Louvre Lens - Eröffnung

Louvre Light

Die ehemalige Bergbaustadt Lens in der nordfranzösischen Provinz Nord Pas de Calais erhält einen Ableger des Pariser Louvre. Das Museum, ein Entwurf des japanischen Büros Sanaa, wurde nun offiziell eingeweiht.
Willkommen bei den Sch'tis:Lens erhält einen Ableger des Pariser Louvre

Frankreichs Präsident Francois Hollande vor dem Gemälde "La Liberté Guidant le Peuple" (1830) von Eugene Delacroix während der offiziellen Einweihung des Louvre-Lens am 4. Dezember

500 Journalisten reisten zur Pressekonferenz an und die offizielle Einweihung am 4. Dezember erfolgte durch den französischen Präsidenten Francois Hollande höchstpersönlich: Die Eröffnung des ersten Ablegers des Pariser Louvre in der französischen Provinz wurde inszeniert als Staatsaffäre.

Finanziert von Zentralregierung, Region Nord Pas de Calais, Europäischer Union und zahlreichen Sponsoren, besticht der Louvre Lens durch innovative Baukunst, die sich in die von Bergbau und Granattrichtern aus beiden Weltkriegen verschandelte Landschaft schmiegt und auf jede große architektonische Geste verzichtet. Auf den ersten Blick kokettieren die Pritzker-Preisträger der japanischen Agentur Sanaa mit der Anmutung eingeschössiger Zweckbauten, erst beim Betreten spielen sie raffinierte Eleganz und perfekte Lässigkeit aus. Immer nimmt die Architektur sich zurück zum Wohle der kleinen, aber hochkarätigen Sammlung und des großen, leuchtenden Namens, der aus der ehemaligen Bergbaustadt Lens, so der Präsident der Region Nord Pas de Calais Daniel Percheron, zugleich "blühendes Ruhrgebiet und ein kulturelles Bilbao des Nordens" machen soll.

Aber das wird wohl kaum klappen. Denn der Louvre Lens hat mit dem Pariser Louvre zwar den Namen und einige prominente Kunstwerke gemein, wirkt aber, trotz der gelungenen Architektur, nie wie ein eigenständiges, attraktives Museum. Er bleibt ein provinzieller Ableger der Pariser Weltmarke, ein Louvre light, missionarisch in eine der unattraktivsten Gegenden Frankreichs verpflanzt, in eine Stadt von 37.000 Einwohnern, die drittärmste der Grande Nation, in der es nicht einmal ein Kino gibt. Aber eben ab dem 12. Dezember für die krisengebeutelte Bevölkerung einen 150 Millionen Euro teuren, echten Louvre mit 20 Hektar Park, gleich neben dem Fußballstadion, bisher der einzigen Freizeitattraktion der Gegend.

Die Idee kulturelle Aufwertung von Frankreichs Regionen durch Streuung der staatlichen Sammlungsbestände stammt vom damaligen Kulturminister Jeqan-Jacques Aillagon. Erst schuf das Centre Pompidou einen Ableger in Aillagons Heimatstadt, dem lothringischen Metz, der dank fesselnder Sonderschauen heute eine stolze Million Besucher jährlich ausweist. Louvre-Direktor Henri Loyrette suchte sich dagegen vor acht Jahren gegen sechs Konkurrenz-Städte das gut eine Zugstunde von Paris gelegene Lens für einen Ableger aus, der "den Pariser Louvre weder ersetzen noch komplementieren, sondern vorstellen sollte." Lens als Reklamestopp auf dem Weg nach Paris? "Keinesfalls", beteuert Xavier Dectot, der jugendlich wirkende Direktor des neuen Hauses, vorher im Pariser Mittelalter-Museum Cluny aktiv, "uns geht es um das Gegenteil von Gigantomanie. Wir wollen eine menschliche Dimension dank der Alchimie vom Weltruhm des Louvre und dem Interesse der örtlichen Bevölkerung, von Freizeit und Kultur, von modernster Architektur und alter Kunst."

