen Idee in einem globalen Kontext. Die vier Künstler, die ich ausgewählt habe, ob deutsch oder nicht-deutsch, sind alles Künstler, die ein festes Standbein in Deutschland haben.

Was sind denn ganz konkret die Bezüge der Künstler zu Deutschland?

Dayanita Singh ist quasi mit Steidl verheiratet, der Verlag macht jedes Buch mit ihr. Santu Mofokeng lässt alle seine Prints von einem Labor am Prenzlauer Berg machen und hat hier zum Beispiel einen Sammler: Artur Walther. Bei Ai Weiwei ist das sowieso klar. Er hat ja auch ein Atelier in Berlin und die Aussicht auf eine Professur dort. Es gibt außer diesen Bezügen auch noch eine inhaltliche Klammer, die mich interessiert hat. Diese vier Künstler reflektieren in ganz unterschiedlicher Form in ihrem Werk, wie eine Veränderung der Welt in den letzten Jahren durch Modernisierung und Internationalisierung ihre Lebenswelt beeinflusst hat.

Und an wen hatten Sie bei ihrem jetzigen Pavillon-Konzept nun zuerst gedacht?

An Romuald Karmakar hatte ich ja ansatzweise schon bei der letzten Biennale gedacht und auch mit ihm schon gesprochen. Und auch an Ai Weiwei hatte ich schon früh gedacht, aus zwei Gründen, weil das die Zeit war, wo er so präsent war in Deutschland, dann war er seinerzeit ja gerade in Haft gekommen. Ich finde es auch wichtig, dass man Deutschland mal von der internationalen Warte betrachtet. Wenn Sie sich ansehen, wie die Kunstwelt heute aussieht, dann ist Berlin der Ort, an dem die meisten internationalen Künstler leben, nicht nur für ein Studium oder Stipendium, die lassen sich dort nieder und haben Familien dort. Und da gehörte Ai Weiwei eigentlich auch dazu, wenn er einen Pass hätte. Parallel dazu habe ich mich mit Dayanitas Arbeit sehr intensiv beschäftigt, und mit Santu ist etwas passiert, das ich ganz wichtig finde. Er hat beklagt, dass 95 Prozent der Bilder, die wir von Afrika haben, von Weißen, also Europäern gemacht wurden. Wo sind eigentlich die Bilder von den schwarzen Fotografen? Warum kennen alle David Goldblatt und niemand Santu Mofokeng?

Was erwarten Sie von der Ausstellung?

Dass sie Perspektiven öffnet, andere kulturelle Sichtweisen zeigt und auch deutlich macht, dass wir in einem Zustand zunehmender Internationalisierung leben und Deutschland nun mal ein Einwanderungsland ist. Das wird sich nicht mehr ändern, das ist die Herausforderung an uns: uns anderen Perspektiven zu öffnen.

Gab es von Seiten des Auswärtigen Amtes Irritationen wegen Ihrer Entscheidung?

Das hat mich überrascht. Die fanden die Idee von Anfang an gut. Die sprechen von Weltkunst. Das sind natürlich alles Leute, die jahrelang in allen Teilen der Welt gelebt haben, bevor sie nach Berlin kommen und wissen, dass die Kunst eine Weltkunst geworden ist und die europäische Kultur nicht mehr Leitkultur ist.

Wieviel Freiheit haben Sie den Künstlern gegeben?

Das war sehr unterschiedlich. Bei Dayanita war es so, dass ich einen Vorschlag gemacht habe, der sich um den Werkzyklus Myself Mona Ahmed dreht, und der hat sich dann sehr verändert über die Zeit, bei Santu war der Ausgangspunkt seine „Chasing Shadows“-Serie, aber die haben wir jetzt mit drei anderen Werkzyklen kombiniert. Bei Romuald haben wir gemeinsam überlegt, was können wir zeigen, und bei Ai Weiwei war die Situation sehr offen. Ich habe ihm die Situation geschildert, er hat einen Vorschlag gemacht, und so ist letztlich die Skulptur entstanden. Ich fühle mich dabei wie ein Moderator. Wir haben immer versucht, zwischen den Künstlern zu vermitteln. Letztlich war das Ganze ein organischer Prozess, bei dem sich bis zuletzt auch immer noch was ändern konnte. So hat Dayanita kurzfristig entschieden, einen kurzen Film zu zeigen.

Wie sehen Sie das Zusammenspiel der Einzelnen – sind das vier Einzelpräsentationen unter einem Dach?

Das ist eine Gruppenausstellung, wo alle Arbeiten in unterschiedlicher Form um ein Thema kreisen. Die Arbeit von Ai Weiwei ist für mich eine Metapher, die metaphorisch vorwegnimmt, was dann in den drei anderen Räumen noch einmal ausgeführt wird. Seine Skulptur besteht ja aus diesen dreibeinigen Hockern, die eine wichtige kulturhistorische Bedeutung in China haben. Jede chinesische Familie hatte so einen Hocker, die wurden über Generationen vererbt, darauf wurde gesessen, darauf wurde Küchenarbeit gemacht, der Hocker wurde als Hochzeitsgeschenk verschenkt. Von der Konstruktion sind sie gleich, egal aus welchem Teil Chinas sie stammen, aber von ihren Spuren sind sie total individuell. Seit der Kulturrevolution und der Modernisierung gibt es diese Hocker nicht mehr. Sie wurden durch Plastikstühle ersetzt. Er hat sie über Jahrzehnte gesammelt aus der gesamten Republik und macht daraus einen wildwuchernden Organismus, der einen an das wilde Wachstum der asiatischen Mega-Cities erinnern könnte oder an das Verhältnis des Einzelnen zu dem System um ihn herum. Das steht für mich als Sinnbild, das zu den anderen Räumen führt. Es gibt aber auch zwischen den Räumen inhaltliche Bezüge, visuelle Parallelitäten, von denen ich mir wünsche, dass sie für den Betrachter sichtbar werden.


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55th International Art Exhibition Venedig

Termin: 1. Juni bis 24. November 2013
http://www.labiennale.org