Thomas Zipp - München

Ritt durch die Unterwelt

Der Berliner Künstler Thomas Zipp hat die Sammlung Goetz in München mit seinen Wahnbildern in ein Reich der Finsternis verwandelt.

Der Berliner Künstler Thomas Zipp ist berüchtigt für seine ironisch-dunklen Eingebungen. Wer aber sind die von Zipp seit Jahren bis in die Unterwelt verfolgten "Psychonauten"? Mit Arbeiten, die größtenteils seit längerem in Besitz der Privatsammlerin Ingvild Goetz sind, bestückt der Kunstmarktaufsteiger nun seine jüngste raumübergreifende Installation über Luther und die Macht der Amphetamine.

Eine Invasion von schwarzen Mega-Pillen versetzt derzeit Münchens Kunstwelt in Unruhe. Riesengroße Amphetamin-Kapseln der skulpturalen Art haben sich im Untergeschoss der Sammlung Goetz zu einem ganzen Depot breit gemacht. Schwere Geschosse aus schwarz lackiertem Holz, die zugleich an Atombomben und ähnlich weltbedrohende Massenvernichtungsmittel erinnern.

Bei Thomas Zipp verläuft der Gedankensprung von der Bombe zu den Amphetaminen ebenso blitzschnell wie der von dem Kernspalter Otto Hahn zu dem Reformator Luther. Überhaupt sucht der in Berlin lebende Künstler die christlich aufgestellten Pole von Gut und Böse als immer auch verblendetes Wertesystem auszuhebeln. Und um den Spagat zwischen Wissenschaft und Okkultem, zwischen Vernunft und Wahn bildnerisch zu bewältigen, fährt der Neo-Gothic-Künstler alle möglichen Medien bis hin zum Film auf. Eine seiner Thesen: Weder Luther noch Hahn hätten mit der teuflischen Kettenreaktion ihres an sich positiv gerichteten Tuns gerechnet. Mit "Luther & the Family of Pills" – so der Untertitel der Ausstellung – führt er hakenschlagend in außer Kontrolle geratene Denksysteme.

Überdosis an Weltverschwörungsgeist

Die Sammlung Goetz ist nach der Zippschen Intervention jedenfalls nicht wiederzuererkennen. Weil der 1966 geborene Künstler den White Cube für seine Kunst ablehnt, hat er den Bau von Herzog & de Meuron in ein Reich der Finsternis verwandelt. Die im Obergeschoss umlaufende Glaszone wurde abgedunkelt, der schwarze Teppichboden bis über die Kanten und Ecken hochgezogen, so dass sich klare architektonische Bezugspunkte verlieren. Modernistische tonnenschwere Leuchter mit Neonröhren erhellen hier und da grell den Raum wie zu einem Verhör. In diesen verunklärten Räumen setzt Zipp seine Malerei und Graphisches pointiert wie Peitschenschläge: Harlekins, Schreiende à la Munch, verkitschte Akte und jede Menge Strahlenvokabular. Zipp ist zusammen mit Ernst Jünger, LSD-Papst Timothy Leary und anderen den so genannten "Psychonauten" auf der Spur. Allen Experimentalrittern der bewusstseinserweiternden Erfahrungen gehört seine ironische Bewunderung. Zipp selbst wiederum fand bereits vor seiner Weltkarriere hartnäckige Anhänger: Die Kuratoren Veit Loers und Zdenek Felix sah man unter dem von all der Schwarzseherei betörten Preview-Publikum in München. Veit Loers war es auch, der den Begriff "narrativer Konzeptualismus" für Zipps krause Erzählungen prägte. Zipp lenkt scheinbar Vertrautes und historisch abgesegnete Figuren schlaglichtartig auf dunkles Terrain um.

Erstaunlich, wie konzentriert und zugleich manisch es Zipp gelingt, den gesamten Museumsbau mit seinen längst in der Sammlung von Ingvild Goetz vorhandenen Arbeiten unter neue Vorzeichen zu setzen. In einem Raum huldigt er den Surrealisten, verunstaltet das zur Malereivorlage genommene berühmte Gruppenporträt "Au rendez-vous des amis" von Max Ernst via Collage zu einer Séance von Untoten aus der Geisterbahn. Ein großer Auftritt für Zipp, der nur im Abgang, im Souterrain etwas müde wirkt. Zum Abschluss des Ritts durch die Unterwelt wartet ein düsterer Thronsaal, mit dessen plump und breit auf einem Treppenpodest gelagertem Sitz sich Zipp etwas verhoben hat. Am Ende verlässt man die multiplizierten Zippschen Höhlengleichnisse, der Besinnungslosigkeit nahe. Zipps Überdosis an Weltverschwörungsgeist gebiert kleine Ungeheuer, keine Frage. Der Künstler selbst gibt sich unerwartet heiter an diesem Abend. Die Kappe tief ins Gesicht gezogen, beobachtet er mit neugierigen Wiesel-Augen die Reaktionen seiner Anhänger. Am liebsten würde er sich einmal über die Sixtinische Kapelle im Vatikan hermachen, sagt er. Auch das sollte man nicht zu ernst nehmen.

"Thomas Zipp. Mens Agitat Molem. Luther & The Family of Pills"

Termin: bis 2. Oktober, Sammlung Goetz, München. Nach telefonischer Anmeldung unter: 089 - 95 93 96 90. Katalog: 35 Euro.
http://www.sammlung-goetz.de/