Lee Friedlander - America by Car

Amerika im Rückspiegel

Wie bereits Generationen von Künstlern zuvor machte auch Lee Friedlander sich auf, nur mit einer Kamera bewaffnet: Die Ausstellung "America by Car" im Whitney Museum dokumentiert Friedlanders Roadtrip aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel.

Die Leica einzupacken und mit dem Auto durch die Weiten des Landes zu fahren, sich durch Einöden, durch die Natur, durch Orte, Großstädte oder in entlegene Winkel treiben zu lassen hat Tradition in der amerikanischen Kunstgeschichte
und der Fotografie. Mit ihrer Street Photography, mit der sie wie in einer unerbittlichen Sozialstudie die Menschen und ihr Land portraitierten, beeinflussten die großen Vorbilder wie Walker Evans, Robert Frank, Garry Winogrand und Lee Friedlander Generationen von Fotografen. Der 76-jährige Friedlander nahm sich das klassische Genre des Roadtrips wieder vor – und schoss Fotos, ohne das Auto zu verlassen. Seine Bilder des heutigen Amerikas fotografierte er über einen Zeitraum von 15 Jahren aus dem Leihwagen heraus.

Die Autoarmaturen und Türverkleidungen dienen als Rahmen für seine Schwarzweiß-Fotos, Windschutzscheibe und Seitenfenster als Leinwand. Der Rück- oder Seitenspiegel eines ordinären Toyotas oder Chevys zeigt Bilder im Bild. "America by Car" mit 192 Aufnahmen erschien nicht nur als Fotoband, sondern wird auch in einer kleinen, dicht gehängten Ausstellung im New Yorker Whitney Museum gewürdigt. Friedlander arbeitet mit seiner Hasselblad mit Super-Weitwinkel. Amerikas Plastikwelt stellt er mit dem billigen Kunststoff-Interieur der Leihwagen in den passenden Kontext.

Mit seiner Kamera fängt er absurde Eiswaffel-Nachbauten in Alaska, Bremsspuren in Montana, Stoppschilder, Kriegsmonumente, aufgeblasene Weihnachtsmänner, amerikanische Flaggen, religiöse Sprüche, den Aufruf, die US-Truppen zu unterstützen, Kirchen, Gemeindezentren, einen Truck mit einer Anzeige für eine Sex-Hotline oder die wie Papphäuser wirkenden Hotels von Las Vegas ein. "Beziehungen sind wie Leihwagen", steht kryptisch auf einem Schild geschrieben. "Keine Verpflichtung."

Friedlanders Amerika sieht nicht selten deprimierend öde aus. In manchen Fällen lässt sich schwer sagen, ob die Bilder vor drei oder 30 Jahren geschossen wurden. Die schönen Seiten offenbaren sich, wenn der Fotograf seinen Blick auf die Natur in der Wüste von Kalifornien oder auf die schroffen Felsen in New Mexico fallen lässt. Selbst, wenn er Freunde wie den Fotografen Richard Benson, den legendären, 2007 verstorbenen Kurator des Museum of Modern Art John Szarkowski oder die Künstlerin Maya Lin fotografierte, blieb Lee Friedlander in seinem Auto sitzen. In einigen Bildern ist er im Rückspiegel zu sehen, in einem Foto zeigt er sich hinter dem Steuer.

Musik zu hören, gehört bei jedem Roadtrip und besonders bei Musikliebhaber Friedlander dazu, wie ein Video von 2009 zeigt. Eine Platte von Jazzlegende Charlie Parker, die er mit 16 Jahren gehört hatte, motivierte ihn dazu, seine Heimatstadt Aberdeen in Washington zu verlassen, Fotografie in Pasadena zu studieren und sich auf nach New York zu machen. Von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren schoss er Cover für Jazz- und Rhythm-and-Blues-Musiker für Atlantic Records. Mitte der achtziger Jahre wurde er mit seinen Nacktfotos der damals noch unbekannten Madonna bekannt. Als der ehrwürdige New Yorker Friedlander 2005 anlässlich seiner Retrospektive im Museum of Modern Art um ein Interview bat, lehnte der Meister höflich ab. Er würde die Energie seines restlichen Lebens lieber in die Fotografie fließen lassen und so viele Bilder wie möglich schießen.

America by Car

Termin: bis zum 28. November 2010 im Withney Museum of American Art,
945 Madison Avenue, 75th Street, New York
http://www.whitney.org

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