Schätzchen: Cyprien Gaillard - Künstlerbücher

Hundert Variationen auf ein Thema

Nichts verleiht einem Raum mehr Wärme als eine Wand voller Bücher. In der Serie "Schätzchen" zieht art die schönsten Künstlerbücher aus den Regalen. Diesmal: "Geographical Analogies" von Cyprien Gaillard
Zweiter Teil der neuen Online-Serie:Diesmal: "Geographical Analogies"

Cyprien Gaillard: "Geographical Analogies", 2010, gestaltet von Ludovic Balland

Wie hängen Golfplätze in England und Frankreich mit schottischen Friedhöfen zusammen? Was verbindet einen U.S.-Highway im öden Nevada und ein modernistisches Wohnhochhaus im englischen Sheffield mit der Ruine der britischen St.-Anthony’s-Kapelle? Sie wurden erstens von Cyprien Gaillard mit der Polaroidkamera fotografiert. Zweitens wurden die Fotos vom Künstler zu jeweils einem rautenförmigen Tableau gruppiert.

100 solcher jeweils neun Polaroids umfassenden Rhomben hat der Künstler schließlich drittens unter dem Titel "Geographical Analogies seit 2009 an verschiedenen Orten ausgestellt, bevor sie viertens nun vom JRP|Ringier-Verlag zu einem Künstlerbuch gebündelt wurden. Sie weisen fünftens – wenn auch nur zum Teil und bloß grobe – formale Ähnlichkeiten auf. Vor allem aber stellt der Künstler inhaltliche Verbindungen zwischen kultivierten Landschaften, Ruinenarchitektur, an allerlei gemahnenden Monumenten und leerstehenden Wohnsiedlungen her. Im Wesentlichen lassen sie sich auf den gemeinsamen Nenner der Vergänglichkeit bringen.

Einen "Weltatlas gegen das Verschwinden" nennt Rein Wolfs, Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, das Projekt in seinem Vorwort zu den hundert Variationen auf Gaillards Thema. Es bringt Zeugnisse untergegangener Hochkulturen verschiedener Epochen zusammen, die der 1980 in Paris geborene Künstler bei Reisen rund um die Welt eingesammelt hat. Er wurde im Umfeld mexikanischer Maya-Pyramiden und Tempelanlagen des kambodschanischen Angkor Wat ebenso fündig wie in leerstehenden Sozialwohnsiedlungen, deren aktuelle Funktionslosigkeit mit dem mittlerweile historischen Fortschrittsglauben kontrastiert, dem sie ihre Existenz verdanken. Sie stehen heute so nutzlos und anachronistisch in der Landschaft herum wie die unsprengbaren Atlantikwallbunker oder Wracks von liegengebliebenen Autos in der amerikanischen Wüste. Und verdienen dabei doch vielleicht keine geringere Würdigung als das von Gaillard hinzuassoziierte römische Pantheon oder die vom New Yorker Museum of Natural History bewahrten Gesteinsproben.

Gaillards Buch, dessen Einband mit seinen in schwarz-blaues Lederimitat gravierten Silberlettern Assoziationen zu die Zeiten überdauernden Enzyklopädien und Atlanten weckt (Gestaltung: Ludovic Balland), begleitet vier Einzelschauen, die er seit 2009 in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, dem FRAC Champagne-Ardenne in Reims, der Kunsthalle Basel und im Frankfurter MMK-Zollamt gezeigt hat. Kein Katalog im engeren Sinne, sondern in seiner konzeptuellen Strenge eher ein Kunstwerk eigenen Rechts, mit dem Gaillard in einer raffinierten Wendung einem so schnell verblassenden Material wie dem Polaroid ein der Vergänglichkeit trotzendes Denkmal setzt.

Doch nicht erst, wenn Gaillard in einem seiner Tableaus eine von allem Leben verlassene amerikanischen Geisterstadt mit dem in einem Dinosaurierpark gewürdigten letzten Exemplar einer ausgestorbenen Art kurzschließt, erfasst den Betrachter die ungemütliche Ahnung, dass jeder Golfplatz, jedes Buch und alle noch so fortschrittlich gesinnte Gegenwart wohl auch nur dem nächsten Untergang geweiht sind.

"Geographical Analogies"

von Cyprien Gaillard, JRP/Ringier 2010, 224 Seiten, ISBN: 9783037641484, 60€