Transmediale.08 - Medienkunst

Pixel-Muster, Popkultur und Flugzeugabgase

Seit den neunziger Jahren ist das Internet das größte Paranoia-Medium: Es gibt keinen anderen Ort der Welt, in dem Parawissenschaften, Desinformationskampagnien und Verschwörungstheorien mit solch geballter Macht auftreten – ein gefundenes Fressen für die Kunst. Deshalb widmet sich das heute in Berlin beginnende Transmediale-Festival ganz diesem Thema. Ein Rundgang durch die Welt der konspirativen Medienkunst
Chaos, Terrorismus und schwarze Löcher:Über die Kunst der Verschwörung

Bizarrer Diskurs um Flugzeugkondenzstreifen: Christoph Keller, "The Chemtrails-Project", 2006

"So einfach ist es!", scheinen zwei Schwarzweißfotos sagen zu wollen, die an zentraler Stelle in der soeben eröffneten Begleitausstellung des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale hängen: Bild Nummer eins zeigt einen in freier, gebirgiger Landschaft stehenden Mann eine große weiße Scheibe in die Luft haltend.

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Strecken Teaser

Im zweiten Bild wird das Ding in die Luft geworfen, es scheint über den Wipfeln zu schweben und ähnelt so den unzähligen grobkörnigen Schnappschüssen unbekannter Flugobjekte, die in der kurzen Geschichte der Fotografie ein eigenes, geisterhaftes Genre bilden. "Demonstrative Cultural Situation 1 & 2 (U.F.O.)" hat der slowakische Künstler Julius Kollar sein Dyptichon aus dem Jahr 1989 genannt, das tatsächlich mit zwei Bildern den Prozess einer Wissensproduktion beschreibt, die sich zumeist aus dem Mangel an gesicherter Information speist. In diesem Fall funktioniert es so: Man muss sich nur den Mann wegdenken, den Bildausschnitt verändern – schon sieht man etwas anderes, stellt sich ein raunendes Wissen ein, dass sich fast ausschließlich aus der Spekulation nährt.

Seit Kollar Ende der Achtziger sein Dyptichon produzierte, ist viel passiert. Mit dem Internet etablierte sich in den Neunzigern das Paranoia-Medium Nummer eins. Es gibt keinen anderen Ort der Welt, in dem sich Parawissenschaften, Desinformationskampagnien und Verschwörungstheorien mit solch geballter Macht auftreten wie hier – ein gefundenes Fressen für die Kunst. Deshalb ist es hilfreich, das Netz als Subtext der von der in Paris lebenden slowenischen Kuratorin Nataša Petrešin-Bachelez zusammengestellten Schau mit über dreißig Arbeiten internationaler Künstler zu begreifen, doch die klassische "Netzkunst", welche die Ausstellungsbesucher in der vergangenen Dekade immer wieder nötigte, auf Computerscreens zu schauen und klobige Touchpads zu bedienen, ist endgültig passé.

Wie eine zeitgenössische Fortsetzung auf Kollars Fotografiestudien wirkt zum Beispiel "Chemtrails", der Beitrag des Berliner Künstlers Christoph Keller, der mit Video- und Fotomaterial den bizarren Diskurs um Flugzeugkondenzstreifen dokumentiert, der seit einigen Jahren im Netz tobt. Anhänger der Chemtrail-Theorie glauben, daß nicht nur Flugzeugabgase, sondern auch durch Flugzeuge versprühte gefährliche Chemikalien und geheime Klima-Technik-Experimente die charakteristischen Streifen am Himmel hevorrufen – der anschwellende
Diskurs nötigte schließlich das Umweltbundesamt zu einer gegenaufklärerischen Informationskampagne. Auf den Schnappschüssen vom Himmel, die Keller in einschlägigen Foren sammelte und nun in drei Großrahmen mit je 36 Abzügen ausstellt, wird der Himmel zu einer Folie, vor deren Hintergrund nicht die Natur die Bedrohung darstellt,
sondern die unheimliche menschliche Technik.

Charakteristisch-erratische Pixel-Muster verschmelzen mit Ikonen der Popkultur

Freilich zeigt Kellers Arbeit jedoch auch noch etwas ganz anderes als das Erstarren vor intransparenten und deshalb mysteriösen militärischen oder wirtschaftlichen Instanzen. Es geht auch um den menschlichen Zug zur eigenwilligen Interpretation der Wirklichkeit, dem Entstehen einer unkontrollierbaren Erzählung, die sich fern der großen Medienkanäle entfaltet. Eine Art moderner Märchenkultur, die sich ungefragt der digitalen Sphäre bemächtigt hat. Jenes Feld bearbeitet auch die russisch-französische Künstlerin Olga Kisseleva, deren großformatige Prints über das gesamte Haus der Kulturen der Welt verteilt sind. Hier verschmelzen die charakteristisch-erratischen Pixel-Muster so genannter QR-Codes mit Ikonen der Popkultur wie Marylin Monroe. Wer sich im Foyer ein kleines Programm
auf sein (hoffentlich kompatibles) Kamera-Mobiltelefon spielen lässt, kann die zweite Ebene der Arbeit entziffern: alte Sowjetparolen und neokapitalistische Reklameslogans: Ist die neue Technik wirklich so indifferent gegenüber den Ideologien? Kisselevas "Crossworlds" ist beinahe schon ein altmodisch wirkendes Beispiel für jene "interaktive" Medienkunst, die sich ihre Technologien zunehmend mit Werbeindustrie und Interface-Design teilen muss und sich deshalb nicht auf die Techno-Faszination allein beschränken darf.

Wie das gehen könnte, zeigt die Arbeit "Endo" (2007) der Künstlerin Verena Friedrich, über die man beim Schlendern durch die Transmediale-Lounge stolpert. Friedrich konstrierte einen schwarzen, biomorphen Kasten, der wirkt als sei er aus Ridley Scotts "Alien" herausgefallen. Mehrere geheimnisvolle Löcher sind in die panzerartige Oberfläche eingelassen, ohne jedoch einen Blick in das Innere der schwarzen Box zu ermöglichen. Durch die Öffnungen, so
teilt die Künstlerin mit, würden sieben verschiedene Umgebungsdaten fortwährend gemessen und im Inneren prozessiert: Töne, Bilder, Standort-Koordinaten, Helligkeit, Temperatur, Luftfeuchte und Luftdruck. Die Festplatte des für den diesjährigen Transmediale-Award nominierten Geräts fasst angeblich einen Terrabyte – sobald das Speicherlimit erreicht ist, stellt das Objekt alle Messtätigkeiten ein. Gerade weil das Werk jegliche Interaktion verweigert, weckt es um so größeres Interesse. Denn "Endo" ist das kalte, geizige Herz unserer auf Vernetzung und Datenaustausch bedachten Zeit. Es pocht irgendwo in der Tiefe der Netze, sammelt untentwegt Daten, ohne den Grund für seine Neugier preiszugeben. So wirkt es zugleich bedohlich und bedauernswert zugleich – führt doch der ungezügelte Datenhunger geradewegs zur Informationsschockfrostung.

"Transmediale.08 – Conspire"

Termin: Festival bis 3. Februar; Ausstellung bis 24. Februar; Haus der Kulturen der Welt, Berlin.
http://www.transmediale.de/