205 Werke aus der Louvre-Sammlung, die eine Zeitspanne von über fünftausend Jahren umspannen, sind im 120 Meter langen Hauptsaal, der "Galerie du Temps", ausgestellt. Nicht gerade viel für eine der reichsten Sammlungen der Welt, Abu Dhabi dürfte deutlich mehr bekommen. Allerdings sind einige sehr prominente Arbeiten dabei: Il Perugino, Rembrandt, Raffael, jeweils mit einem Werk vertreten, und viel Französisches, Poussin, Le Lorrain, De la Tour, Corot, Ingres und natürlich ein berühmter Delacroix, dessen mit der Trikolore bewehrte Frauenfigur der Freiheit 1830 das Volk auf die Barrikaden führt. La Grande Nation ist stolz auf seine Geschichte, der Louvre Lens ein politisches Symbol für die dezentralistische Verantwortung der Republik.

Ein wenig Mesopotamien und Ägypten, kaum Islamisches, nichts Präkolumbianisches oder gar Schwarzafrikanisches: Die Auswahl der Werke ist strikt eurozentristisch, eine erste Sonderausstellung im 1800 Quadratmeter großen Anbau gilt der europäischen Renaissance, im Juni folgt "Europa zur Zeit von Peter Paul Rubens". Weil man der regionalen Bevölkerung mehr Exotik nicht zumuten will? Die erste Hängung bleibt für fünf Jahre, allerdings jährlich mit einem Fünftel rotierender Leihgaben. Ziel ist es, so Direktor Dectot, das Publikum zum Wiederkommen zu bewegen.

Der Vorwurf des "Louvre light" ist aber nicht nur Verballhornung einer guten, doch nur halbherzig realisierten Absicht. Das Wörtchen "light" nimmt auch Bezug auf das einmalige Licht des Nordens, von dem die Architekten sagen, es sei die größte Herausforderung für sie gewesen. Das Nordlicht ist entweder extrem weich und diffus oder es ist gar nicht, weil es düster bleibt im Lande. Im Winter zum Beispiel ist die Luminosität Nordfrankreichs so troslos, dass sein wichtigster Malerspross, Henri Matisse, zum Kunststudium nach Paris umgezogen, sein Leben lang nicht mehr in die düstere Heimat zurückkehren mochte.

Wegen dieses diffusen Lichtes überzogen die Architekten große Strecken des fünfteiligen Baus mit einer silber reflektierenden, aber nie spiegelnden Aluminiumhaut, die sich im Inneren der "Galerie du Temps" fortsetzt, wo sie Besucher und Werke unscharf reflektiert und so für zusätzliche Raumtiefe sorgt. Fenster gibt es keine, aber durchgehendes, durch bewegliche Lamellen mehrfach gefiltertes und durch warme Kunstlichtspots ergänztes Oberlicht. Ganz anders dagegen der von Rotunden geprägte Glas-Pavillon und die durchgehend verglaste Empfangshalle, beide mit Blick auf Park und nahe Bergbausiedlungen mit roten Ziegelbauten: Hier wird die Sonne – wenn sie denn mal scheint – regelrecht aufgesogen, es herrscht der Eindruck von Transparenz und Leichtigkeit. Der im Untergeschoss noch verstärkt wird durch die geniale Idee, Lager und Restaurationswerkstatt hinter deckenhohen Glasscheiben einsehbar zu halten: Das Museum gibt sein Innerstes preis.

Dieses Zurschaustellen seines Innenlebens ist Teil des didaktischen Prinzips des Louvre Lens: Einem eher ungebildeten, mit über 15 Prozent Arbeitslosigkeit gestraften Publik Einblick in Museum und bürgerliche Kunstgeschichte zu geben. Zahlreiche interaktive Tische mit Touchscreen, digitale Informationsborne und nicht zuletzt ein Audioführer mit hochauflösendem Bildschirm und virtuellem Rundgang in 3D stillen jede Form von Spieltrieb und Wissensdurst. Die transversale Gliederung der Sammlung in der leicht abschüssigen "Galerie du Temps", auf deren rechten Wand eine Zeitskala die letzten 5000 Jahre verdeutlicht, sorgt trotz ihrer streng chronologischen Hängung ebenfalls für pädagogischen Mehrwert; sie erlaubt es, Griechen und Ägypter, Mittelalter und Kleinasien gleichzeitig im Blick zu halten – neugierigen Besuchern wird die erste Begegnung mit den Alten Meistern leichtgemacht.

Louvre Lens

Die Eröffnung des Museums für das Publikum folgt am 12. Dezember 2012
http://www.louvre.fr/en/louvre-lens-0

Mehr zum Thema auf art-magazin.de